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Lyrik ist für viele Menschen immer noch etwas eigenartig Vernebeltes, je nach Epoche mit mehr oder weniger Reim und Rhythmus und grundsätzlich, so haben wir in der Schule gelernt, interpretationsbedürftig.

Tobias Roth sieht das Ganze eher gelassen. Er schreibt nicht nur selbst Gedichte, sondern übersetzt sie auch. Gerade erschien der von ihm bearbeitete Band „Baiae“ mit Gedichten von Giovanni Pontano, der zu den wichtigsten Autoren der italienischen Renaissance zählt.

Ein Moment mit ... Tobias Roth. Ein Gespräch über die Schönheit und Leidenschaft von LyrikFeuilletonscout: In einer Welt der 140-Zeichen-Tweets und des SMS-Jargons scheint Lyrik fast schon exotisch oder altertümlich. Erst recht, wenn man sich wie Sie mit italienischer Liebeslyrik aus dem 15. Jahrhundert beschäftigt. Wie erklären Sie jemandem die Schönheit, das Besondere daran?
Tobias Roth: Natürlich ist Lyrik etwas Exotisches, etwas Seltenes, Kostbares, und genau das kann ein Reiz sein. Die beste Vermittlung dieses Reizes ist wohl die Konfrontation. Man muss den Leuten Lyrik, auch alte oder sehr alte Lyrik, nicht vorkauen. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es, aber das heißt auch, dass niemand dafür blind ist. Jeder kann sie auf sich wirken lassen, erleben, kann Spaziergänge darin machen, lernen.
Freilich muss man Lust dazu haben und etwas Geduld mitbringen. Wenn die Texte eine vergangene Welt beschreiben, braucht man vielleicht etwas Zusatzinformation über diese Welt; aber ist ja kein Problem. Im Grunde gibt es nur zu gewinnen. Die Leser können und sollen sich entspannen – es wird ja hinterher nicht abgefragt, wer was „verstanden“ hat. Nicht mehr. Ich glaube nicht, dass Lernen, Interpretieren, Diskutieren per se anstrengend ist; die Anstrengung kommt aus dem Leistungsdruck, etwa in der Schule, die für viele der zugleich erste und letzte Kontakt mit Lyrik ist. Wenn einem mit 14 die Kombination „Lyrik+Leistungsdruck“ eingeprägt worden ist, ist das natürlich bedauerlich. Aber da könnte man sich ja mal ganz ehrlich selbst befragen, welche Einschätzungen und Weltwahrnehmungen aus dem 15. Lebensjahr man sonst noch unverändert mit sich herumschleppt. Es sind hoffentlich nicht so viele.

Feuilletonscout: Wie haben Sie zu diesem Thema gefunden?
Tobias Roth: Wie ich in die Renaissance „hineingeraten“ bin, kann ich raum mehr rekonstruieren. Es hängt wohl mit einer gewissen historischen Neugier zusammen. Wenn ich etwas lese, das mich begeistert, frage ich mich schnell, wo das herkommt, welche Einflüsse wirksam werden, kurzum: wo es abgeschrieben ist. Im besten Sinne! Mit diesem Impuls landet man früher oder später in der Renaissance. Dieser Zeitraum stellt einen erheblichen Bruch dar, eine Umwälzung von vulkanischem Ausmaß. Die Wahrnehmung und das Weltverständnis befinden sich in Revolution. Hinzu kommt auch, dass selbst nach den langen Jahren auf deutschen Schulen und Universitäten die Renaissance ein weißer Fleck für mich war. Das war sicherlich ein zusätzlicher Reiz, sich ins Unbekannte zu begeben. Die Literatur dieser Zeit kommt nicht vor, wird nicht gelehrt – das wird im Kontrast zur großen Berühmtheit etwa der Bildenden Kunst dieser Zeit umso seltsamer. Zudem es eine deutsche Renaissance nur in Ansätzen gibt; die Energie der Renaissance wird schnell von der Reformation kassiert.

Feuilletonscout: Sie übersetzen auch, haben gerade die Gedichtsammlung »Baiae« von Giovanni Gioviano Pontano, einem der wichtigsten Autoren der italienischen Renaissance, aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Wie kam es zu diesem Projekt?
Tobias Roth: Das ergab sich, aus meiner Perspektive, recht natürlich. Beim Kreuzundquerlesen stieß ich immer wieder auf Pontano, ein paar wenige Sachen waren bereits ins Italienische und Englische übersetzt: Das sind in der überragenden Mehrheit grandiose Texte, schon allein das durchgängig hohe Niveau seines riesigen Werkes ist ein Faszinosum für sich. „Baiae“ war dann sehr schnell ein heißer Kandidat, als ich das wunderbare Angebot vom Verlagshaus Berlin bekam, einen Band in der Edition ReVers zu bespielen. Die Länge passt, der Zyklus ist einem heutigen Gedichtband durchaus vergleichbar. Die Thematik, ihre Ethik und Utopie haben uns Bürgern des 21. Jahrhunderts etwas zu sagen. Und schließlich wollte Pontano selbst, dass „Baiae“ seine Gesammelten Werke eröffnet.

Feuilletonscout: Speziell in „Baiae“ spielt Eros eine große Rolle. Finden Sie generell in den alten Texten Themen und Motive, die auch heute noch Gültigkeit haben und die Menschen beschäftigen?
Tobias Roth: Wenn ein Text zurecht Gültigkeit und Geltung beansprucht, dann ist da in meinen Augen kein Verfallsdatum drauf. Inhalte tauchen ab und auf, immer wieder, nur die Art und Weise, wie sie verpackt werden, ändert sich mit der Zeit. Und auch die Freimütigkeit, mit der Themen behandelt werden, ändern sich mit der Zeit – von linearem Fortschritt oder linear wachsender Freiheit keine Spur. Die Erotik von „Baiae“ ist da ein schönes Beispiel – etwa die im ganzen Zyklus präsente Überzeugung, dass Sex nur dann gut ist, wenn Männlein und Weiblein gleichermaßen Spaß daran haben, wenn beide kommen. Das sagt Pontano im 15. Jahrhundert, weil er es so bei Ovid, aus dem 1. Jahrhundert, gelesen und für gut befunden hat. Im Jahr 900 wie im Jahr 1900 sucht man sowas als dominante Stimme im Diskurs vergebens, eine Ethik die auf körperliche und geistige Lust ausgerichtet ist, Fehlanzeige. Die Form indes ändert sich: Ovid konstatiert und fordert, Pontano zeigt, beschreibt, inszeniert. Heutzutage scheinen wir mal wieder zum Glück an einem Punkt, an dem allseitiger Spaß im Bett herrschen kann, Sensibilität für das Thema überhaupt da ist. Inmitten körperlicher Lust hat uns Pontano dann zwei wichtige Dinge zu sagen: Wertschätzung der körperlichen Lust und Vermehrung der geistigen Lust. Das Entscheidendes fehlt, wenn eins von beiden fehlt: Das kann, glaube ich, Geltung beanspruchen und hat kein Verfallsdatum. Wer will in einer Welt ohne Orgasmen und Bücher leben?

Feuilletonscout: Wie muss man sich eine solche Übersetzungsarbeit vorstellen? Wie dicht bleibt man am Original? Wie frei bewegt man sich vom Wortwörtlichen weg zugunsten von Rhythmus und Versmaß? Wie finden Sie die richtigen Worte?
Tobias Roth: Das ist schwer zu sagen. In erster Linie kann man sie sich wohl so vorstellen: langwierig. Man muss einen gewissen Sicherheitsabstand zum Original einhalten, damit der Text in der Zielsprache, in diesem Falle dem Deutschen, fließt und funktioniert; zugleich muss man sich bewusst bleiben, warum man bei allem Abstand diesen Text übersetzt und keinen anderen. Es gibt beispielsweise Stileigenheiten, die man beibehalten, und solche, die man über Bord werfen muss – und was da wo einschlägig ist, muss man entscheiden. Vom Wortwörtlichen indes muss man sich sowieso verabschieden, es soll ja in eine andere Sprache übertragen werden – das meine ich nicht so flapsig, wie es klingt. Problematisch sind vor allem Codewörter, Signalwörter eines bestimmten Stils oder einer bestimmten Zeit, vergleichbar mit Redewendungen. Bezüglich Rhythmus und Versmaß muss man wohl eine Grundsatzentscheidung treffen, ob und inwieweit man die Form des Originals übernimmt. Ich persönlich versuche stets, die Form zu erhalten. Das gibt einerseits viel Bastelarbeit auf; andrerseits erübrigen sich mit dieser Grundsatzentscheidung einige andere Entscheidungen. Dass Maschinen es noch nicht können, zeigt, wie viel fruchtbare Irrationalität im Spiel ist.

Feuilletonscout: Wie lange arbeiten Sie an einer Übersetzung?
Tobias Roth: Am Pontano habe ich lang gearbeitet, wenn auch mit ebenso langen Unterbrechungen. Das erste Gedicht aus „Baiae“ habe ich im Sommer 2012 übersetzt, dann ging es langsam vorwärts und beschleunigte sich naturgemäß mit dem Buch am Horizont. Aber es gibt viele Fassungen, viele Zwischenstufen, es gibt Lektorate, Gespräche und Austausch mit Kollegen und Freunden. Der Text bleibt liegen, wird überarbeitet, überholt, wieder liegengelassen. Das erscheint mir vom Schreiben eigener Texte kaum unterschieden. Auch ein Pendeln zwischen Papier und Bildschirm ist für mich wichtig. Es dauert – aber es ist eine schöne Arbeit und genau diese Dauer ist ein Luxus des Lyrikübersetzens ohne die bedrückenden Hoffnungen der Ökonomie. Es hat etwas Gärtnerisches. Und selbstverständlich etwas Orgasmisches.

Feuilletonscout: Wie schätzen Sie die Leser von Lyrik ein? Sind es viele? Und was erwarten sie? Gibt es Feedback?
Tobias Roth: Wenn ich nicht die höchste Meinung von Lyriklesern hätte, würde ich gewiss nicht so viel Energie aufwenden. Ich schätze sie prachtvoll ein. Abseits dieser Qualität ist die Quantität eine kaum tatsächlich zu ermessende Sache. Vielleicht ist es wie mit dem Dämon von Gadara aus dem Markus-Evangelium. Man sieht ihn nicht, man bemerkt ihn nur indirekt, man hat vielleicht einige wenige Mitbürger im Verdacht, die ein bisschen spinnen, aber wenn man nach dem Namen des Dämon fragt, kommt zur Antwort: „Legion ist mein Name, denn wir sind viele.“ Ich denke, dass der Proporz an Schläfern in der lesenden Bevölkerung sehr hoch ist. Zahlreiche Romanleser, beispielsweise, sind in Wirklichkeit Lyrikleser, sie wissen es nur nicht. Wenn dann die Diagnose kommt, fallen sie aus allen Wolken, das habe ich schon öfter erlebt. Gerade in dieser Situation ist es wichtig, dass ihnen ein guter Lyrikverlag zur Seite steht und die Erstversorgung übernimmt. Sonst kann es zu allergischen Reaktionen in Form schwerer Über- oder Unterforderung kommen. Menschliches Versagen in der Erstversorgung kann irreparable Folgen nach sich ziehen: Viele Leser, deren starkes Interesse an der Welt und am Menschen sie eigentlich zu Lyriklesern macht, enden dann beispielsweise als Sachbuch- oder gar Zeitungsleser, und leiden lebend und lesend unter ästhetischen Mangelerscheinungen, die so leicht zu behandeln wären.

Feuilletonscout: Was lesen Sie, wenn nicht Lyrik?
Tobias Roth: Ich lese alles Mögliche. Allerdings muss ich gestehen, dass in letzter Zeit meine Diät etwas einseitig war – vor kurzem erst bin ich mit einer Dissertation fertig geworden. Ich freue mich nun sehr auf die neue Freiheit im Speiseplan. Kreuz und quer. Omnivor.

Feuilletonscout: Schreiben Sie auch selbst Gedichte?
Tobias Roth: Ich schreibe auch selbst Gedichte, ja. Damit hat es angefangen und damit wird es aller Voraussicht nach auch enden.

Feuilletonscout: Wie sind Ihre nächsten Pläne?
Tobias Roth: Es steht einiges an. Soeben ist die Anthologie „Lob der mechanischen Ente“, die ich herausgegeben habe, im SuKuLTuR Verlag erschienen, im März erscheint meine Übersetzung von Voltaires Tragödie „Der Fanatismus oder Mohammed“ im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, in dessen jüngst erfolgte Gründung ich auch verwickelt bin. Da gibt es also viel vorzulesen und die Trommel zu rühren; das gilt auch für die Titel des letzten Herbstes. Die nächste Schreibarbeit, auf die ich mich unheimlich freue, ist ein verspielter, ekstatischer Kommentar zu Ovid, den ich gemeinsam mit dem großen Asmus Trautsch schreiben werde. Das wird herrlich. Und nicht zuletzt gilt es, an neuen Gedichten zu arbeiten, beständig und vegetativ und mit Blick auf einen neuen Band, der mit dem Verlagshaus Berlin in Planung ist.

Vielen Dank, Tobias Roth!

Giovanni Pontano (1429-1503)
Baiae
Aus dem Lateinischen von Tobias Roth
Berliner Verlagsanstalt, Edition ReVers, Berlin 2016
Baiae: Zwei Bücher Elfsilber (Edition ReVers) bei amazon

 

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