Wiederentdeckt: Antonio Salieri “Les Horaces”

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„La BETTLEROPERa“. Moritz Eggert mit einer radikalen Neuinterpretation des klassischen Stücks an der Neuköllner OperWeltersteinspielung: Konzertmitschnitt aus der Opéra Royal du Chateau de Versailles. Von Ingobert Waltenberger.

Die Aufführungszahlen dieser dreiaktigen tragédie lyrique als mager zu bezeichnen, wäre noch immer eine ziemlich fette Übertreibung. Trotz Umarbeitungen, verzweifelten Schlussvarianten-Rettungsaktionen nach den ersten schlecht gelittenen Aufführungen am 2.11. in Fontainebleau und am 2.12. 1786 im Hoftheater von Versailles gab es Buhgeschrei und heftigste Ablehnung diesem unglücklichen Opernkind gegenüber. Nach drei Aufführungen fiel endgültig der Vorhang. Erst der tapfere und unerschrockene französische Dirigent Christophe Rousset rekonstruierte und rehabilitierte die nie als Partitur gedruckte Oper in konzertanten Aufführungen am 15. Oktober 2016 in Versailles und kurz danach in der Salieri-Stadt Wien. Auszüge des Werkes erklangen bereits 2010 beim Festival ,Walldorfer Musiktage‘.

Was hat es nun mit der musikalischen Substanz auf sich? Um klar zu sein: Die Qualität der Musik kann locker mit dem Großteil des musikdramatischen Schaffens von Cherubini, Spontini oder Gluck mithalten. Dem heutigen Musikfreund ist überhaupt nicht mehr einleuchtend, warum Salieri mit ,Les Danaides‘,  ,Tartare‘ oder ,Falstaff‘ so große Erfolge einfahren hat können und mit der heroischen Oper ,Les Horaces‘ nicht. Diese Oper hat ja in Wahrheit alles, was den Freund barocker musikalischer Lustbarkeiten entzückt: eine hochdramatisch rasante Ouvertüre mit glänzenden Trompetenfanfaren, eingängige Chöre, ausdrucksstarke  Arien, farbige Accompagnato-Rezitative, eine prächtige Sinfonia sowie ein wunderbares Ensemble am Ende des zweiten Aktes.

Alle Diskussionen um Überlegungen rund um dramaturgische Stringenz, einen möglicherweise verquere Handlung, eine für damalige Verhältnisse vielleicht konventionelle Kompositionsweise, das mehr oder weniger logische Ende sollten eigentlich mit der Entstehungszeit begraben sein und zerstieben heute ins Nichts. Wie viele Libretti von allseits bewunderten Werken Händels oder Vivaldis sind so hanebüchen, dass sich jede seriöse Erörterung darüber erübrigt.

Antonio Salieri, Les Horaces, Christophe Rousset, Harmonia Mundi

In ,Les Horaces‘ wird der aus der römischen Antike rührende Konflikt um die Vorherrschaft Roms oder Alba Longas, der 660 v. Chr. zwischen den Familien der Horatier und der Curiatier ausgetragen worden sein soll, thematisiert. Die beiden Clans streiten also um die Macht. Drei Krieger aus jedem Lager – zufällig die Söhne der Anführer – müssen den Konflikt entscheiden. Auch eine unglückliche Liebe darf natürlich nicht fehlen: Camille, eine Horatierin, ist einem der Curatier zugetan, der jedoch von einem ihrer Brüder getötet wird. Als die arme Camille sich darob in wütender Verzweiflung aufbäumt, wird sie von ihrem Bruder als Vaterlandsverräterin getötet. Ein großer, Patriotismus besingender Chor beschließt die Oper.

Eine konzertante Aufführung, Handlung hin oder her,  bzw. der jetzt veröffentlichte Mitschnitt bieten jedenfalls ein eindringliches Hörerlebnis abseits ausgetretener Pfade. Christophe Rousset und sein Originalklang-Ensemble Les Talens Lyriques haben zweifelsfrei ganze Arbeit geleistet. Eine Sängerschar grosso modo ohne Fehl und Tadel mit Judith van Wanroij als Camille an der Spitze sorgen für den nötigen vokalen Aplomb. Auch Cyrille Dubois als Curiace, Julien Dran als junger Horace, der fabelhafte Jean-Sébastien Bou als alter Horace nehmen ihre Chancen wahr, in weiteren Rollen gefallen Philippe- Nicolas Martin, Andrew Foster- Williams und Eugénie Lefebre.

Nicht nur für diejenigen, die ohnedies schon alles kennen oder haben, eine spannende  Begegnung.

Antonio Salieri
Les Horaces
Les Talens Lyriques
Christophe Rousset
Aparte (Harmonia Mundi) 2018
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