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„Wieder da“ – das internationale literaturfestival berlin

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ilb-eroeffnung
Foto (c): Birgit Koß

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von den ersten Tagen des 22. ilb von Birgit Koß.

Rückkehr zu den „alten“ Zeiten im besten Sinne prägt die Stimmung bei der Eröffnung des 22. ilb, das internationale Literaturfestival berlin – wieder im Haus der Berliner Festspiele. Uli Schreiber, der Festspielleiter, steht vor der Tür und begrüßt wie eh und je Bekannte per Handschlag. Das explizit politische Literaturfestival wird mit ukrainischen Liedern von Hanna Rabenko und ihrer Bandura eröffnet. In den Grußworten wird auf die katastrophalen, im letzten Jahr noch nicht vorstellbaren Zeiten hingewiesen und gleichzeitig auf die heilende und vor allem erhellende Wirkung der Literatur. Krieg und Vertreibung, Kolonialismus, Genderfragen und die Klimakrise sind seit Jahren Themen, die in speziellen Sektionen und von den Autoren bearbeitet werden. Danach steht man entspannt im Garten mit einem Getränk und plaudert inhaltlich oder einfach über die Freude, wieder hier zu sein.

Eröffnungsrede von David Van Reybrouck

Der belgische Autor David van Reybrouck, dessen neuestes Buch „Revolusi –  Indonesia and the Making of the modern World“ über den Beginn der Entkolonialisierung Indonesiens jetzt auf Deutsch erscheint, hält eine berührende Eröffnungsrede. Dabei legt er seinen Schwerpunkt auf die Klimakatastrophe und vermittelt sehr anschaulich, dass in der Zeit seiner Rede – etwa 30 Minuten – 35 Arten unwiederbringlich von unserer Erde verschwinden. Er sagt, wir kolonialisieren jetzt die Zukunft. Und wieder sei es der globale Süden, der die Lasten trägt. Dort seien die Dürren und die Überflutungen am größten, bei genau den Menschen, die am wenigsten zu den klimaverändernden Emissionen beitragen. 

Zadie Smith und Daniel Kehlmann

Während in vergangen Zeiten die Eröffnungsfeier immer ausverkauft war, ist es diesmal überraschend leer. Das ist angenehm wegen des Abstands, aber auch etwas befremdlich. Scheuen sich die Menschen weiterhin vor großen Veranstaltungen? Der nächste Abend beweist das Gegenteil. Daniel Kehlmann führt ein Gespräch mit Zadie Smith über „Intimations“. Ihre Essays entstanden zum Beginn des Lockdowns. Gezielt werfen sich die beiden Prominenten die Bälle zu, mal souverän, mal eher betroffen darüber, wie groß die Katastrophe des Abgeschiedenseins für sie war, obwohl es doch eigentlich das normale Los von Schriftstellern ist. Dazu viele Anekdoten, die das Publikum goutiert. Es scheint so, dass die weiblichen Leitsterne der Literatur beim ilb ein besonders großes Publikum haben. Es ist ja auch bekannt, dass mehr Frauen als Männer Bücher lesen. Diese These kann in den nächsten Tagen überprüft werden. Wie auch immer  – in den Pausen wird eifrig diskutiert. Da finden Gespräche mit bisher unbekannten Sitznachbarn statt, die Luft schwirrt. Die Stimmung ist ausgelassen, alle genießen die Möglichkeit, endlich wieder 10 Tage von Literatur und Literaten umringt zu werden. Autorinnen und Autoren sind zum Anfassen da, signieren nicht nur, sondern lassen sich auf Gespräche ein.

Maaza Mengiste

So zum Beispiel Maaza Mengiste, deren Roman „Schattenkönig“ vor zwei Jahren auf der Shortlist des Booker Preises stand. Zehn Jahre hat sie an diesem Roman über den Krieg in Äthiopien mit den Italienern Anfang der 40er Jahre gearbeitet. Und noch immer bekommt sie Anfragen zu diesem Thema von Italienern und Äthiopiern, die in diesen Krieg verwickelt waren, weil sie dieses Thema erstmals öffentlich gemacht hat. Fragen wie „Können Sie herausfinden was aus meinem Kind, das ich damals in Äthiopien gezeugt habe, geworden ist?“ Damit sei sie völlig überfordert, stellt sie fest. Sie fordert aber auf, Fragen in den Familien zu stellen, um die Vergangenheit zu klären, weil sie noch viele Generationen nachwirke. Eine jungen Italienerin aus dem Publikum meldet sich und sagt, sie habe erst nach dem Tod ihres Großvaters erfahren, dass er an diesem Vernichtungskrieg beteiligt gewesen sein. Maaza Mengiste antwortet ihr, dass sie die junge Generation nicht verantwortlich mache, aber sie hoffe, dass Italien sich endlich auf dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte besinne, für das es bis heute dort kaum eine Sprache gebe.

Solidarität mit Salman Rushdie

Ein marginaler Ausschnitt von den ersten Tagen des ilb, die wieder einmal zeigen, welche Kraft Literatur hat und mit der sie umgehen muss. Ein Aufruf  bei der Eröffnung von Uli Schreiber: Wir sollten alle die nächsten Tage öffentlich ein Exemplar der „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie bei uns tragen und überall darin lesen, um zu zeigen, wie sehr wir das abscheuliche Attentat auf diesen großartigen Autor, der mehrfach Gast des ilb war, verurteilen und uns mit ihn solidarisch zeigen.

Karten für die Veranstaltungen bis zum 17.9. sind online oder direkt an der Abendkasse in Haus der Berliner Festspiele zu bekommen.

Die Bücher:

David van Reybrouck, Revolusi. Indonesien und die Entstehung der modernen Welt, Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, Surkamp Verlag, Berlin 2022, bei amazon, bei Thalia

Zadie Smith, Intimations, Six Essays Penguin book UK, London 2020, bei amazon, bei Thalia

Maaza Mengiste, Der Schattenkönig, Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky, dtv, München, 2021, bei amazon , bei Thalia

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