Zum 100. Geburtstag von LEONARD BERNSTEIN: Symphonien Nr. 1-3, Orchestra dell‘Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Antonio Pappano 

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Von Ingobert Waltenberger.

„Das Werk, das ich mein ganzes Leben lang geschrieben habe, handelt vom Kampf, der aus den Krisen unseres Jahrhunderts, einer Glaubenskrise, hervorgegangen ist.“ L. Bernstein

Am 25. August 1918 wurde Leonard Bernstein in den USA geboren. Aus diesem Anlass wird sein musikalisches Vermächtnis – sein kompositorisches Schaffen  eingeschlossen – mit einer Reihe an Wiederveröffentlichungen, mehr oder weniger überzeugenden Zusammenstellungen oder Neuaufnahmen geehrt. Von seinem Wirken als Dirigent legen umfangreiche Boxen der Labels Sony und Deutsche Grammophon Zeugnis. Sony hat in beispielhaften Editionen Bernsteins akustisches Vermächtnis „digital remastered“ wieder zugänglich gemacht. Seien es die Landmarks, die Bernstein mit seinen Interpretationen von Haydn, Beethoven, Mahler oder Sibelius gesetzt hat, seine Leistungen als Pianist, oder die Harvard Lectures 1973 „The Unanswered Question“, all das kann wieder nachgehört und auf seine Wirkung, Rezeption und historische Einordnung geprüft werden.

Unter den Neuaufnahmen von Bernsteins Werken ist die aktuelle Publikation der drei Symphonien unter der sensitiven, musikalisch eindringlichen Leitung von Antonio Pappano mit der brillanten Accademia Nazionale di Santa Cecilia an erster Stelle zu nennen. Bernstein selbst hat mit dem römischen Orchester alle drei seiner Symphonien musiziert und war auch Ehrenpräsident des Orchesters.

 

© Warner Classics

Der wohl bedeutendste amerikanische Musiker des 20. Jahrhunderts aus der Welt der Klassik hat zeitlebens unter dem Trauma, vor allem für seine „West Side Story“ und damit als amerikanischer Musicalkomponist in die Annalen einzugehen, gelitten. Dabei wollte er viel mehr, nämlich zuerst als Schöpfer klassischer Werke, wie Symphonien oder Opern respektiert werden. Aber nicht nur das, als Komponist von Symphonien schwebte ihm als Mission vor, die alte Gattung mit seinen Mitteln erneuern zu wollen, ja vielleicht die eine ganz große amerikanische Symphonie zu schaffen.

Dieses Ziel ist ihm mit seinen ersten beiden Symphonien „Jeremiah“ und „The Age of Anxiety“ in großem Maße gelungen. Allerdings ist seine dritte Symphonie „Kaddish“ für großes Orchester einschließlich einer gewaltigen Schlagzeuggruppe, Chor, Knabenchor, Solosopran und Sprecher eine musikalisch in sich kontradiktorisch unentschiedene Melange mit langen gesprochenen melodramatischen Passagen à la Schönbergs „Überlebendem aus Warschau“ und Mahlers zweiter Symphonie. Hier will ein forschender und suchender Geist, der in strenger Zwölftontechnik startet und gegen Ende diatonischer wird, eindeutig zu viel, um den selbst gesetzten Ansprüchen gerecht werden zu können. Der Hörer fühlt, da hat einer mächtig mit sich und seinem Gott gerungen und jeden Ton wohl überlegt gesetzt. Das Ergebnis überzeugt mich aber letztlich nicht.

Rein musikalisch begeistert Bernstein aus heutiger Sicht in erster Linie mit seiner zweiten, 1949 vollendeten Symphonie „The Age of Anxiety“. Es handelt sich um die einzige rein instrumentale Schöpfung im eigenen symphonischen Dreigestirn, obwohl das fein ziselierte, an ein Klavierkonzert gemahnende Werk von W.H. Audens gleichnamigem Gedicht inspiriert wurde. Hier übernimmt das Soloklavier mit einer äußerst persönlichen Identifikation des Komponisten den Part der individuellen Stimme auf der Suche. Das Stück soll die Atmosphäre in einer New Yorker Bar, wo sich vier einsame Menschen treffen, vermitteln. Die Kriegsmeldungen aus dem Radio schweißen die jungen Leute vom Alkohol begünstigt zusammen. Gemeinsam brechen sie zu einer überdrehten privaten Party auf. Bernstein spricht selbst von einer „künstlichen Heiterkeit und Trauer. Während des Krieges versuchen sie, so zu sein, wie sie glauben sich darstellen zu müssen, nämlich in unglücklichen Zeiten glücklich zu sein.“ Ganz wunderbar treffen Antonio Pappano und seine vorzügliche italienische Pianistin Beatrice Rana den Duktus der verspielten Traum-Odyssee der vier jungen Leute. Es geht in der zweiteiligen Komposition in einem Prolog und vierzehn Variationen, im zweiten Teil mit dem Largo „The Dirge“,  der extrem schnellen „Masque“ und einem Epilog aber auch um die ureigenste Kraft von Musik und klanglicher Imagination in Generellen.

Am intensivsten und bekenntnishaftesten gerät die 1942 geschriebene „Jeremiah“-Symphonie. Der biblische Prophet warnte die Israeliten, dass ihre Sündhaftigkeit zur Katastrophe führen würde – eine  Prophezeiung, die sich erfüllte, als Salomos Tempel zerstört wurde und Jerusalem den Babyloniern in die Hände fiel. Bernstein ging es nie „um bloße Buchstabentreue, sondern um musikalische Tiefe“, wie er dies selbst im Programmheft der Aufführung in New York 1944 kommentierte. So zielt der erste Satz nur darauf ab, die Intensität der Appelle des Propheten an seinem Volk nachzuvollziehen, und das Scherzo, um einen allgemeinen Eindruck von Zerstörung und Chaos zu vermitteln. Im dritten Teil ist der Schrei Jeremiahs zu hören, der um sein geliebtes Jerusalem trauert. Musikalisch gibt es Zitate hebräischer Musik, die Gesangstimme übertrug Bernstein jedoch entgegen jeder orthodoxen Synagogentradition an einen Mezzosopran. Marie-Nicole Lemieux verleiht den Klagen glaubhaft ein verzweifeltes Profil. Leider trüben bei ihrem Vortrag scharfe Höhen und ein allzu ausladendes Vibrato in der Mittellage die musikalische Botschaft.

In der dritten Symphonie „Kaddish“ gibt es ein Wiederhören mit Josephine Barstow als Sprecherin, die die von Bernstein selbst verfassten Texte rund um das in Erinnerung an die Toten gesungene Gebet ausdrucksstark und eindringlich vorträgt. Wir erinnern uns mit gemischten Gefühlen an die Maskenball-Amelia der Sängerin unter Karajan (CD) und Solti (Salzburger Festspiele 1990) und in hoher Verehrung etwa an die fulminante Charakterstudie der Elisabeth I in Brittens Oper Gloriana. Die Sprecherin reflektiert die Selbstzerstörung des Menschen und die traditionelle jüdische Praxis des Debattierens und Streitens mit einem stummen Gott. Das Werk kulminiert in der spirituellen Botschaft „O mein Vater; Herr des Lichts; geliebte Majestät, mein Ebenbild, mein Selbst! Wir sind letztlich doch eins, du und ich: Zusammen leiden wir und leben wir, und ewig werden wir einander neu erschaffen.“ Eine gewaltige Schlussapotheose mit Riesenchor beschwört den Frieden. Nadine Serra wirkt mit ihrem schönen Sopran in Kaddish 2 sowie der Schlussfuge mit.

 

 

Die letzten Minuten der Doppel-CD  gehören dem fetzigen Stück „Prelude, Fugue and Riffs“ für Klarinette und Jazz-Combo. Alessandro Carbonare reüssiert als Solist in bester Bebop Manier in diesem von Bernstein später als Ballettmusik für die Oper „Wonderful Town“ adaptierten „Jazz-in-Concert“ Werk.

Fazit: Lassen Sie sich durch Antonio Pappano und sein formidables Ensemble mitreißen zu einem Neuhören oder Entdecken des Symphonischen Werks Leonard Bernsteins. Im dichten Schatten des Bühnenhits „West Side Story“ gebührt dieser Musik sicher mehr Aufmerksamkeit. Eine reiche musikalische Ernte dieser gerade heute so aktuellen Stücke ist der Lohn.

Zum 100. Geburtstag von LEONARD BERNSTEIN
Symphonien Nr. 1-3, Orchestra dell‘Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Antonio Pappano
Warner Classics 2018
2 CDs

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