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„West:Berlin“ im Ephraim Palais

© Leonie Pfennig

Ein Gastbeitrag von Leonie Pfennig, die – als gebürtige Ost-Berlinerin – einen sehr persönlichen Blick auf die Berliner Ausstellung wirft.

Ich bin Ost-Berlinerin, in Berlin-Friedrichshain geboren. Meine komplette Kindheit und Jugend verbrachte ich in der DDR. Im April 1988 bewilligte man mir eine Besuchsreise zum 50. Geburtstag meiner Tante ins Sauerland, und dort bin ich geblieben. Diese Entscheidung war keineswegs kurzfristig, ich wusste schon lange, dass ich unter dem DDR-Regime nicht mehr leben wollte.

1999 lernte ich meinen jetzigen Mann kennen, einen Ur-West-Berliner. Uns interessiert immer noch die Geschichte von damals, weil wir beide sie von ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt haben. Deshalb haben wir uns entschieden, West:Berlin zu besuchen. Als ich die Ausstellung im Internet gesehen habe, fand ich sofort spannend, dass eine Ausstellung über West-Berlin im Ostteil der Stadt stattfindet. Eine super Idee, wie ich finde.

Als Ost-Berlinerin hatte ich damals schon ab und zu mitbekommen, was in West-Berlin so los war, aber natürlich nicht alles. Kaum vorstellbar dieser Inselstatus, den West-Berlin so lange innehatte. So habe ich das zu Ostzeiten gar nicht wahrgenommen. Und was gab es in der Zeit alles für Unterstützungen für West-Berlin vom Bund: Viele Arbeitnehmer erinnern sich bestimmt noch gern an die Berlinzulage, auch genannt „Zitterprämie“. Auch ich kam noch knapp ein Jahr in diesen Genuss, weil ich im Dezember 1988 zurück nach West-Berlin zog. Kann ich eigentlich „zurück“ sagen? Ich denke schon, denn ich fühlte mich immer als Berliner und jetzt auch noch, und ich liebe diese Stadt!

Und wie viele Firmen sich ansiedelten, weil es Steuervergünstigungen gab. Es gab Arbeitsplätze und viel neuer Wohnraum wurde geschaffen, um Berlin attraktiv für „Zuwanderer“ zu machen.

Diese Ausstellung zeigt aus West-Berliner Sicht z.B.:

  • die Nachkriegsaufbauarbeiten wie z.B. der Bau der Stadtautobahn
  • die Besuche von John F. Kennedy und Ronald Reagan
  • bis hin zum Mauerfall
  • den Mauerbau
  • was in den 1960/70/80er Jahre so passiert ist (flippige Jugendliche, die Mode und Kunst, die Demos)
  • auch die schlimme Zeit der RAF
  • Kulturelles: Theaterbühnen mit diversen Plakaten, und z.B. den Berliner Schauspieler und Entertainer Harald Juhnke

Dann nicht zu vergessen das Zentrale Aufnahmelager in Mariendorf für die Ostler, die es irgendwie auf die andere Seite Berlins schafften und dort aufgenommen und versorgt wurden.

Woran ich mich gern erinnere ist der Radiosender RIAS. Den konnten wir Ost-Berliner gut empfangen, und wir haben als Jugendliche die Westmusik auf Kassetten aufgenommen, das hat uns glücklich gemacht. Dadurch schwappte ein Hauch vom Westen zu uns herüber.

Und ehrlich, wenn ich die alten Besatzungszonen sehe, wie die Alliierten damals Berlin einfach aufgeteilt haben, kann ich das alles nicht begreifen. Und dieser Zustand hat 28 Jahre gehalten, von 1961 bis 1989. Unfassbar! Manchmal kommen mir immer noch vor Wut die Tränen und ich stelle mir oft die Frage, warum ich auf der falschen Seite von Berlin geboren wurde.

Ich finde diese Ausstellungen wichtig, auch diese schlimme Zeit sollte nicht vergessen werden und ein Mahnmal sein.

West:Berlin
Ausstellung bis zum 28. Juni 2015

Ephraim Palais
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Poststraße 13-14
10178 Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag–Sonntag 10–18 Uhr
Mittwoch: 12–20 Uhr

 

 

Leonie_PortraitLeonie Pfennig feierte am 17. April den 27. Jahrestag ihrer Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Am 17. April 1988, eineinhalb Jahr vor dem Fall der Mauer reiste sie über den so genannten „Tränenpalast“ nach West-Berlin ein.
Heute arbeitet sie als Autorin, Dozentin und Fachmaklerin für Private Pflegeversicherungen und als angestellte Maklerin bei netzwerk freier finanzberater.
Mehr über die Autorin hier.

 

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