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Respekt vor einem gewichtigen Erbe: Kotaro Fukuma will mit seiner neuen Chopin-CD den Menschen Hoffnung machenEin Interview mit Kotaro Fukuma von Stefan Pieper

Kotaro Fukuma wurde in Tokyo geboren und ist in Berlin heimisch geworden. Aktuell engagiert er sich für ein wichtiges persönliches „Lebensthema“, nämlich die Musik von Frederic Chopin. Fukumas Terminkalender ist reich gefüllt. Gerade in Bordeaux hatte er einen Videodreh für die Promotion einer Konzerttournee in seinem Heimatland, danach geht es sofort zurück nach Berlin zu einem Heimspiel im Pianosalon Christophori (am 9. August). Seine zehnte CD, unter anderem mit den 24 Préludes und der h-Moll-Sonate von Fréderic Chopin markiert darüber hinaus ein besonderes Reifezeugnis des Mittdreißigers.

Feuilletonscout: Ihre Diskografie deutet auf eine große Vielseitigkeit hin. Warum haben Sie eigentlich so viele CDs für viele verschiedene Labels produziert?
Kotaro Fukuma: Das hat mehrere Gründe. Bei einer CD-Produktion kommt es immer auf den passenden Zeitpunkt an. Ich wollte unbedingt ein Programm aufnehmen für die Promotion meiner Konzerttournee in Japan, wo ich die h-Moll Sonate von Chopin spiele. Ich wollte die CD natürlich auch in Europa veröffentlichen, weil ich vor allem hier meine Karriere entwickle. Gerade habe ich auf Chopin-Festivals im französischen Nohant und in Paris gespielt. Dabei kamen auch die 24 Préludes zur Aufführung.

Feuilletonscout: Verraten Sie mir etwas über das spezielle Programm auf der vorliegenden neuen CD? Was ist Ihre eigene Botschaft dabei?
Kotaro Fukuma: Die h-Moll Sonate habe ich bereits mit 17 Jahren gespielt, aber ich war noch zu jung, um alles in seiner Tiefe zu verstehen. Meine Lehrerin damals sagte mir, ich freue mich, wenn Du sie nochmal mit Mitte 30 spielen würdest. Jetzt ist für mich der optimale Zeitpunkt gekommen. Übrigens war Chopin zum Zeitpunkt der Komposition genauso alt wie ich jetzt im Moment.
Chopin ist mein Lieblingskomponist seit der Kindheit. Zugleich ist er „der“ beliebteste Komponist in Japan. Ich kann dieses Phänomen gar nicht genau erklären. So viele Leute mögen in Japan Chopin und wenn ich ihn ins Programm einbaue, kommen ganz viele Leute. Ich spiele aber nicht immer nur Chopin, sondern interpretiere auch gerne ganz andere, seltene Stücke, auch zeitgenössische.

Feuilletonscout: Spüren Sie auch dem Kontext einer Komposition nach, also allem, was da jenseits der Noten steht?
Kotaro Fukuma: Auf jeden Fall. Chopin schrieb einige Préludes bei einem Aufenthalt in Valdemossa, Spanien. Ich habe mich bewusst an diesen Ort begeben. Chopins Gesundheitszustand war zum Zeitpunkt seines Aufenthaltes dort schlecht. Trotzdem ist eine großartige Musik in dieser Situation entstanden. Ich selbst habe sehr viel gute Inspiration an diesem Ort bekommen.

Feuilletonscout: Hat das die Sichtweise auf die Musik verändert?
Kotaro Fukuma: Ja, natürlich. In Valdemossa gibt es ein Chopin-Festival, und ich fühlte mich sehr berührt, hier Chopins Musik in diesem alten Kloster zu hören. Ich stand auch vor Chopins Arbeitszimmer – es ist sehr dunkel darin und das war etwas bedrückend. Der Geist von Chopin war mir sehr nah. Ich fühlte regelrecht Mitleid angesichts seines Leidens an diesem Ort. Ich mag solche Reisen für meine Forschungen. Ich bin ja auch für meine Albeniz Interpretationen nach Spanien gereist.

Kotaro Fukuma / photo by Marc Bouhiron

Kotaro Fukuma / photo by Marc Bouhiron

Feuilletonscout: Geht es nur um historisches Wissen oder auch um eine Gefühls-Ebene?
Kotaro Fukuma: Ich möchte Dinge live sehen. Es gibt in Mallorca diesen Hafen. Wenn man dort steht und den Wind spürt, ist die Luft total anders als etwa in Polen oder und in Paris. Durchaus widerspiegelt das erste Prélude diese frischen Luft und diesen Wind. Solche Gedanken und Bilder drücke ich gerne in meinem Spiel aus. Mich beschäftigen solche Fragen: Wie konnte er diese ganze Situation ertragen? Diese besondere Stille in Valdemossa hat meine Gedanken für seine Musik vertieft.

Feuilletonscout: Mir raubt es den Atem, wie Sie in den 24 Préludes diese ganze technische und emotionale Bandbreite entfesseln. Verraten Sie mir Ihre Insider-Sichtweise?
Kotaro Fukuma: Die 24 Préludes sind nichts weniger als ein ganzer Lebens-Zyklus. Er zeigt alles an Gefühlen vom Leben. Die Tonarten haben sogar eine spezielle Symbolik. C-Dur steht für die Geburt, d-Moll symbolisiert den Tod. Das schwierigste beim Spiel der Stücke sind nicht nur die virtuosen Elemente – vor allem kommt es darauf an, einen besonderen, singenden Ton zu spielen.

Feuilletonscout: Haben Sie sich bewusst Zeit gelassen, mit Chopin spät anzufangen?
Kotaro Fukuma: Chopin ist der einzige Komponist, dessen Musik ich immer spiele. Sie hilft mir, mich künstlerisch weiter zu entwickeln. Nicht nur, sondern auch menschlich. Natürlich mag ich Chopins Musik über alles, und ich möchte noch ganz viel von ihm spielen. Im Chopin-Jahr 2010 anlässlich seines 200. Geburtstags musste ich viele Werke von ihm spielen. Danach kamen viele Anfragen die mich anregten, Chopin auf CD einzuspielen. Ich wollte mein Repertoire also erweitern. Ich dachte, 24 Préludes sind Chopins bedeutende Musik, bei der man als Pianist viel lernen kann.

Feuilletonscout: Was sagen Sie mit dem Titel Legacy, was auf Deutsch so etwas wie Erbe heißt?
Kotaro Fukuma: Ich halte die Préludes und die h-Moll Sonate für die höchsten musikalischen Kunstwerke von Chopin. Es ist ein Wunder, dass er trotz seines angegriffenen Zustandes so etwas komponieren konnte. Der Titel ist Ausdruck meiner hohen Wertschätzung.

Feuilletonscout: Was möchten Sie Ihrem Publikum geben?
Kotaro Fukuma: Ich habe in den letzten Jahren viel über das Leben und den Tod nachgedacht, auch aufgrund persönlicher Erfahrungen. Es gab traurige Nachrichten aus der Welt. Ich habe wichtige Personen verloren. Zum Beispiel meinen wichtigen Mentor Aldo Ciccolini. Deswegen habe ich viel an den Tod gedacht. Ich wollte auf jeden Fall Trost und Hoffnung in der Musik finden und diese auch ans Publikum weiter geben.
Die wichtigste Aufgabe eines Künstlers sehe ich heute darin, Menschen Hoffnung fürs Leben zu geben. Es gibt so viel Stress, Terror, Angst, Sorge aber auch Isolation in dieser Welt. Musik kann Menschen versammeln. Sie ist der schnellste Kommunikationsweg zwischen Herzen. Daran glaube ich, egal ob ich im Konzert spiele oder eine CD aufnehme.

Feuilletonscout: Dann haben Sie ja doch den richtigen Beruf gefunden! Wie gefällt Ihnen Berlin?
Kotaro Fukuma: Ich kam vor 12 Jahren zum Studium an die Universität der Künste bei Prof. Klaus Hellwig. Das Berliner Leben gefällt mir sehr gut – es gibt so eine dynamische Atmosphäre und große Offenheit, die allein durch so viele Menschen und auch Künstler aller Nationen entsteht. Alles erscheint hier möglich – und das mag ich.

Feuilletonscout: Was ist in Berlin möglich, was in Tokyo nicht möglich wäre?
Kotaro Fukuma: (lacht) Ich habe neulich das Künstlerhaus Novilla besucht, wo eine amerikanische Freundin von mir eine Ausstellung gemacht hat. Die Atmosphäre ist toll, überall gibt es Kunstwerke draußen im Garten – ebenso eine Bühne, wo man einfach Konzerte geben kann. In Tokyo ist so etwas viel schwieriger – es ist wenig Platz für solche Projekte und alles ist so teuer. Japaner sind auch so sensibel, was Ruhestörungen betrifft. Man kann nicht einfach draußen Musik machen.

Feuilletonscout: Haben Sie schon mal im Pianosalon gespielt?
Kotaro Fukuma: Mindestens 10 Mal seit 2008. Das ist auch ein sehr einmaliger Ort für Berlin. Ich habe dort auch schon mal ein Videoprojekt zu dem klassischen Musikthema Wasser gemacht. Wir haben auch ein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Japan 2011 gemacht. Dieser Ort hat schon eine besondere Atmosphäre, da auch eine Werkstatt für historische Flügel integriert ist.
Es gibt auch viele klassische Konzerte in Berlin speziell für Kinder und junge Leute. Es ist schwer heutzutage, junge Leute für ein Konzert zusammen zu bringen. Das ist in Berlin etwas besser, weil es viele Konzertformate mit einer offenen, relaxten Atmosphäre gibt.

Herr Fukuma, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

 

Kotaro Fukuma
Chopin
ARS-Produktion 2017
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