Albtraum-Ängste einer Familie

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Karin Ernst spricht in „Überflieger“ all jenen aus der Seele, die von Helikopter-Eltern und Super-Familien genug haben. Rezension von Barbara Hoppe.

Wohl jeder hat es schon einmal erlebt: Man geht durch den Supermarkt und vor einem läuft eine Mutter mit ihrem Kind, das höchstens fünf Jahre alt ist, und spricht mit ihm als wäre es ein Erwachsener. Es soll geistreich und überlegt darauf antworten, was es zum Mitttagessen geben soll, welcher Nachtisch heute schön wäre oder ob man das ganze lieber auf morgen verschiebt und heute zur Oma geht. Natürlich antwortet das Kind nicht wie geplant, wird dafür immer unruhiger ob der vielen Informationen, die es wahrscheinlich nicht einmal richtig versteht und irgendwann schreit es. War es anfangs noch ganz ruhig, treibt seine Überforderung nun den gesamten Supermarkt in den Wahnsinn.

In einen solchen Wahnsinn führt Karin Ernst die Leser in ihrem Debütroman „Überflieger“. Claire und Niko sind ein erfolgreiches und attraktives Ehepaar, das mit der zwölfjährigen Cordelia eine hochbegabte, aber dickköpfige Tochter hat und mit dem fünfjährigen Raffael einen Sohn, der in die Fußstapfen seiner Schwester zu treten scheint. Wer sich selbst im Vorschulalter Bruchrechnung und Lesen beibringt und dann den gesamten Harry Potter durchschmökert, muss einfach hochbegabt sein. Etwas mitleidig schaut diese Superfamilie dann auch auf die „Hullis“. Die Familie Hullemann hat ebenfalls zwei Kinder, die sich zwar bei Tisch besser benehmen können als Cordelia und Raffi, aber doch „nur“ normal sind, ja Heinrich scheint sogar wirklich geistig etwas lahm zu sein.

Als Raffael schließlich schon mit fünf Jahren eingeschult werden soll, machen sich die Eltern Sorgen. Wird sich der Junge in der Schule nicht langweilen, wenn er schon alles kann? Sollte er nicht besser von vornherein in die zweite Klasse kommen? Doch Regelschule ist Regelschule und die bestimmt, dass Raffi mit der ersten Klasse beginnt.

Bereits am Tag der Einschulung tauchen jedoch dunkle Wolken am Horizont auf, die von ihren Kindern begeisterten Eltern jedoch hartnäckig ignoriert werden. Raffi findet sich nicht zurecht, bleibt im Hintergrund, zeigt wenig Begeisterung. Was Claire und Niko als die Langeweile eines hochbegabten Kindes deuten, ist der Anfang einer Tour de Force, die die Familie an die Grenze ihrer Kräfte bringen soll.

Gnadenlos ausdifferenziert zündet Karin Ernst eine Eskalationsstufe nach der anderen und spart nicht an ironischen Untertönen. Man muss sie einfach für die Ausdauer bewundern, den Leser seitenlang mit dem Kampf zwischen Niko und Raffi um die Hausaufgaben in allen Einzelheiten zu quälen. Doch dies ist erst der Anfang von vielen weiteren Auseinandersetzungen, bei denen man am liebsten irgendwann ins Buch hineinsteigen will, um allen Beteiligten gehörig die Leviten zu lesen. Die Situationen werden immer absurder und verwirrender, was vor allem durch eine kleine Meisterleistung der Autorin zustande kommt. Fast unmerklich verschiebt sie immer wieder den Blick auf das Geschehen. Sieht man in einem Moment alles durch die liebende Brille der Eltern, holt einen der Blick der staatlich geprüften Pädagogen schnell in eine andere Wirklichkeit, bevor man Raffi nur zustimmen kann: Was wollen diese Erwachsenen überhaupt? Warum gibt es so etwas Langweiliges wie Schule, wenn einem YouTube Videos doch alles so viel unterhaltsamer erklären?

Ob Regelschule, Montessori, Waldorf oder Homeschooling – irgendwann schwirrt einem der Kopf angesichts der Möglichkeiten und ihrer Defizite. Wer spinnt hier eigentlich, fragt sich der Leser irgendwann erschöpft. Und weiß: eine Lösung für unser Bildungssystem, das allen Kindern gerecht wird, ist noch lange nicht in Sicht.

Karin Ernst                                        
Überflieger
Droemer, München 2019
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Coverabbildung © Droemer Verlag

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