Was vermag Kunst? Ai Weiwei schreibt dazu ein „Manifest ohne Grenzen“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Was vermag Kunst? Viel. Und nicht nur Kunst allein, vorausgesetzt, man beschränkt sich nicht auf bildende Kunst, sondern bezieht Architektur, die Medienkünste Fotografie Film/Video, Internet, die performativen Künste Theater, Tanz, Musik sowie die Literatur und alle Mischformen mit ein. Kunst und damit auch Kultur bieten Möglichkeiten sich mit unserer Welt, ihren Herausforderungen, aber auch dem menschlichen Dasein auseinanderzusetzen und kann Visionen von Zukunft, wenn nicht sogar entwerfen, so doch denken, durchspielen, diskutieren und somit zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.

Was ist Kunst? „Für mich ist es ein Synonym überlieferter Erfahrung“, sagt Ai Weiwei. Für ihn ist es unumgänglich, dass ein Künstler Aktivist ist, um gut zu sein. „Kunst muss Werte bestimmen und Bedeutung herstellen. Kunst war immer aktivistisch, wenn es darum ging, das Bewusstsein und das moralische Urteil zu hinterfragen.“ Das allerdings gilt für die Kunst pe se, denn dafür ist sie da. Eine Aufgabe, die über das Politische hinausgeht. Denn selbst Kunst um der Kunst willen, ohne Selbstzweck, hat vor dem Hintergrund der Reflexion, des Dialogs mit sich selbst, dem Bewusstsein, was Kunst auf menschlicher Ebene auslösen kann – Empathie, Wohlgefühl, Schutz vor Einsamkeit, Horizonterweiterung, Kommunikation und vieles mehr – ebenso eine Berechtigung wie alle Mischformen, in denen Künstlerinnen und Künstler einer Intention folgen oder ein Experiment wagen.

Fotonachweis: Ai Weiwei Studio

Der chinesische Künstler hat mit seinem typographisch kunstvollen „Manifest ohne Grenzen“ allerdings ein deutlich politisches Zeichen gesetzt. Er, der schon als Kind eines verfolgten und drangsalierten Dichter-Vaters in China ins Exil musste und sich bis zum heutigen Tag als Flüchtling fühlt, definiert sich als Aktivist, der Kunst macht und sie als Statement einsetzt. Als 2015 das losbrach, was in Deutschland als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, reiste Ai Weiwei nach Lesbos. Und danach in 40 andere Flüchtlingslager von Myanmar bis Mexiko, von Kenia bis Berlin. Hunderte von Interviews führten er und sein Team. Am Ende hatten sie rund 900 Stunden Film, aus denen schließlich die Dokumentation „Human Flow“ wurde. Zurecht darf man fragen: Ist das jetzt Kunst? Oder Politik? Oder künstlerischer Aktivismus? Doch wo ist in einer Dokumentation Kunst? Existiert sie bloß qua der Tatsache, dass sie durch einen Künstler entstand?

Unbestritten ist, dass Ai Weiwei die Frage nach dem „richtigen“ Flüchtling aufwirft. Ist derjenige, der einfach nur eine bessere Zukunft für sich und seine Kinder möchte, der nach Sicherheit, der Wahrung der Menschenrechte, Gewaltfreiheit und nach einem Dach über dem Kopf sucht, weniger wert als der, dem die Bomben auf sein Haus fallen? Die Geschichte der Menschheit, so Ai Weiwei, sei eine der Völkerbewegungen. Immer seien Menschen von Ort zu Ort gezogen, um bessere Lebensbedingungen zu suchen und, wenn sie sie gefunden haben, zu bleiben.

Es sei an der Kunst, zu zeigen, dass Grenzen auch dazu da seien, sie niederzureißen. „Als Künstler stoße ich andauernd an sie: Es gibt ästhetische, philosophische oder gesellschaftliche Grenzen, die meine Arbeit einschränken können. Ich muss sie infrage stellen, so wie mich selbst. Das ist natürlich eine Herausforderung, und ich gerate deswegen auch in verzweifelte Situationen. Ich muss es aber tun, sonst hätte ich das Gefühl, aufzugeben“, heißt es in seinem Manifest.

Ai Weiwei schreibt kaum etwas, was nicht die vielen Ehrenamtlichen auch sagen würden, die sich bis heute um Geflüchtete kümmern. Und er schreibt auch nichts über die bürokratischen Hürden, über die politischen, taktischen, nationalistischen Überlegungen, die Menschen und Staaten eine kritische Haltung gegenüber Menschen auf der Flucht einnehmen lassen. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Ai Weiwei ist Künstler. Er darf und soll mit Mitteln der Kunst an mentalen Grenzen rütteln und alles daran setzen, neue Welten zu öffnen.

Ai Weiwei
Manifest ohne Grenzen
kursbuch.edition, Hamburg 2019
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