Die Kunst der Variation: Das unentdeckte Werk von Antoine Reicha

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Feuilletonscout Das Kulturmagazin für Entdecker MusikRezension von Ingobert Waltenberger.

„Abwechslung ist die Seele der Musik“ Reicha – ,Traité de haute composition musicale‘

Der serbische, in Paris lebende Pianist Ivan Ilic ist bei seinen diskographischen Erkundungen des enormen Schaffens von Antoine Reicha bei der dritten CD anlangt. Die hat es allerdings in sich. Auf knapp 87 Minuten Spielzeit hören wir eines der gigantischsten Variationenwerke überhaupt. Nicht nur für alle, die die Goldberg-Variationen (Bach) und die Diabelli-Variationen (Beethoven) schätzen, eine mehr als lohnende Erfahrung. Der tschechische Komponist hat seine „Kunst der Variation“ in Wien geschrieben.

Was für eine bewegte und wahrlich kosmopolitische Lebensgeschichte! Der 1770 in Prag, und damit im gleichen Jahr wie Beethoven, geborene Antonin Reicha war nicht zuletzt wegen des frühen Todes seines Vaters bald auf sich gestellt. So beschloss der frühreife und vorausschauende Junge, seinen Platz in der Welt behaupten zu wollen. Als Elfjähriger verließ er Prag, um seinen Großvater zu bitten, ihn zu seinem musikalisch erfolgreichen Onkel Josef zu schicken. Der war erster Cellist und Kapellmeister beim Fürsten zu Oettingen-Wallerstein und reüssierte offenbar auch sehr gut als Lehrer Antons. Mit 15 Jahren folgte Anton Josef nach Bonn, wo letzterer einen Job als Konzertmeister des Orchesters des österreichischen Erzherzogs Maximilian Franz (Bruder von Kaiser Joseph II. und Kurfürst von Köln) erhielt. Anton verdingte sich als Geiger und Flötist im Orchester und lernte bald Beethoven kennen. Die beiden begannen an der Uni gleichzeitig Philosophie und Mathematik zu studieren. Drei Jahre später verließ Beethoven Bonn in Richtung Wien, Reicha ging nach der Besetzung der Stadt durch französische Truppen nach Hamburg, wo er sich aufs Komponieren konzentrierte. Einen ersten Paris-Aufenthalt unterbrach Reicha, um in Wien bei Joseph Haydn seine Kenntnisse zu vertiefen. Als luxuriöse Masterclass sozusagen. Später lebte Reicha ganz in Paris, wo er den Vornamen auf Antoine assimilierte und 1829 die französische Staatsbürgerschaft erwarb.

In Wien war es aber, dass Reicha 1803/1804 seine gigantische „L’art de varier“ aufs Papier brachte und Fürst Louis-Ferdinand vom Preußen widmete. Wir erinnern uns: Auch Beethoven war damals von dieser Form besessen und hat sich hierüber historisch belegt mit Reicha ausgetauscht. Etwa zur gleichen Zeit entstanden Beethovens zukunftsweisende „Sechs Variationen in F-Dur Op. 34“ und die „Fünfzehn Variationen über ein Originalthema in Es-Dur Op. 35“.

Reicha wählte für sein Op. 57 als Eingangsthema ein eher behäbiges simples Andante in F-Dur. Dann aber flitzt er mit einer Fülle an originär imaginierten Abwandlungen wie in einer Hochschaubahn los. „Die Mehrzahl der Variationen Op. 57 halten sich zwar an die zwölf Takte der Form, alle bis auf acht halten sich an die Tonart F-Dur und viele von ihnen behalten in mehr oder weniger verschleierter Form das Thema bei. In der Tat besteht für Reicha eine der Variationentechniken darin, die Begleitung des Themas zu ändern. [..] Reicha ist in ‚L’Art de varier‘ nicht nur ein Nachfolger Bachs und Zeitgenosse von Mozart, Haydn und vor allem Beethoven, sondern auch der glänzende und visionäre Vorläufer von Chopin, Schumann, Alkan und Liszt.“ (Marc Vignal).

Reicha war aber auch Theoretiker und ein akademisch tätiger Autor. In seiner Abhandlung „Philosophisch-practische Anmerkungen zu den practischen Bespielen“ beschreibt Reicha die vielfältige Kunst, ein Thema zu variieren: Und zwar durch Transponieren in eine andere Tonart, durch Veränderung des Registers, des Tempos, der Taktart, durch Verkleinerung oder Vergrößerung der Notenwerte, durch Auszierung der Melodie oder Synkopieren, durch Verwandlung in einen Tanz oder eine Fuge, durch andersartige Harmonisierung oder andere Methoden (Vorschläge , Triller, Praller), stets in erkennbarer Form.

Diese Beschreibung soll den Hörer darauf einstimmen, wie ungemein abwechslungsreich die Variationen ausfallen. Offenbar hatte der Tonsetzer, aber auch das damalige Publikum Geschmack an der „L’art de varier“ gefunden. Denn um 1824 veröffentlichte Reicha als Op. 102 wiederum 57 Variationen, diesmal über ein einzelnes Thema (aus einer Opéra comique von Gretry), gefolgt von einem Rondo.

Ivan Ilic geht an die Variationen mit arithmetischer Klarheit heran. Er unterscheidet sich von anderen Pianisten wie Glenn Gould, der Bach monostilistisch in einem an ein Cembalo erinnerndes stark umzirkeltes Ton-Geploppe darreicht (um keine Missverständnisse zu erzeugen: ich liebe das!), dadurch, dass er den vom Komponisten angewandten verschiedensten Techniken auch in der Interpretation folgt. Ein allzu esoterischer Anschlag ist seine Sache nicht, die Variationen erklingen bis auf wenige Ausnahmen handfest und markant in die Tastatur gemeißelt. Das wirkt dynamisch nicht ausgeklügelt differenziert, bekräftigt aber – zumindest was die in Extremen konstruierte Temporegie und das scheinbar Improvisatorische betrifft – noch den Eindruck von Reichas unglaublicher Erfindungsgabe und Meisterschaft. Im unbändigen Bewegungsdrang am Beispiel des Haken schlagenden Kaninchens erinnert Reicha doch sehr an seinen Master Joseph Haydn und dessen aleatorische Lust, das Publikum an jeder Ecke mit Unerwartbarem zu verblüffen. Der Interpret folgt dem mit hörbarem Vergnügen, ohne sich subjektiv in den Vordergrund zu stellen. Ganz richtig: Bei Fugen oder auch Variationen braucht es strukturelle Nüchternheit und keinen romantischen Überschwang.

Insgesamt handelt es sich um ein eminent wichtiges Album. Dem Pianisten ist zu danken, weil er wieder einmal – die Diskographie Reichas ist beachtlich groß – und das zu Reichas 250. Geburtstag einen Komponisten zur Diskussion stellt, der auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient. Anhören und Antonin, Anton, Antoine Reicha entdecken!

Ivan Ilić
Antoine Reicha Vol. 3
The Art of Variation
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