Das liebenswerte Porträt eines Sonderlings: „Anatol studiert das Leben“

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Von Barbara Hoppe.

Anatol ist wohl das, was man einen Sonderling nennt. Sympathisch, wirkt er immer ein bisschen naiv und ein bisschen autistisch, versteht oft nicht, was seine Mitmenschen meinen, ist aber klug genug, sich bestimmte Verhaltensmuster von anderen abzugucken, um im Zweifelsfall zumindest einigermaßen adäquat zu reagieren. Nicht einfacher ist es durch seine kapriziöse Familie, vorneweg die Großmama Johanna Neuendorff, 84 Jahre alt und als ehemalige Schauspielerin am Wiener Burgtheater eine echte Diva. Dann sind da noch Vater und Mutter sowie drei Schwestern, die Anatol zwar inbrünstig lieben, gleichzeitig aber auch immer wieder die Augen verdrehen ob seiner Eigenarten.

Wohlbehütet in dieser wohlhabenden bürgerlichen Familie aufgewachsen und leidlich verwöhnt durch Mutter und Großmutter, hat Anatol so gar keine Lust, den Weg der Jurisprudenz einzuschlagen. Nein, lieber möchte er Aufseher im Museum werden. Denn dort, so kommt es ihm eines Tages wie eine Erleuchtung beim Besuch des Kunstforums, begegnet ihm das Leben. Menschen kommen und gehen und er, Anatol, kann diese Menschen beobachten. Gegen das Entsetzen der Mutter und das Kopfschütteln des Vaters steht Anatol fortan täglich im Kunstforum Wien und achtet darauf, dass Besucher und Exponate sich nicht zu nahe kommen. Und dann geschieht es eines Tages: Umrahmt von goldblonden Locken spaziert die Französin Marcelline, Kunststudentin aus Nantes, in die Ausstellung. Versunken starrt sie auf Chagalls „Traum der Liebenden“ und um Anatol ist es geschehen. Er verliebt sich hoffnungslos.

Susanne Falk entwickelt das liebenswerte Porträt eines Sonderlings, der sein Herz in die Hand nimmt und alle Hürden überwindet, um seine große Liebe zu finden und für sich zu gewinnen. Denn Anatol schafft es tatsächlich, mit Marcelline zu sprechen. Doch als die Angebetete nach Ende der Ausstellung auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden droht, nimmt Anatol nicht nur seinen ganzen Mut zusammen, sondern klaut kurzerhand in einem unbeobachteten Moment noch den Chagall und macht sich auf den Weg nach Nantes. Eine wunderbare und wundersame Reise beginnt, auf der Michi der LKW-Fahrer und Rosie, die eigentlich Helmut heißt und es sehr lila mag, nur zwei von vielen kuriosen Stationen sind. Es ist eine schwungvolle Odyssee durch einen kalten November, die Anatol durch Österreich, Deutschland und die Schweiz führt, bevor er schließlich in Nantes ankommt. Im Schlepptau, aber ohne es zu ahnen, die Familie und Gerhard, sein einziger Freund und Kollege aus dem Kunstforum, die wiederum vom Polizeipsychologen Dr. Pokorny verfolgt werden.

Anatol kämpft um sein Glück und für die Liebe. Susanne Falk schafft es tatsächlich, aus dieser kleinen, an sich so simplen Geschichte einen heiteren Roman zu machen, der uns mit liebevoll gezeichneten Figuren und skurrilen Erlebnissen auf eine abenteuerliche Reise mitnimmt und dabei nicht im Kitsch versinkt, sondern eher die Züge eines leicht abgedrehten Roadmovies hat. Dass sie dabei ein gelungenes Ende findet, das dann doch irgendwie überrascht, rundet eine Geschichte ab, die von der ersten bis zur letzten Zeile Fröhlichkeit verbreitet und sich auf einem gleichbleibenden angenehm unterhaltenden Niveau bewegt.

Susanne Falk                                      
Anatol studiert das Leben
Picus Verlag, Wien 2018
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