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Vom kosmischen Flirren umflutetDie Münchner Kunsthalle zeigt eine Retrospektive des spanischen Malers Joaquín Sorolla. Ein Ausstellungsbesuch von Stephan Reimertz.

Die Sonne hat in Spanien genug Kraft, um noch die Farben jener Innenräume zu bleichen, die sich vor ihr abschotten. Diese vom Licht in verschiedenen Graden erfüllten Interieurs sind bevorzugtes Thema des Malers Joaquín Sorolla y Batisda (Valencia 1863 – Cercedilla 1923). Er vermag aus den Gesichtern und Stoffen in jenen Innenräumen ihre tiefe Leuchtkraft, dabei die Mattigkeit und Dezenz des Ausgebleichten scheinen zu lassen. Im Kontrast kann, wie etwa in dem Hochformat Rosinenherstellung von 1900, das Außenlicht selbst ungedämpft in einer Bildecke als Kontrast aufleuchten. Dann stellt sich die Frage, ob auch der beste spanische Maler das helle und intensive Licht seiner Heimat wiederzugeben vermag, oder ob nicht jeder Meister vor diesem überirdischen Naturphänomen in Winkel fliehen muss, wo davon nur mehr ein Strahl, ein Blitz, eine Reflexion übrig bleibt.

Joaquín Sorolla, Mutter, 1895–1900, Öl auf Leinwand, 125 x 169 cm, Madrid, Museo Sorolla, Inv.-Nr. 324

Joaquín Sorolla, Mutter, 1895–1900, Öl auf Leinwand, 125 x 169 cm, Madrid, Museo Sorolla, Inv.-Nr. 324

Nur indirekt lässt dieses Sonnenlicht sich darstellen, ebenso wie die Präsenz des Göttlichen allein in seinem Widerschein an den Phänomenen abgelesen werden kann. Sorollas Lichtregie ermöglicht ihm, die Figuren im Raum in unterschiedlichem Maße hervorzuheben; nicht, um soziale Ordnungen aufzufächern, sondern, um den metaphysischen Rang der einzelnen Persona aufleuchten zu lassen. Es ist ein schwebendes, webendes Dasein, in das wir auf Sorollas Bildern hineinschauen. Noch die Mutter (1895-1900) liegt mit ihrem Neugeborenen im Bett wie in einer Wolke. Am weitesten in die Künstlichkeit wagt sich der oft abgebildete Weibliche Akt von 1902. Das Querformat zeigt den Menschen in seiner Nacktheit als Geschöpf zwischen Elfenbein und Marzipan. Die Lage der nackten Frau und die Rückenansicht reichen indes nicht aus, das Werk als Referenz an Velázquez zu interpretieren, wie oft geschehen.

Joaquín Sorolla, Sommer, 1904, Öl auf Leinwand, 149 x 252 cm, Havanna, Museum Nacional de Bellas Artes

Joaquín Sorolla, Sommer, 1904, Öl auf Leinwand, 149 x 252 cm,
Havanna, Museum Nacional de Bellas Artes

In der Sicherheit des Seins

Trotz seiner geographischen Nähe zu Velázquez und der zeitlichen zu Manet handelt es sich bei Joaquín Sorolla um einen Maler, dem es weniger um eine Analyse des Gegenstandes zu tun ist, als um das Durchscheinen eines tieferen Seinsgrundes. Spanien, dieses Land der Metaphysik, kennt eine andere Art des Sehens. Die Außenszenen, in denen Sorolla Volk bei der Arbeit, beim Vergnügen, oft beim Schwimmen zeigt, wie im mittelformatigen Schwimmer von 1905, sind festlichen Charakters. Alles ist voll Bewegung, aber niemand hat es eilig. Besonders liebt der Künstler Strandszenen und Schwimmer. Das Meer, das Wasser sind ihm Lichtbringer wie der Himmel. Das Blühen und kosmische Flirren auf den Bildern Sorollas stehen im Kontrast zu dem kosmischen Sturm eines anderen metaphysischen spanischen Malers.

Selbst die virtuosen Ölskizzen enthüllen, dass Sorolla kein analysierender Maler ist wie seine französischen Zeitgenossen. Handelt es sich um Genre? Eher doch um erfülltes Dasein. Umflutet vom hellsten Sonnenlicht, aufgehoben in einem unendlichen Meer von kosmischen Teilchen, war Sorolla einer der letzten Zeugen jener Sicherheit des Glaubens, Sicherheit des Lebens, die Spanien länger als den anderen Ländern Europas zuteilwerden sollte, und deren Ende es doch spätestens Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geahnt hat.

Das Ende der metaphysischen Geborgenheit

Auch wenn er als Porträtist einer gelassenen Oberschicht agiert, setzt sich bei Sorolla spezifisch spanische Nonchalance, allein spanisches Licht gegen die europäischen Vorbilder durch. Kaum ist eines seiner Bilder als Genre anzusprechen, nicht einmal die beiden Leute von La Mancha von 1912. Das unvollendete Großformat ist nichts anderes als eine Huldigung an den größten Hidalgo der kastilischen Hochebene und seinen unvergesslichen Gefährten. Die beiden Windmühlen im Hintergrund grüßen uns Illusionisten. Je älter Joaquín Sorolla wird, umso mehr Interesse zeigt er an spanischen Trachten und Traditionen; er spürt, dass diese Welt zum Untergang verdammt ist.

Die ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stehen im Zeichen eines Modernitätsschocks. Und die farbliche und formale Abstraktion eines Bildes wie der kleinformatigen Bucht von San Vicente von 1919 offenbart in seiner Reduktion ein Gefühl des Unbehagens, das Sorollas Werk zuvor fremd war. Dreizehn Jahre nach seinem Tod brach der Spanische Bürgerkrieg aus. Die brutale Zerstörung Spaniens durch den Konsumismus sollte jedoch erst in den achtziger Jahren beginnen.

Joaquín Sorolla, Selbstbildnis, 1904, Öl auf Leinwand, 66 x 100,5 cm, Madrid, Museo Sorolla, Inv.-Nr. 687

Joaquín Sorolla, Selbstbildnis, 1904, Öl auf Leinwand, 66 x 100,5 cm,
Madrid, Museo Sorolla, Inv.-Nr. 687

JOAQUÍN SOROLLA
Spaniens Meister des Lichts
Ausstellung bis zum 3. Juli 2016

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstraße 8
80333 München

Öffnungszeiten
täglich 10 bis 20 Uhr

12 Euro/6 Euro

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

 

Stephan_mit BrilleÜber den Autor:
Dr. Stephan Reimertz, geb. 1962 in Aachen, ist als Kunsthistoriker ein typisches Produkt der strukturanalytischen Schule von Hans Sedlmayr in München. Seine philosophischen Lehrer waren u. a. Stephan Otto, Rudolf Schottlaender, Robert Spaemann und Wolfgang Stegmüller. Seine Musiklehrer waren Gerhardt Schroth (Klavier) und Sergiu Celibidache (Dirigieren und Musikphänomenologie).