Es muss nicht immer Murakami sein

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Clarissa Goenawan ist in Singapur geboren und schreibt mit „Rainbirds“ einen der schönsten Japan-Romane seit Murakami. Von Barbara Hoppe.

Es wäre nicht fair, Clarissa Goenawan mit Haruki Murakami zu vergleichen. Auch wenn es auf der einen Seite sicher eine Auszeichnung ist, mit dem ewigen Anwärter des Literaturnobelpreises  auf eine Stufe gestellt zu werden, wird es der jungen Indonesierin nicht gerecht. Denn Clarissa Goenawan schafft es, trotz der von ihr erzeugten Stimmung, die durchaus der in Murakami-Romanen ähnelt, einen eigenen Stil zu schaffen und sich damit wohltuend vom Altmeister abzusetzen. Obgleich es auch bei ihr durchaus mysteriös ist, bleibt sie doch geerdeter. Das Zwischenweltliche ist irdischer als bei Murakami und immer auch als solches erkennbar. Denn ihr Protagonist durchlebt eine schwere Zeit.

Gerade mit der Universität in Tokio fertig, erfährt der 24-jährige Ren Ishida vom Tod seiner acht Jahre älteren Schwester Keiko. Sie lebte in der Kleinstadt Akakawa und arbeitete dort als Lehrerin. Nun wurde sie ermordet. Er reist in den Ort und findet sich bald in einem kleinen, einfachen Hotel wieder, in dem er mit der Urne und der Asche seiner Schwester unterkommt, um ihre letzten persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Dabei stellt er fest, dass er – obwohl die beiden Geschwister ein enges Verhältnis hatten, als Kinder von den Eltern allein gelassen wurden und bis zum Tod der Schwester regelmäßig miteinander telefonierten –  so gut wie nichts über Keikos Leben weiß. Nie sprach sie von einem Mann, den es aber offenbar gab. Ihr Arbeitsplatz an einer Paukschule ebenso wie ihr Zimmer sind penibel aufgeräumt, kein persönliches Detail verrät etwas von ihr. Ren beschließt, vorerst in Akakawa zu bleiben und mehr herauszufinden. Hilfreich ist, dass er sowohl in ihr altes Zimmer einziehen darf, für das er lediglich der verstummten Ehefrau des Hausherrn regelmäßig vorlesen muss – ein Arrangement, mit dem auch Keiko gelebt hatte – als auch an der Schule, an der Keiko unterrichtete, einen Job angeboten bekommt. Während er sich hier immer mehr in die Avancen der schönen, eigenwilligen Schülerin Rio verstrickt, ereilen ihn im stillen Haus seines Vermieters eigenartige Träume, in dem ein kleines Mädchen mit Zöpfen immer wieder auftaucht.

Coverabbildung ©  Thiele & Brandstätter Verlag

„Rainbirds“ entwickelt auf eine betörend einfache Art eine ungemeine Sogwirkung. Klar in der Sprache und unprätentiös schildert Clarissa Goenawan die Suche nach der Wahrheit. Träume und Halluzinationen gehen mit Leichtigkeit als Resultat der psychischen Belastung durch, nachvollziehbar, aber anders als bei Murakami nicht als Parallelwelt angelegt. Im Gegensatz zu vielen anderen japanischen Helden ist ihr Protagonist nicht einsam. Er kann bereits auf eine stattliche Anzahl von Ex-Freundinnen zurückblicken und in Tokio wie auch in Akakawa gibt es Freunde und Bekannte. Umstände, die Clarissa Goenawan immer wieder geschickt mit einem Hauch Mystery umgibt. Denn manches Mal verliert ihr Held den Überblick. Übrig bleiben eigenartige Andeutungen, die nicht aufgelöst werden. Clarissa Goenawan braucht nicht viel, um ungemein spannend die Suche nach einer Wahrheit zu schildern, auf der nicht nur familiäre Verwicklungen zutage treten, sondern auch die japanische Gesellschaft mit ihrer ganzen Zwiespältigkeit porträtiert wird. Beachtlich für eine indonesische Autorin, die in Singapur lebt und auf Englisch schreibt. Für ihre Kurzgeschichten bereits mehrfach ausgezeichnet, muss man Clarissa Goenawan nun auch als Romanautorin im Auge behalten. Mit „Rainbirds“ ist ihr ein Pageturner gelungen, der uns auf Weiteres freuen lässt.

Clarissa Goenawan                                                             
Rainbirds
Thiele & Brandstätter Verlag, Wien 2019
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