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Das verliebte GenieDas Salzburger Landestheater eröffnet die Saison mit Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach. Von Stephan Reimertz

Friedrich der Große hat die spanische Nationalhymne komponiert? Das ist leider nur ein Gerücht. Unbestritten aber bleibt, dass ein Deutscher die französische Nationalhymne geschrieben hat, wenn auch nur die inoffizielle. Auch bei diesem Komponisten handelt es sich um einen König, und nicht etwa um den König eines ausgemergelten nordostdeutschen Flächenstaates, sondern den Herrscher eines wirklichen Königreiches: der Operette! Nicht die Fahnen wehen bei dieser Hymne, sondern die Röcke.

Jedes Kind kennt den Cancan aus Orpheus in der Unterwelt. Ebenso bekannt jedoch ist die Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, jener phantastischen Oper, mit welcher der in Köln geborene Jacques Offenbach, der erst mit vierundzwanzig Jahren nach Paris gekommen war, seine letzte Karte abgab. Als die phantastische Oper am 10. Februar 1881 in Paris uraufgeführt wurde, war der Komponist bereits seit vier Monaten tot. Sein letztes Werk aber erwies sich als unsterblich. Hoffmanns Erzählungen gehört zu den meistgespielten Opern aller Zeiten. Allein im Jahre 2017 kann man von den Contes d’Hoffmann 65 Aufführungen von 33 Produktionen in 27 Städten erleben, davon elf Premieren. Eine davon fand am vergangenen Samstag am Salzburger Landestheater statt.

Der Dichter als Opernfigur

Ihre außerordentliche Beliebtheit verdankt die Oper nicht nur den bekannten Erzählungen, die dem Libretto zugrunde liegen – Die Abenteuer der Sylvesternacht, Signor Formica, Der Sandmann, Rat Krespel und Don Juan von E. T. A. Hofmann sowie Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Adelbert von Chamisso  – sondern auch der Tatsache, dass Hoffmann, der Dichter, selbst als Opernfigur auftritt. Tatsächlich hat der Komponist den Versuch unternommen, auf offener Bühne einen Dichter beim Dichten zu zeigen. Dies erschien sogar einem erfahrenen Opern- und Filmregisseur wie Luchino Visconti als Problem, das er nicht lösen könne. So verwandelte er 1971 den Dichter in seiner Verfilmung von Thomas Manns Tod in Venedig in einen Komponisten.

Jacques Offenbach hingegen, Sohn eines jüdischen Kantors aus Köln, sah hier eine Herausforderung. Als Künstler, der in Deutschland aufgewachsen war und in Frankreich als Vater der Operette galt, war er die Zusammenarbeit mit Autoren gewohnt und wusste allzu gut, was so einem Dichter durch den Kopf geht. Fast sechzig Jahre nach dem Tod von E. T. A. Hoffmann stellte sein Landsmann Offenbach den Dichter der deutschen Romantik mitten im französischen Fin de Siècle als Opernfigur auf die Bühne.

Eine Oper wie ein Spiegelkabinett

Hoffmanns Erzählungen ist ein vielschichtiges Werk. Schon die zugrundeliegenden Novellen von Hoffmann und Chamisso führen den Künstlermythos und die Künstlermetaphysik vielfach gebrochen und ironisiert vor. Der Komponist wiederum griff nicht nur auf diese literarischen Vorlagen zurück, er ließ auch die Biographie Hoffmanns einfließen sowie ein Theaterstück, in dem dreißig Jahre früher zwei französische Autoren eine Synthese von Leben und Werk Hoffmanns angestrebt hatten. Zudem dürfen wir annehmen, dass der Komponist sich auch selbst in seinem Dichter-Protagonisten reflektierte. Hoffmanns Erzählungen ist also so etwas wie ein kompliziertes Spiegelkabinett. Offenbach erfand dafür eine beziehungsreiche und zugleich eingängige Musik, die zwischen der Großen Oper seines Landmanns Giacomo Meyerbeer und seinen eigenen Operetten einen schwungvollen Boden schlägt und voller literarischer und musikalischer Anspielungen steckt.

Hoffmanns-Erzählungen-–-Franz-Supper-und-Ensemble-©-Anna-Maria-Löffelberger.

Hoffmanns-Erzählungen-–-Franz-Supper-und-Ensemble-©-Anna-Maria-Löffelberger.

Der Regisseurin Alexandra Liedke muss man dafür danken, dass sie das Publikum mit der Komplexität dieses Werkes verschonte und sich stattdessen an die Forderung von Richard Strauss hielt, ein Opernregisseur solle keine eigenen Ideen haben. Dafür erfreuten in Salzburg einige Reminiszenzen an die Opernregie der achtziger Jahre wie zum Beispiel Videoeinspielungen. Doch weder von der Studententruppe, die dem Dichter am Anfang der Originalfassung huldigt, noch von dem Berliner Lokal Lutter & Wegner war in Liedkes Inszenierung etwas zu sehen. Dafür traten Musiker in Ballettröckchen auf. Auf diesem Niveau lief die ganze Inszenierung ab. Auch die Lichtanlage wurde nicht für komplexe Lichteffekte über Gebühr strapaziert. Für all diese Komplexitätsreduktionen dankten die Salzburger Zuschauer am Schluss mit langanhaltendem Applaus.

Die Traumfrau, eine männliche Projektion

Franz Supper sang einen von seinen dichterischen Visionen geleiteten und gequälten Hoffmann. Er offenbarte die Schwierigkeiten des Genies, die richtige Inspiration und die richtige Frau zu finden. Den Hauptteil der Oper bilden drei Episoden nach Hoffmanns Erzählungen, in denen jeweils eine Frau im Mittelpunkt steht, jeweils eine Liebe scheitert. Tamara Ivaniš sang die raffinierte Puppe Olympia. Im Gegensatz zum Rest der Oper, der in deutscher Übersetzung gesungen wurde, trug die sängerisch und darstellerisch hochbegabte Ivaniš die allseits bekannte Arie auf Französisch vor. Sofort kam eine andere Stimmung in den Saal, sofort spürte man Gelöstheit und etwas mehr Leichtigkeit und Charme. Man fragt sich, ob die Inszenierung nicht ganz in der Originalsprache hätte stattfinden sollen. Es fehlten Leichtigkeit und Eleganz, welche die französische Sprache den Musikern hätte eingeben können. Denn besonders der erste Teil geriet musikalisch und darstellerisch sehr grobschlächtig und war so pariserisch wie ein Kegelabend in Oberbayern.

Ödipale Konflikte

Den Kapellmeister Adrian Keller musste man für seinen Mut bewundern, einfach einmal drauflos zu dirigieren. Auch die zweite Frau, Giuletta, gesungen von Angela Davis, kann die Sehnsüchte des Dichters natürlich nicht erfüllen, denn sie erweist sich als Kurtisane. Wenn nach der Pause der Vorhang wieder aufgeht, ist alles anders. Die warme und zugleich starke Stimme von Anne-Fleur Werner als sterbender Antonia macht aus dem holzschnittartigen Bühnenspektakel doch noch Große Oper und reißt die anderen Darsteller und selbst das allzu affresco spielende Mozarteumorchester mit. Sie rettete den Abend, wenn auch nicht den Dichter, der am Ende einsehen muss, dass es für ein Genie schwierig, wenn nicht unmöglich ist, die große Liebe zu finden.

Puppe, Kurtisane und Sterbende; alles enthüllt sich als männliche Projektion. Ist es nicht immer dieselbe Frau? Stets bleibt die Geliebte im Bann einer Vaterfigur, die sie dem Liebhaber wieder entreißt. Diese Konstellation hatte kurz zuvor schon Tschaikowskij in seinem Ballett Schwanensee vorgeführt, und nicht lange danach nannte Sigmund Freud dergleichen einen ödipalen Konflikt. Die radikal simplifizierende Inszenierung erspart uns eine intelligente Analyse des männlichen Blicks und psychologische Zwischentöne. Das wäre zwar sehr aktuell, aber haben es nicht schon viele Opern- und Filmregisseure erfolgreich verwirklicht, etwa Alfred Hitchcock?

Hoffmanns-Erzählungen-–-Anne-Fleur-Werner-©-Anna-Maria-Löffelberger

Hoffmanns-Erzählungen-–-Anne-Fleur-Werner-©-Anna-Maria-Löffelberger

Salzburg steht in der Schuld von E. T. A. Hoffmann

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann bewunderte Mozart so sehr, dass er sich Ernst Theodor Amadeus Hoffmann nannte. Der vielseitige Künstler war preußischer Regierungsrat, Kapellmeister, Komponist und Novellist, ein Universalgenie, dessen Ruhm in Frankreich und Russland ebenso groß ist wie in seinem Heimatland. Mit seiner Abhandlung über Don Giovanni schlug Hoffmann eine neue Seite der Musikästhetik auf und machte Mozart sogar in Salzburg bekannt. Die Stadt schuldet dem Ostpreußen also einiges. Recht und billig, dass man ihm zu Beginn der neuen Saison mit einer Oper huldigt.

Jacques Offenbach, der mit seiner Schöpfung der modernen Operette zum französischen Musiker schlechthin geworden, dann aber durch den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 ins Abseits geraten war, machte mit seiner phantastischen Oper Contes d’Hoffmann einen letzten Versuch, das französische Herz mit deutschem Geist zu erobern. Es ist ihm gelungen. Die neue Inszenierung am Salzburger Landestheater eroberte die Salzburger, nicht jedoch die Musikkenner. Allein der Enthusiasmus der Sänger-Darsteller, allen voran Anne-Fleur Werner, verzauberte den Abend doch noch in einen würdigen Saisonauftakt.

Hoffmanns Erzählungen noch bis Januar 2018 am Salzburger Landestheater.
Alle Termine hier.

 

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