GD Star Rating
loading...

Zwischen Schorf und Panegyrik: Das neue Jahrbuch schlanker LyrikDer Verlag Schöffling & Co.
eröffnet einen Dichterzoo
Unser Autor Stephan Reimertz
zeigt wieder mal er hat kein Steinherz
Er will poetische Kollegen
loben und preisen nicht erlegen
So schreibt er seine Rezension
ganz in dichterischem Ton

1.Die große Poeten-Party
Christoph Buchwald & Ulrike Almut Sandig
versammeln hier was frisch und brandig
Jahrbuch der Lyrik neu erschienen
ein Stock voll dichterischen Bienen
schön eingeschlagen ganz in Lila
gut gebunden denn man will ja
vor den kommenden Epochen
auf den Wert von Dichtung pochen

Alle die zum Dichtertum berufen
alle Geschlechter alle Altersstufen
sind in diesem Band versammelt
klar gedruckt dass nichts vergammelt
Mit Lyrik sei es schlecht bestellt
es fehlt dem Vers an Versengeld
So klagt allein der Ignorant
der zur Dichtung noch nicht fand
Wer diesen Weg noch nicht gefunden
versäumt im Leben schöne Stunden

2.Deutschland voll von Dichtern
Arm an Reimen reich an Sparten
zeigt sich die Vielfalt aller Arten
hart gefügt und frei flottierend
köstlich kosmisch irritierend
leiblich lieblich schwammig und präzise
blühen die Worte auf der Wiese

So sieht man Deutschland voll von Dichtern
Poeten Schreibern voll von Lichtern
Nicht nur Fußball Autokult
Wirtschaft Fernsehen Ahnenschuld
nicht nur Manager und Lenker
Nein es gibt auch Dichter Denker
das Land ist eben nicht so öde
wie es ausschaut kalt und spröde
Es ist auch reich an reichen Geistern
die das Gedicht meisterlich meistern

3. Wir stolzen Leser
Wir haben allen Grund zum Stolz
auf edelstes Poetenholz
geschnitzt aus heimatlichen Bäumen
wo Blätter Träume für uns träumen
und uns unser eigenes Leben
immer neu zu lesen geben

Manch Dichter schießt den Vogel ab
legt sich selber mit ins Grab
und diese spannende Materie
bleibt nicht allein sie kommt in Serie
Vielfältig wie die Algorithmen
sind diese Verse diese Rhythmen
Mit jedem Beispiel zeigt die Dichtung
dem Leser eine neue Richtung
egal ob du nun das Gedicht
verstanden hast oder auch nicht

Das eine ist in großem Schwung geschwungen
das andere ist vielleicht nicht ganz gelungen
das dritte ist dann schon genial
das vierte wieder eine Qual
Doch alle sind durchdacht durchzecht
der Poet der Poet hat immer Recht

4.Sängerkrieg
Nicht jeder ist ein Stolterfoht
der Versen gern mit Folter droht
Nicht jeder greift wie Buselmeier
bei jedem Anlass gleich zur Leier
Bei Marendon Lafleur und Hulpe
blüht Poesie wie eine Tulpe
auch Skudlarek und Thenior
liest man den Kindern gerne vor

Ja mancher hängt am Alltag
als ob er gar kein All mag
Der Blick ins ganze Panorama
wär für den Alltagskopf ein Drama

Auch die Konkrete Poesie
verdient noch keine Nostalgie
die ist doch immer noch am Leben
man bleibt für immer daran kleben
Poeten die im Traume wandeln
tun am liebsten nichts als jandln

5.Vorsicht: Genie!
Im Rausch der Originalität
wird mancher alte Hut geboren
der Vers er fliegt uns um die Ohren
wollt nur versuchen was noch geht
Gebannt gebennt gebenedeit
geküßt gemogelt mallarmét
Im Spiegel sieht der Dichter heut
die Wolken die der Wind verweht

Wer sich beim Lesen Mühe gibt
ist in die Verse schnell verliebt
Es stört ihn nicht ein kleiner Patzer
es kratzt ihn nicht ein kleiner Kratzer

Breidenich Kalász und Trautsch
versetzen Versen einen Knautsch
Lewejohann Gasseleder
sind kompliziert das mag nicht jeder
Bei Kuhlbrodt und bei Cusanit
kommt mancher Leser nicht ganz mit
Auch bei Wolf bei Noon bei Gran
sagt mancher nur Kannitverstan

Die Mayröcker der Rautenberg
schaffen doch stets ein großes Werk
Die Klebgedichte von Frau Müller
erweisen sich als echter Knüller
Erpresserschreibenpoesie
in alter Müllermelodie

6. Schlusswort
Die Welt ist weltfremd doch Poeten
die aus dem Tag die Worte jäten
rücken sie ins rechte Licht
das ganze nennt man dann Gedicht

Die Dichter sind sehr unterschiedlich
dafür vertragen sie sich friedlich
das nennt man wohl Anthologie
eine wie diese gabs noch nie

 

Zitate aus dem besagten Band:

O blaues Tuch von Horizont zu Horizont.
– Johannes Kühn

noch näher an deinem limbischen gral, noch näher
– Carl-Christian Elze

ich destilliere fluide für den heiligen gral
– Katia Sophia Ditzler

soviel ist gewiß, es bildete sich eine gigantische
Gimmibärchenwolke, die knautschbar aussah
– Stan Lafleur

Nur widerwillig ertrug er das Tageslicht.
– Thomas Böhme

Ein Horizont in Blasser Schraffung. Wie das
Einfällt, wie es bricht, wie es sich verbreitet
Splitterbombe Licht
– Maria-Daria Cojokaru

in meiner Wohnung lebt ein stiller Imker
– Heinrich Detering

der boden ist so aufgewühlt. die tiere kommen
aus dem wald. sie haben sich verwandelt. ich sehe
mein gesicht in ihrem gang. es geht durch mich.
– Andreas Altmann

wie mein herz ist eine synagoge
wird tag und nacht bewacht
und trotzdem brennt es ab
– Max Czollek

Die große Melancholie
ist wie ein Kirschkern aus
Blei
– Herta Müller

Fett wirst du vom Kummer, der nach mir kommt.
– Nora Grominger

Blättern Sie vor und zurück, stellen Sie gegeneinander, sprechen Sie laut, denken Sie mit, schreiben Sie rein, schreiben Sie weiter.
– Ulrike Almut Sandig

Hantieren, sage ich. Mit bald festgefügtem Nebeneinander.
– Farhad Showghi

an der Grenze vom Gelingen zum Zerspringen.
– Klaus Gasseleder

Für eine Sekunde vergisst die Welt zu atmen.
– Burkhard Reinartz

und dazwischen dieses blauen

auges irres blau
– Róža Domašcyna

eine WG voller engel. nimm sie, zeig ihnen, wo’s langgeht
– Crauss.

So ist das Meer | | Die Seraphim
erzählen vom Leben | dass es über dem
Spiegel grau erscheine | Wie Beton
– Markus Breidenich

Gern würd’ ich dich erträumen und mir sagen,
dass du nicht wahr bist, nur tief in mir selbst.
– Anne Dorn

Gib nicht auf. Dieses Seelending ist ein Kugelfisch
reinsten Wassers, voller Gift und Köstlichkeit.
– Sylvia Geist

ihr Pralinenlachen. so selten es ist, so teuer, so zum Heineinbeißen
– Marius Hulpe

Es ist seltsam
wie den Beziehungen des Menschen die Wandlung
der Körper zugrunde liegt.
– Christine Marendon

dann? dann – ganz genau: »flatterte nasse wäsche im wind.«
– Ulf Stolterfoht

Sie tragen Strickjacken über den Kitteln. Haarnetze manche.
– Sylvia Geist

Wollen wir Zeichen?
– Orsolya Kalász

Gedichte sind kein Ersatz für gute Haushaltshygiene.
– Doris Anselm

 

Jahrbuch der Lyrik 2017
Schöffling & Co., Frankfurt am Main

Coverabbildung © Schöffling & Co.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.