Komik und Schrecken einer medialen Dystopie

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Jacqueline Reddington ist eine der großen Regie-Begabungen unserer Zeit. An den Münchner Kammerspielen präsentiert sie eine Kammerspiel-Revue nach Ernst Jüngers dystopischer Erzählung Gläserne Bienen. Die Schauspieler Kjell Brutscheidt, Marcel Herrnsdorf und Nick Romeo Reimann ziehen den Zuschauer in eine beklemmende Posse. Ihre Aussprache ist allerdings etwas ungewöhnlich. Kurze Bemerkung von Stephan Reimertz zu einer außergewöhnlichen Münchner Theaterproduktion.

In Ernst Jüngers Erzählung Gläserne Bienen aus dem Jahre 1957 bewirbt sich der preußische Rittmeister Richard bei dem Fabrikanten Zapparoni, der allerhand Zukunftszeugs herstellt, darunter Nanoroboter, die den Menschen umschwirren und beobachten. Der potentielle Arbeitgeber unterzieht Richard einem Persönlichkeitstest, an dem dieser scheitert. Die Regisseurin Jacqueline Reddington zaubert an den Münchner Kammerspielen aus der literarischen Vorlage eine Schauspielrevue. Konsequent durchdacht und diszipliniert durchgezogen, überzeugt ihre freie Theaterversion der prophetischen Erzählung von Ernst Jünger nicht zuletzt dank der drei trotz ihres jugendlichen Alters künstlerische ausgereiften Schauspieler. Kjell Brutscheid, Marcel Herrnsdorf und Nick Romeo Reimann konfrontieren den Zuschauer mit der beklemmenden Posse einer Assessment-Revue, in der Richard in menschenverachtenden Persönlichkeitstests zu einem neuen Woyzeck degradiert und immer mehr erniedrigt wird.

Foto © Federico Pedrotti

Der technokratische Jargon der neoliberalen Arbeits- und Management-Welt ist in der neuen Textfassung auf hohem Niveau abgebildet. Den Jungstars gelingt eine hochtheatralische Sprachkritik. Die Begeisterung des Premierenpublikums war berechtigt, zumal wir alle die zynische Sprache der Industriepropaganda in unsrem Alltag kennengelernt haben. Doch warum können die Schauspieler nicht zwischen offenen und geschlossenen Vokalen unterscheiden? Auch für Bienen macht es einen Unterschied, ob sie im Wald Beeren finden oder Bären.

Weitere Aufführungen am 14. und 15. Mai 2019, 20 Uhr

Münchner Kammerspiele
Falckenbergstraße 2
80539 München

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