Zauberoper ohne Zauber

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperDas Salzburger Landestheater eröffnet die Saison mit Carl Maria von Webers „Oberon“. Anne-Fleur Werner beherrscht den Abend mit starker und klangschöner Stimme und überragendem Charisma. Kapellmeister Igo Arad und das Mozarteumorchester Salzburg tun sich ebenso schwer mit dem Stück wie das Ensemble. Von Stephan Reimertz.

Il manque le style!
– Erich v. Stroheim

Am Anfang bestand noch Hoffnung. Wie die Salzburger Lokalzeitung berichtet, vergaß die Choreographin Verena Rendtorff ihr Regiebuch am Bosna-Stand neben dem Theater. Doch Würstlbraterin Resi Wengler fand die Mappe, erkannte gleich, worum es sich handelte und gab sie dem Landestheater zurück. Nun nahm das Unglück seinen Lauf. Rendtorffs Fehlleistung offenbart, welche Haltung Regie und Ensemble zu Carl Maria von Webers Zauberoper gefunden haben.

Die Grazien sind leider ausgeblieben

Die romantische Oper Oberon von Carl Maria von Weber (1826) nach der gleichnamigen Verserzählung von Wieland ist eine Huldigung an den Shakespeare des Sommernachtstraums und die Tradition des Zauberlustspiels, mit Elementen des Singspiels. Dabei greift der Komponist auch die Tradition der Türkenoper auf. In der Produktion, die am Samstag in Salzburg Premiere hatte, geht es zu wie in der Jugendbuchreihe Harry Potter: Die ganze Zeit ist von Zauber die Rede, allein der Zauber selbst fehlt.

Stammtisch-Dramaturgie

Charme, Feingefühl, Delikatesse, Poesie, Duft – wäre das zu viel verlangt? In einer Manier, der kein Witz zu platt, keine Anspielung zu abgegriffen ist, inszeniert Volkmar Kamm den Oberon. Meine beiden Sitznachbarinnen waren sicher, Anne-Fleur Werner als Rezia und George Humphreys als Scherazmin seien zu spät ins Theater gekommen, hätten keine Zeit mehr gehabt, sich umzuziehen und seien deshalb in Straßenkleidung auf die Bühne getreten. Es sah nicht aus.

Oberon – Sascha Oskar Weis, Anne-Fleur Werner und Statisterie © Anna-Maria Löffelberger

Ein unsicher tastender Orchesterklang

In der frühlingsfrischen Musik kann man die Nähe des musikalischen Habitus zu den Symphonien Schumanns und Mendelssohns, aber auch zu Webers eigenem Klavierrondo Aufforderung zum Tanz nicht überhören. Das enttäuschende Mozarteumorchester brachte es immerhin fertig, das Stück korrekt zu spielen. Dramaturgischer Höhepunkt des Abends war, als beim Applaus die Sopranistin Anne-Fleur Werner dem Dirigenten Igo Arad die Hand küßte. Das ist gelebte Emanzipation. Ob der Kapellmeister es verdient hat, steht auf einem anderen Blatt. Wenn Ivor Bolton mit demselben Klangkörper zu einer Mozart-Matinee antritt, scheint es ein vollkommen anderes Orchester zu sein.

Schade um die schöne Oper!

Das Landestheater beging möglicherweise den Fehler, weder das Werk, noch die Mitwirkenden, noch das Publikum ernst zu nehmen. Dabei ist Oberon nicht allein ein zauberisches, sondern auch ein musikgeschichtlich aufschlussreiches Werk. Man kann die Oper als missing link zwischen Zauberflöte und Fliegendem Holländer ansehen. Hier erlebt man zudem, wie eng der Musikdramatiker Weber dem Symphoniker verwandt ist. Das Werk wird allzu selten gespielt, bringt es im Jahre 2019 noch immerhin auf 21 Aufführungen. Außer am Salzburger Landestheater steht Oberon in Graz, Wien und Oldenburg auf dem Spielplan. Eine dieser Vorstellung sollten Sie besuchen, – wenn auch nicht die in Salzburg – , denn für das nächste Jahr ist bisher keine Darbietung von Webers Zauberoper anberaumt. Die Fernsehproduktion von 1962, Dirigent: Heinz Fricke (Staatskapelle Berlin) ist gar nicht so schlecht. Die Geschmacksverirrungen am Landestheater sind freilich kein Zufall, sondern haben System. Mangel an Stil und Geschmack – späte Folge der Bildungskatastrophe.

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