Warum die Salzburger Elektra nicht elektrisiert

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salzburger festspiele bei nacht

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker kratzen ebenso an der Oberfläche der Partitur von Richard Strauss‘ Tragödie in einem Aufzug wie Regisseur Krzysztof Warlikowski und die Bühnen- und Kostümbildnerin Małgorzata Szczęśniak an jener von Hugo von Hofmannsthals Dichtung. Für die Sänger bliebt da nicht mehr viel Spielraum – jedenfalls in der Aufführung vom 18. August. Von Stephan Reimertz.

Die Elektra bei den Salzburger Festspielen, Premiere im vergangenen Jahr, war offenbar gedacht als Gegenstück zur gloriosen Inszenierung der Salomé mit Asmik Grigorian aus dem Jahre 2018. Bot damals Romeo Castellucci eine ikonographisch durchgearbeitete Inszenierung mit vielen überraschenden und zugleich dramaturgisch überzeugenden Einfällen – so fiel der Tanz der sieben Schleier aus, dafür wurde Salomé von einem Stein zermalmt – brachte uns im vergangenen Jahr Regisseur Krzysztof Warlikowski mit einer ambitionierten Fassung der Elektra zum Nachdenken. Nun, im zweiten Jahr, kann man sich davon überzeugen, wie diese steile Inszenierung der ersten gemeinsamen Arbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gealtert ist.

Eklig und steil zugleich

Kein Zufall, wenn die überzeugendste Idee dieser Inszenierung eine bildnerische ist und aus dem Bereich des Films stammt. Die aufgeregte, blutrünstige Sprache, die der junge Hofmannsthal ausspie, als er nach dem Theater schielte, findet im Bühnenbild von Małgorzata Szczęśniak ihr Pendant und in einer Videoeinspielung von Kamil Polak, in der immer mehr Fliegen um Blut herumwirbeln. Eklig und ästhetisch zugleich zu sein, das haben sich hier alle Beteiligten auf die Fahnen geschrieben, angefangen vom Textdichter über den Komponisten, der eine aufgeregt modernistisch klingende Musik mit vielen Beschwichtigungsmomenten schrieb – Mykene und Münchner Biergarten – bis hin zur Bühnen- und Kostümbildnerin mit ihren todschicken Figuren, dem Regisseur mit seiner beiläufigen Personenregie und dem Kapellmeister, der die Aufführung, welche wir besuchten (am 18. August) mit seltsamer Oberflächlichkeit dirigierte, so als kämen er und die Wiener Philharmoniker an diesem Abend einfach nicht recht hinein. Das war Filmmusik, abgeliefert mit einem Kinoorchester und erstaunte denjenigen Zuhörer aufs höchste, welcher Franz Welser-Möst als Strauss-Experten kennt und namentlich seine Salzburger Salomé besucht hat, wo der Meister das Orchester bis in die kleinste Regung hinein beherrschte. Es ist jedoch nicht statthaft, von einer Aufführung auf die gesamte Produktion zu schließen.

Ausrine Stundyte und Asmik Grigorian als ungleiche Schwestern

Möglicherweise liegt Welser-Möst die vorderasiatische Prunkwelt der Salomé einfach mehr als das dionysisch-archaische Griechenland der Elektra. Eine so weiche und weibliche Elektra wie Ausrine Stundyte habe ich auch noch nicht gesehen und gehört. Diese Besetzung mit ihrer warmen und satten Stimme hat den Vorteil, deutlich zu machen, welches Frauenleben hier in der Racheorgie verlorengeht. Traditionell werden Hausfrauenträume von der Schwester Chrysosthemis vorgetragen. (»Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal!«) Strauss gibt ihr sogar einige der schönsten Takte, wenn sie das weibliche Durchschnittsleben ausschmückt. In unserer Aufführung sang Asmik Grigorian – die legendäre Salomé von 2018 – die Schwester, die vergessen will statt Rache zu nehmen. So verfügte der Abend über zwei gleichstarke Sängerinnen als Schwestern mit so unterschiedlichem Charakter. Ihre gemeinsamen Momente waren von großer musikalischer Faszination.

Elektra 2021: Ensemble © SF / Bernd Uhlig

Schrecken als Programm

Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner gab eine wuchtige, dabei sadistisch-subtile Klytämnestra, (Alb-)traumbesetzung dieser mythischen Mutter und Gattenmörderin, auf deren Schädel schon die Axt wartet. Christopher Maltman sang einen stimm- und bühnenstarken Orest. Nur der Norwegerpullover störte, den die Kostümbildnerin ihm antat. Viele dramaturgische Details wirkten aufgesetzt, so auch die Reihe von Duschen im Bühnenhintergrund. Abwaschen des Blutes? Wie sinnig! Das Team dieser Produktion huldigte einem ähnlichen Imponiergehabe, das über seine eigene Grausamkeit erschrickt, wie einst Textdichter und Komponist. Die Oper hat den Ruhm des zugrundeliegenden Theaterstücks längst überschattet. Allein das Drama des noch nicht dreißigjährigen Dichters war ein großer, wenngleich nicht unumstrittener, Erfolg, als es 1903 in Berlin von Max Reinhardt inszeniert Premiere hatte. Elektra sollte den Dichter mit den beiden entscheidenden Weggefährten in Kontakt bringen: Max Reinhardt und Richard Strauss.

Rachedurst einer Epileptikerin?

Sigmund Freud hatte kurz zuvor das weiblichen Pendant des Ödipuskomplexes Elektra-Komplex genannt, und Hofmannsthal scheint einen weiblichen Hamlet hier gleich exemplifizieren zu wollen. Dichter und Musiker sind sich einig: Das Publikum sollte über ihre Elektra ebenso erschrecken wie die Zeitgenossen des Sophokles über das dramatische Vorbild. »Die antike Elektra erscheint als würdige Königstochter, was von dem auftretenden Chor bestätigt wird«, schreibt Herbert Hömig in seiner jüngst erschienenen Hofmannsthal-Biographie. »Bei Hofmannsthal hingegen handelt die Protagonistin in der götterlos gewordenen Welt nach ihren eigenen Maximen, denen sie treu bleiben will.« Der Dichter selbst tadelte später die »gräßliche Lichtlosigkeit« des Stücks, und Kritiker Alfred Kerr nannte ihn nun einen »Blutschwelger«. Was Kerr weiter über die Sprechtheater-Version ausführte, stimmt sehr gut zum schicken Individualismus unserer Salzburger Operninszenierung: »Beim Sophokles wird mit dem Morde der Schuldigen die Sittlichkeit eines ganzen Volkes befriedigt, bei Hofmannsthal mehr der private Rachedurst einer Epileptikerin.«

Elektra 2021: Peter Kellner (Der Pfleger des Orest), Vida Miknevičiūtė (Chrysothemis)
© SF / Bernd Uhlig

Wie gut ist diese Oper eigentlich?

Weil die Theaterwelten von Wagner und von Hofmannsthal in Bayreuth und Salzburg Orte haben, an denen sie verankert sind, können sie umso stärker in alle Welt ausstrahlen. Nicht Brecht, nicht Rilke, nicht Fontane oder Thomas Mann, ja nicht einmal Goethe und Schiller sind die Exportschlager der deutschen Literatur. Der weltweit am stärksten präsente deutsche Dichter ist Hofmannsthal – dank seiner Opernlibretti. Zudem ist in deutschen Landen Jedermann eines der beliebtesten Stücke, die Buhlschaft die gefragteste Rolle bei Schauspielerinnen. Umso seltsamer, wenn einige seiner interessantesten Werke nicht allzu häufig gespielt werden, etwa die Komödien Der Schwierige, Der Unbestechliche oder Der Abenteurer und die Sängerin. Die Gedichte freilich, die der Wiener in seiner Jugend schrieb, stehen in jeder Anthologie und sind z. T. sprichwörtlich geworden. In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, wie das Theater von Hofmannsthal und Strauss, wie auch das Richard Wagners, sich gänzlich gegen das von Brecht durchgesetzt hat – von anderen Versionen modernen Theaters gar nicht zu reden. Das Epische Theater, das Lehrstück, das Soziale Drama, das Experimentelle Theater, das Theater der Grausamkeit, das Absurde Theater – wo sind sie geblieben? Vor diesem Hintergrund scheint die Frage berechtigt, wie gut Elektra eigentlich ist. Immerhin haben wir mit Winckelmann und der Weimarer Klassik uns das Erbe des Hellenismus aufgeladen, mit Nietzsche und Freud das Erbe des dionysischen Griechenlands, welches dann in solchen Werken wie Elektra wiederaufersteht. Kein englischer oder französischer Klassizismus könnte sich dem an die Seite stellen. Von Nietzsche ist noch gar nicht alles veröffentlicht, geschweige denn geistig durchdrungen. Er selbst sagte, man wird mich erst in hundert Jahren verstehen; das wäre unsere Generation. Elektra ist prägnant und trägt Züge des Genialischen, allein der Schrecken wirkt allzu berechnet. Die Salzburger Inszenierung ist durchdacht und durchgestylt; sie begeisterte 1436 Zuschauer der Fürstlichen Felsenreitschule zu Salzburg. Der 1437. freilich verließ sie mit gemischten Gefühlen.

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