Fliegende Bilder und Tänzer. „Flying Pictures“ nach Modest Mussorgsky

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Die Halle bebt, das Publikum ist euphorisch. Das Museum für Gegenwart in Berlin, der Hamburger Bahnhof, ist Schauplatz der „Flying Pictures“ nach Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“.  Von Barbara Hoppe.

Während der Ouvertüre werden leuchtende Bilderrahmen herabgelassen, umtanzt von zwei Männern mit weißen Handschuhen. Sie bereiten die Ausstellung vor. Das letzte Staubkörnchen wird anmutig fortgewischt. Der tragende Beat des Orchesters lässt ahnen, was folgt. Bilder werden lebendig. Sie fangen an zu tanzen.

Exzellenz zwischen Hip Hop und Klassik

Überschreibung nennt das Komponisten-Brüderpaar Vivan und Ketan Bhatti ihre Komposition. Wie bei einem Palimpset immer noch das Original durscheint, so erkennt man auch bei den Bhatti-Brüdern immer noch Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sowie die Bearbeitung von Ravel. Und dennoch ist etwas gänzlich Neues entstanden. Eine wuchtige, bisweilen eindringliche Neukomposition, der das Berlin Musik Ensemble Leben gibt und deutlich macht: Die Brüder sind exzellente Komponisten. An der Schnittstelle zwischen Klassik, Elektronica und Hip Hop führt Vivan Bhatti das Orchester sicher durch die ungewohnten Klänge. Nichts ist hier elektronischer Beat. Handgemacht kommt der Sound einer Snare Drum aus der Bassklarinette, den Bassdrum-Sound übernimmt die Tuba. Man muss schon zweimal hinschauen um wirklich sicher zu sein, dass auf der Orchesterbühne Musiker mit klassischen Instrumenten spielen.

Was nach der Ouvertüre folgt ist ein Gesamtkunstwerk, das im Einzelnen zu beschreiben den Künstlern und dem einzigartigen, alle Genregrenzen sprengenden Stück nicht gerecht würde. Ein Team von Top-Profis läuft wie ein geschmiertes Räderwerk ineinander: Musik, Tanz, Kunst und in den Unterkategorien als Komposition, Interpretation, Choreographie und Design von Bühne und Kostüm zeigen, dass Kunst nicht an den Grenzen von E- und U-Musik endet, nicht zwischen bildender und darstellender Kunst unterschieden werden muss, Urban Dance, Contemporary und Klassisches Ballett eine Symbiose eingehen können, die alle Genres noch einmal auf eine ganz andere Ebene hebt.

Dank an Kunstleben Berlin für die tollen Impressionen von der Show

Fliegende Tänzer, tanzende Bilder

Anfangs feierten die Flying Steps, diese ungemein ausdrucksstarke, charismatische und akrobatische Tanzkompagnie ihre Erfolge auf der Straße. Es folgten Videoclips, Imagefilme, eine Dokumentation in Spielfilmlänge und schließlich kam im Jahr 2010 „Flying Bach“. Damals schon hatte Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, Spürsinn bewiesen und die Truppe in die Neue Nationalgalerie geholt. 2014 folgte schließlich „Flying Illusions“.

Als Vivan und Ketan Bhatti dem Breakdancer und Gründer der Flying Steps, Vartan Bassil, anschließend die Idee vorstellten, „Bilder einer Ausstellung“ zu inszenieren, war dessen Ehrgeiz geweckt. Klassische Musik war bisher nicht sein Feld gewesen. Die Herausforderung war groß, er nahm sie an und entdeckte, dass die Basis aller Musikrichtungen hier verborgen liegt.

Es geht also um die „Bilder einer Ausstellung“, jene Komposition, die Modest Mussorgsky 1874 seinem verstorbenen Freund, dem Maler Viktor Hartmann widmete. Zu zehn ausgewählten Werken komponierte der Russe einen musikalischen Hintergrund und verband die Stücke mit Promenaden. Meisterhaft, was die Tänzer daraus machen. Das Ensemble überrascht nicht nur durch seine Vielseitigkeit, sondern auch durch einen prägenden Stil. Wer hier tanzt, gehört zur Crème de la Crème des Urban und Contemporary Dance. 

Mit OSGEMOS aus Brasilien fand die bildende Kunst Eingang in die atemberaubende Show. Aus der Hip Hop- und Graffiti-Szene kommend, setzen das Zwillingspaar Gustavo und Otavio Pandolfo riesige B’Boys in Szene, wandelnde Skulpturen, die wie aus einer anderen Dimension auf die Erde gefallen zu sein scheinen.

Am Ende tobt das Publikum in der historischen Halle, die Künstler strahlen und Berlin feiert nicht nur ein weiteres Event, sondern die Symbiose von Kunst auf einem ganz neuen Level.

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