„Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappara zeigt das wahre Indien

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

„Wir treten raus in den Smog, der sich in jeden Winkel der Stadt eingenistet hat und unsere Zungen mit einer Ascheschicht bedeckt. Wieder müssen wir einen Fremden nach der Richtung fragen“. Der neunjährige Jai und seine Freundin Pari haben sich weit über die Grenzen ihres Bastis, der illegalen Siedlung, in der sie Zuhause sind, hinausgewagt. Mit der Purple Line und zusammengeliehenem und geklautem Geld aus der Flasche mit dem Notgroschen sind sie „in die Stadt“ gefahren, um nach ihrem Freund zu suchen. Omvir ist verschwunden wie zuvor schon Bahadur. Die beiden Jungen sind wie vom Erdboden verschluckt.

Sind auch ihre Eltern verzweifelt und die Freunde ratlos, so sind Kinder, die aus einer illegalen Siedlung am Rand einer nordindischen Großstadt verschwinden, keine Seltenheit. Armut, trinkende und schlagende Väter, mangelnde Schulbildung, dafür aber viel Arbeit reichen, um davonzulaufen. Seltsam nur, wenn das hart verdiente Geld nicht mitgenommen wird. Das findet jedenfalls Jai. Er schaut für sein Leben gern die Polizei-Doku Police Patrol und findet, dass es an der Zeit ist, sein gesammeltes Fernsehwissen anzuwenden, um die Kinder zu finden. Mit seinen Freunden Pari und Faiz beginnt er, in den verwinkelten Gassen des Basars zu recherchieren und die Ohren zu spitzen.

Was wie ein Krimi klingt, geht weit darüber hinaus. Deepa Anappara taucht ihre Leserinnen und Leser tief ein in ein Indien von heute, in dem Menschen täglich um ihr Überleben kämpfen. Dabei steht Jais Basti noch verhältnismäßig gut da. Seine Bewohner haben Steinhäuser, Nachbarn, die sich umeinander kümmern und mit viel Mühe auch meist etwas Warmes zu Essen auf dem Tisch. Die Kinder können zur Schule gehen, auch wenn das Engagement der Lehrer nicht mit dem an Schulen reicherer Viertel zu vergleichen ist. Die Erwachsenen haben Arbeit – irgendwo in Fabriken oder als Hausmädchen der oberen Mittelschicht in den Hifi-Towers, die an das Elendsviertel grenzen – oder sie verkaufen ihre Waren in den verwinkelten Gassen des Bhoot-Basar. Ein Ort, der am Tag voller Leben ist und nachts ausgestorben und einsam zur Falle für die Kinder des Basti wird. Denn nicht nur Omvir und Bahadur verschwinden. Immer mehr Familien suchen verzweifelt ihre Kinder.

Buchcover: rowohlt Verlag

Grandios entwirft Deepa Anappara in ihrem Debüt ein Kaleidoskop indischen Lebens. Die Polizei bleibt tatenlos, ist korrupt und desinteressiert am Schicksal der Kinder. Begehrt man auf, läuft man Gefahr, verantwortlich zu sein, wenn das Viertel mit Bulldozern platt gemacht wird. Also kuschen die Armen vor der Obrigkeit, geben ihr letztes Hab und Gut als Bakschisch und suchen Hilfe bei vermeintlichen Heilsbringern und ihrem Pradhan, dem Anführer im Basti. Sie sind die Ärmsten und Machtlosesten, auf deren Rücken sich andere ihren Wohlstand sichern. Und wer arm und Hindu ist, der spielt sein letztes As aus und beschuldigt die ebenso armen Muslime, für das Verschwinden der Kinder verantwortlich zu sein.

Soziale und religiöse Spannungen kochen hoch je mehr Kinder verschwinden. Jai und seine Freunde schwirrt schon bald der Kopf. Aus Angst vor weiteren Entführungen dürfen sie kaum noch alleine sein. Als Neunjährige fehlt ihnen zudem jede Legitimation, Erwachsene zu befragen oder Forderungen zu stellen. Eine glückliche Kindheit sieht anders aus. Viel zu früh müssen schon die Kleinsten der Wirklichkeit trotzen, sich behaupten, Geld verdienen und kindliche Freiheiten suchen. Jedes dieser Kinder verfolgt seinen eigenen Plan, der Misere eines Tages zu entkommen: Pari sucht ihr Heil in einer guten Schulbildung, Faiz in der Arbeit, Jais Schwester Runu über den Weg sportlicher Höchstleistungen, die sechzehnjährige Anchal über einen Freund, dem es besser geht, Omvir und Bahadur durch die Flucht in eine andere Stadt. Träume, die jeden Moment zu zerplatzen drohen. Die Gefahr ist allgegenwärtig, die gesellschaftlichen Traditionen -vor allem für Mädchen – streng, der Smog zu dicht, um je den Weg in die Sonne zu finden.

Deepa Anappara gelingt das Meisterstück, trotz der Dramatik und der Schwere des Themas nicht nur spannend, erschütternd und berührend zu schreiben, sondern absolut mitreißend. Die Farben und Gerüche Indiens steigen einem durch die Zeilen vor Augen und in die Nase. Wer das Land kennt, sieht sich unvermittelt dort, wer nicht, bekommt einen authentischen Einblick. Die Autorin hat in Delhi und Mumbai als Journalistin gearbeitet. Man darf also annehmen, dass sie die Mechanismen von Polizei, Medien und Öffentlichkeit im Umgang mit den Ärmsten der Armen und dem schwächsten Glied in der Kette – den Kindern –  kennt. Ein Blick auf die Schlagzeilen über Gewaltverbrechen in Indien zeigt, dass schon Dreijährige entführt, vergewaltigt und ermordet werden. „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ beruht auf wahren Begebenheiten. Nichts könnte mehr erschüttern. Vergessen wir die Bilder von „Slumdog Millionaire“. Deepa Anappara ist die wahre Meisterin. Sie schafft allein durch die Kraft ihrer Worte Bilder, die man nie vergisst.

Deepa Anappara
Die Detektive vom Bhoot-Basar
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
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