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Von Carsten Schmidt

Hazal aus dem Berliner Wedding ist fast 18, nicht auf den Mund gefallen, und wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihren beengten, bedrängten, bedrohten Verhältnissen endlich einmal wahrgenommen zu werden, „nicht unsichtbar“ zu sein. Aufmerksamkeit erfährt sie bei ihren Freundinnen Gül, Ebru und vor allem Elma. Die heitern ihren Alltag zwischen dutzenden Absagen auf Bewerbungen und mies bezahlter Schwarzarbeit in Onkels Bäckerei zumindest ein bisschen auf.Darum will sie in Begleitung der Mädels den Abend zu ihrer Volljährigkeit richtig feiern, erstmals in einen Club gehen und bei Elma übernachten. Das wird beinahe noch von den schlechtmeinenden, groben, engstirnigen Eltern verhindert, aber letztlich stehen die vier wortgewaltigen jungen Frauen vor dem Club, in „Nuttenschuhen“ und voller Schminke. Sie werden abgewiesen – ihre Stimmung kippt wie ein Eimer voller Fäkalien von „schlecht“ auf „echt Kacke“.

Wer die heute 31-jährige Fatma Aydemir schon einmal live erlebt hat, dem braucht man nichts mehr erzählen.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis zu sehen, wie der Hälfte des Publikums bei dieser Stelle langsam ein Licht aufgeht, warum Hazal und ihre Freundinnen abgewiesen wurden, oder was für einen Grund sie sehen: ihre Herkunft. So sehr Hazal eigentlich ein ganz normales Mädchen ist, so wird dem Leser schnell klar, dass sie es ganz anders sieht. In direkter, absolut ungefilterter Art beschreibt Fatma Aydemir die Konflikte ohne bauschige, psychologisierende, abstrahierende Distanz. Mitten rein. So reden Elma und Hazal über die Bewerbungen:

„Du schreibst nie ‚ich‘ am Anfang und du machst so einen auf ‚ich kenne die Firma‘, und dann kriegst du eine Ausbildung, oder was? Und was ist mit deiner Kanakenfresse? Gibt es auch irgendwelche Tricks für das Foto?“

Das ist der ganz normale Umgang zwischen den Freundinnen, der realistisch und psychologisch höchst schmerzhaft nachvollziehbar zeigt: Hier haben junge Frauen nicht einfach nur miese Laune oder einen schlechten Tag. Nein. Hazal ist in einer Umgebung ohne Zuversicht und Selbstwertgefühl, und sie selbst schwimmt mitten drin im Fluss der Gleichgültigkeit. Auf nichts kann sie sich nicht freuen, noch nicht einmal auf ihren Geburtstag, weil es für sie „einen Scheiß bedeutet, dass ich achtzehn werde.“

Die schnörkellose Authentizität ist so wirkmächtig, dass man einfach nur zitieren muss, um die Welt der tief-sarkastischen Hazal zu erfassen:

„Immer lächeln, sagt mein Onkel, wenn man immer lächelt, kommen die Kunden wieder. Das ist anscheinend seine Geheimwaffe gegen die vier anderen Bäckereien im Umkreis von hundert Metern. Sie alle verkaufen denselben Dreck, die Schrippen schmecken nach nichts und sind voll mit Luft und sind sowieso vom selben Lieferanten. Aber bei uns gibt es eben noch ein Lächeln dazu, also lächle ich die kleine Schrumpeldame an, damit sie übermorgen hoffentlich wieder mit ihren verkackten fünfunddreißig Cent kommt.“

Hazal hat mit vielem abgeschlossen. An Karriere oder Glück glaubt sie im Grunde nicht. Für sie ist das, was für andere die Blüte des Lebens ist, nur ein „Warten auf eine besondere, reiche, eigene Zukunft, die es aber nicht geben wird, weil ich sie längst verpasst habe.“ Sie klammert sich an ganz fragile Strohhalme wie die Skype-Chat-Bekanntschaft zum Deutsch-Türken Mehmet, der vermutlich aus kriminellen Gründen nach Istanbul abgehauen ist.

In einem dramatischen Strudel einer Mischung aus „Gegen die Wand“ von Fatih Akin und „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger dreht Fatma Aydemir in unglaublich naher, ehrlicher und konsequenter Weise das Schicksalsrad von Hazal immer weiter. Niemand in der Umgebung der jungen Frau kann ihr Halt geben. Über die eigentlich tragende Säule der Familie hört sie: „Es geht darum, den anderen überzeugend Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen. So funktioniert Familie.“ Fatma Aydemir schafft es, den Lesern zu zeigen, wie Hazal genau diese private Enttäuschung auf die ganze Gesellschaft überträgt und von Deutschland überhaupt nichts erwartet.

„Ellbogen“ ist eigentlich kein Coming of Age-Roman, sondern ein Jugend-Drama

Allerdings ist es hochklassig in einer klaren, brutal durchdringenden Sprache geschrieben, so dass es beinahe wehtut, bis zum Ende mitzufiebern. Es ist aber auch die Klarheit und gesellschaftliche Relevanz, die dem Buch eine Bedeutung zukommen lässt, die weit über einem „normalen“ Jugendroman einer noch nicht etablierten Debütautorin liegt. „Ellbogen“ ist mehr als ein Achtungserfolg. Es ist ein wichtiger Meilenstein. In diesem Genre wird man noch in vielen Jahren wenige Bücher finden, die in ähnlicher Brisanz und Deutlichkeit das Bild von Türken, Frauen, Deutschen und Jugendlichen in der heutigen Zeit darstellt. Und tausende Lehrer in Deutschland täten gut daran, den verstaubten, abstrakt verkopften, überschätzten „Fänger im Roggen“ endlich beiseite zu legen und dafür „Ellbogen“ zu unterrichten. Kann sein, dass es dann hart zugeht zwischen Schimpfworten, Gewalt und Selbstmordgedanken – aber das wäre wenigstens ehrlich.

Fatma Aydemir
Ellbogen
Hanser Verlag, München 2017
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Coverabbildung © Hanser Verlag

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Einmal ohne Filter, bitte! Fatma Aydemirs rundum rotziger Roman „Ellbogen“, 5.0 out of 5 based on 1 rating