Oma schreckt vor nichts zurück

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Sensationelle Wiederentdeckung einer Oper von Camille Saint-Saëns. Romeo und Julia nach Korsika verlegt. Großmutter erschießt aus Versehen Enkelin. Münchner Premierenpublikum begeistert.  Ein neues Stück fürs Repertoire? Warum war L’ancêtre lange vergessen? Von Irma Hoffmann und Stephan Reimertz.

Die Oper L’ancêtre (hier: Die Ahnfrau) von Camille Saint-Saëns, uraufgeführt 1905 in Monte Carlo, ist ein lyrisches Drama in symphonisch durchkomponierter Großform, abwechslungsreich gestaltet mit Soli, Duetten usw. sowie Chören und Orchesterzwischenspielen. Das lyrische Drama verhehlt auch Reste der Grand Opéra nicht. Dramaturgin Julia Schinke betonte vor der Premiere am vergangenen Mittwoch im Prinzregententheater in München, dass das Werk zuletzt 1907 aufgeführt wurde, und zwar in Paris. Sie ließ offen, warum L’ancêtre in der Zwischenzeit in der Versenkung verschwunden ist.

Das Werk verfügt über folgende Vorzüge:

1.) Kurze und prägnante Handlung, dramatisch zugespitzt und leicht nachvollziehbar. Dadurch ist das Werk auch für Opernneulinge und Kinder geeignet.

2.) Eingängige Melodik und deutliche Charakterisierung der Personen. Dramatische Handlung.

3.) Reicher, farbiger und lyrischer Orchesterklang, subtil abschattiert.

4.) Die Handlung weist auf die Gefahr von Clanbildung auf Korsika hin, bis heute ein Problem.

Romeo-und-Julia-Geschichte mit Rigoletto-Ende

Zur Zeit Napoleons tobt auf Korsika bereits über Generationen eine Familienfehde zwischen den Pietras Neras und den Fabianis. Oma Nunciata (stolz und eindrucksvoll: Heike Grötzinger) treibt die junge Vanina (brillant wie vor kurzem schon als Dorabella in So machen’s alle: Céline Akcag) in einen Konflikt. Die junge Frau liebt einen jungen Mann aus dem andern Clan, Tebaldo (eindrucksvoll als Sänger und Darsteller: Thomas Kiechle). Als sie sich Nunciatas Befehl, Tebaldo zu ermorden, entzieht, greift Oma selbst zur Flinte, erschießt aber versehentlich die eigene Enkelin. Als Entschuldigung fällt ihr nur ein, dass sie in ihrem Alter schlecht sieht.

Bienen als Metapher diffuser Bedrohung

Eine entscheidende Rolle in dem Drama kommt dem Eremiten Raphaël (hinreißend: Jeong Meen Ahn) zu. Nach seiner Haube zu urteilen dürfte dieser Geistliche der einzige Eremit im Bischofsrang sein, den die Kulturgeschichte kennt. Raphaël ist eine Art Moderator des Werkes. Die Bienen, die er aussendet, dienen als Metapher diffusen Unbehagens, selbst wenn der Komponisten sich bei seiner Musik für die kleinen Biester von der sommernächtlichen Schlussszene des Figaro inspirieren ließ. Das Münchner Rundfunkorchester unter Matthias Foremny ist auf einem guten Weg, der Subtilität der Partitur gerecht zu werden. Bienen sind auch auf dem Plakat zu sehen, das in der ganzen Stadt für den Besuch der Oper wirbt. Dazu muss man wissen, dass in Bayern gerade ein erfolgreiches Volksbegehren für Artenschutz stattfand. Seitdem erfreuen sich die Bienen besonderer Beliebtheit.

Theaterakademie August Everding / L’Ancêtre / Céline Akçag (Vanina), Heike Grötzinger (Nunciata) und Chor © Jean-Marc Turmes

Modern und einfühlsam

Bei dieser deutsche Ernstaufführung der zweitletzten Oper des Meisters entschied sich Regisseurin Eva Maria Höckmayr für eine auf die Substanz reduzierte und doch bildmächtige Inszenierung, die man als modernistisch ohne Aufdringlichkeit bezeichnen kann. Vogelscheuchen, welche die Opfer repräsentieren, die bereits in den Jahrhunderten der Familienfehde gefallen sind, werden dann und wann von der Decke heruntergelassen. Die schwarzen Flocken auf dem Bühnenboden darf man wohl als verkohlte Reste alten Glanzes verstehen.

Das schönste Kostüm trug die Kostümbildnerin selbst

Kostümbildnerin Julia Rösler tat ihren Figuren schlichte und überzeugende Kostüme an, wobei, als die Künstlerin die Bühne zum Schlussapplaus betrat, deutlich wurde, dass sie sich das schönste Kostüm, ein flammend rotes Kleid mit Jacke, selbst vorbehalten hatte. Wie immer heimsten die Kinderdarsteller den lautesten Applaus ein. Es war ein stimmiger und schöner Abend im Prinzregententheater. Die meisten Zuschauer verließen das Haus mit der Frage, warum L’ancêtre bisher unbekannt geblieben ist und der Hoffnung, dass die Oper von nun an fester Bestandteil des Repertoires werden könnte. Die Theaterakademie »August Everding« und ihre passionierten jungen Musiker haben mit dieser Neuentdeckung einen Beitrag dazu geleistet.

Weitere Termine am 26. und 30. März
Informationen und Tickets hier

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