Wir setzen uns mit Tränen nieder

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Wiebke Puls erinnert in den Münchner Kammerspielen jeden Einzelnen daran, worum es im Theater eigentlich geht. Von Stephan Reimertz.

Wenn man so aus dem Theater herauskommt, wie man hineingegangen ist, war der Theaterbesuch sinnlos. Diese Gefahr besteht im Falle der neuen Produktion an den Münchner Kammerspielen Money makes my cry nach einem Konzept von Jan Bosse nicht. Ist es ein Theaterexperiment? Ist es experimentelles Theater? In einem einzigen intensiven Moment jedenfalls wird der Zuschauer an seine Grenzen geführt. Zunächst wartet er im leeren Foyer. Das Logenpersonal verrät nichts, es überreicht dem Besucher nur ein Taschentuch mit dem Aufdruck: Money makes me cry. Dann wird er in den Zuschauerraum gebeten und befindet sich dort ganz allein. Auf der Bühne steht eine Schauspielerin, die er gern als Schillers Elisabeth sehen würde, und zwar sowohl in Don Carlos als auch in Maria Stuart. Wiebke Puls begrüßt den Besucher mit Namen. Er hat ihr einen Euro in den Klingelbeutel zu erlegen. Das Honorarium stellt sicher, auch er leistet seinen Beitrag. Dann fragt sie ihn, worum sie mit ihm weinen soll.

»Worum soll ich für Sie weinen?«

Die Ausnahmesituation ist von den Kammerspielen beabsichtigt, dennoch fühlt der Zuschauer sich nicht berechtigt, die berühmte Schauspielerin mit seinen Privatangelegenheiten zu behelligen und ihr den Namen seiner Verflossenen zu nennen. Doch da der caro nome das erste ist, was ihm in den Sinn kommt, hat Wiebke Puls dem Besucher schon einen ersten Lerneffekt beschert. Ein Buch, das er verstaubt in der Ecke der Bibliothek glaubte, liegt aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch. Worum aber soll er die Schauspielerin weinen lassen? Wer München denkt, der denkt auch Dachau. »Um die deutsche Geschichte« also soll sie weinen. Sicher empfangen die Kammerspiele viele Einsichten durch das, was Besucher als Tränengrund angeben.

Begegnung mit dem Theater als Begegnung mit sich selbst

Sodann soll der Zuschauer sich einen Platz im leeren Theater suchen. Welchen Platz er wählt, sagt einiges über ihn aus. Der Besucher setzt sich genau in die Mitte. Ganz vorn wäre zu intim, ganz hinten wie im Kino zu respektlos. Die Schauspielerin steht inmitten der Bühnen in einem Spalt des Vorhangs. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wird skeptisch sein, ob dieses Wunder des hl. Gennaro sich auch auf weltlichem Boden ereignen mag. Doch schon kommt die Magie des Moments in Fluss, Zuschauer und Schauspielerin blicken sich in die Augen, spiegeln sich im Gegenseitigen, denn auch beim Zuschauer bleibt kein Auge trocken. Diese 1 : 1-Situation muss man aushalten, der Zuschauer ebenso wie der Schauspieler. Theater ist eine Veranstaltung auf Gegenseitigkeit, das droht der Alltag zu oft vergessen zu lassen, und dieser Moment erinnert wie im Brennglas daran. Es ist der Ur-Impuls des Theaters, der in diesem Moment Schauspieler und Zuschauer ergreift und verbindet; die Katharsis als das Wiedererkennen des eigenen Leidens und die innere Reinigung durch das Mitleiden, sympátheia.

Keine Krokodilstränen

Aber ist es überhaupt noch Theater in jenem Moment, da der Geist des Theaters vollends ausgefüllt wird? Ist es noch »als ob«? Handelt es sich nicht vielmehr um eine Art gemeinsamer und gegenseitiger Evokation oder eine spiritistische Sitzung? In jedem Fall ist die Begegnung in den Münchner Kammerspielen eine ehrliche Veranstaltung. Wiebke Puls steht dem Besucher als Mensch gegenüber. Nur so kann der Zauber gelingen. Kaum dürfte sie künstliche Hilfsmittel auf der Bühne versteckt haben, die zu sofortigem Weinen führen, wie etwa Zwiebeln oder den neuesten Roman von Daniel Kehlmann. Wiebke Puls füllt den einzigartigen Moment mit Würde und Disziplin aus. Manche wunderbare Inszenierung der Münchner Kammerspiele hat man im Laufe der Jahre vergessen. Den Tag der Tränen wird man nicht vergessen.

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