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Engadiner Romanpoetik: Leta Semadeni „Tamangur“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Als die Lyrikerin Leta Semadeni 70 Jahre alt wurde – vor fünf Jahren – legte sie gleichzeitig ihren ersten Roman vor. „Tamangur“ heißt er. Nun, zu ihrem 75. Geburtstag, bringt der Rotpunktverlag dieses Kleinod Engadiner Romanpoetik in einer erweiterten Neuauflage heraus.

Roman nennt sich bekanntlich vieles. „Tamangur“ ist zweifellos einer, und doch spürt man mit jedem Wort, dass hier eine Autorin schreibt, der die Poesie durch die Adern fließt. Tamangur ist eine entlegene Region im Unterengadin. Charakteristisch ist seine Moor – und Arvenlandschaft. Hier leben jene Schweizer, die die rätoromanische Kultur und Sprache am Leben erhalten.

Cover: Rotpunkt Verlag / Edition Blau

Und hier lebt auch das Kind aus Leta Semadenis Roman. Gemeinsam mit der ebenfalls namenlosen Großmutter füllt es die Leere, die nicht nur der Großvater hinterlassen hat. Dieser ist im Paradies der Jäger, in Tamangur. Wenn die Großmutter davon spricht, gehen ihre Augen himmelwärts. Aber die Leere entsteht auch durch die fehlenden Eltern und einen kleinen Bruder, der in einem unbedachten Moment vom Wasser in Richtung Schwarzes Meer getragen wurde. Und sie entsteht durch Elvis Presley, den die seltsame Elsa bisweilen zum Abendessen mitbringt, bevor er ihr wieder das Herz bricht.

Tamangur ist ein schlichtes und doch farbenreiches Kaleidoskop, in dem es nicht selten höchst komisch wird. Etwa wenn Elsa betont, sich nie zu langeweilen: „… ich sitze oft neben mir. Wir sind ein gutes Team.“ Oder wenn die Großmutter den Buckel der Nachbarin damit erklärt, dass ihr das Herz vom rechten Fleck in den Rücken gehupft sei. Wenn da nicht immer die leise Melancholie mitschwänge, in der sich das Kind und die Großmutter eingerichtet haben. Denn „die Erinnerung ist meistens weit weg von der Wahrheit, aber sie macht glücklich, vorausgesetzt, man kann ab und zu etwas ausradieren“ und sie ist das „einzige, das nicht der Verwesung ausgesetzt ist“. Es ist eine reiche Erinnerung, die Kind und Großmutter hüten. Ersteres die Kindertage, als die Familie noch vereint war, letztere wahrt den Schatz an den Großvater und die schönen Orte der Welt in ihrem Herzen. Das Leben geht seinen ruhigen Gang, mit bunten Tupfern und seltenen Alpträumen. Die seltsame und doch so kluge Elsa bringt es auf den Punkt: „Das Glück überfällt dich, es lässt sich nicht herbeireden, es dauert nur Sekunden oder Bruchteile, aber die Erinnerung daran bleibt dir treu.“ Genau wie bei diesem kleinen feinen Buch.

Leta Semadeni
Tamangur
Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2019
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