Wo viel Licht, da viel Schatten

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Als Michelangelo Merisi aus dem lombardischen Orte Caravaggio die Bühne der Kunstgeschichte betrat, erweckte er einen Lichtsturm wie kein anderer Maler vor ihm. Dieser Künstler hat die Welt neu beleuchtet. Wir sind alle Caravaggisten, selbst der Kinobesucher, der einen expressionistischen Stummfilm anschaut. Die Alte Pinakothek in München dokumentiert in der Ausstellung Utrecht, Caravaggio und Europa den Eindruck, den der Italiener auf seine Malerkollegen machte. Von Stephan Reimertz.

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er stand wo er stand vor dem jüngsten gericht
er nahm den pinsel und es ward licht

Stephan Reimertz

Anfang des siebzehnten Jahrhunderts erleben wir eine Dynamisierung der Kunstgeschichte. Innerhalb einer Generation schrieb Shakespeare seine Stücke, entwickelten – nach einem Jahrhundert des Theoretisierens von Musikgelehrten –  norditalienische Komponisten die Oper, malte Frans Hals Menschen in einer Lebendigkeit, dass man glaubt, sie steigen aus dem Bild heraus. Und dann kam er: Der Maler, der Michelangelo da Caravaggio genannt wurde, nach seinem norditalienischen Geburtsort. Er bündelt das Licht auf einem bestimmten Punkt und lässt das Übrige in unterschiedlichen Abschattierungen, bis hinein ins Dunkel.  Daran kann man theologische und philosophische Betrachtungen knüpfen. Von nun an sieht man anders. Caravaggio hat nicht die Malerei allein, er hat die Welt neu erschaffen. Die Welt und ihre Vorstellungen erscheinen in neuem Lichte.

Im Schrecken der Medusa

Caravaggios Figuren sind durchflossen von der Lava der Erotik und glühen in einer Schönheit und Leidenschaft auf, wie man sie seit der Antike nicht mehr sah. Omnia vincit amor, dieses Motto des in Berlin hängenden kleinen Gemäldes mit dem geflügelten Knaben, ist die Botschaft seiner Kunst. Wir leben derzeit in einer puritanischen Barbarei, wie sie Europa seit den Bilderstürmen des sechzehnten Jahrhunderts nicht mehr gesehen hat. Daher kommt einer Ausstellung wie der in München, die den Sieg des Körpers, des Eros, der Schönheit und der Kunst feiert, besondere Bedeutung zu. Das Hauptwerk der Münchner Ausstellung ist zugleich das kleinste: Die auf einen konvexen Schild gemalte sogenannte Medusa Murtola, hier in der selten zu sehenden ersten Version, die aus Privatbesitz stammt. In dem kleinen runden Gemälde verdichten sich Schrecken, Schönheit und Gewalt einer zwielichtigen, an der Grenze zum Übermenschlichen lebenden Gestalt, von der das von Schlangen umwundene Haupt zu sehen ist.

Eine reiche, lohnende Ausstellung in der Alten Pinakothek

Ikonographischer Ordnung folgend werden dem Besucher die Gemälde in vier in Kreuzform angeordneten Themenfeldern präsentiert: Helden, Sünder, Heilige, Christus. Wer Originale von Michelangelo da Caravaggio sehen will, muss in den nächsten Wochen nicht nach Rom reisen: Aus der Villa Borghese ist David mit dem Haupt des Holofernes angereist, aus den Vatikanischen Museen die Grablegung Christi, aus den Uffizien der Ungläubige Thomas, vom Capitol die emblematische Wahrsagerin. Die Gemälde Caravaggios sind in der Münchner Ausstellung von Meisterwerken signifikanter Künstlerkollegen umgeben. Die prominentesten Caravaggisten Europas tun in ihren Werken dar, wie blitzartig sich die neue Sicht der Welt über den Kontinent ausbreitete. Der Pisaner Orazio Gentileschi, Hendrick ter Bruggen aus Den Haag, Dirck van Barburen aus der Nähe von Utrecht, der Spanier Juseppe de Ribera, die Franzosen Nicolas Tournier, Valentin de Boulogne und Simone Vouet; sie alle zeigen, wie bei aller persönlich, kulturell und landschaftlich bedingter Abwandlung und Bereicherung in ihren eigenen Werken Michelangelo da Caravaggio um 1600 einen Paradigmenwechsel in ganz Europa zu bewirken vermochte.

Utrecht, Caravaggio und Europa
Ausstellung bis zum 21. Juli 2019
Katalog zur Ausstellung

Alte Pinakothek München
Barer Straße 27
80333 München

 

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch: 10 bis 21 Uhr
Donnerstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr

12 Euro / 9 Euro

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