!Tipp: Intrigen und ausrangierte Spione. Mick Herron zeigt in „Slow Horses“ die böse Seite des Agentenlebens

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Rezension von Barbara Hoppe.

Alkohol, Drogen, vermasselte Einsätze oder einfach nur der Sündenbock. Wer im Slough House des MI5 landet, ist ein Slow Horse. Ein ausgedienter Gaul, den der Geheimdienst auf elegante Weise nicht loswerden kann, aber loswerden möchte.

Chef dieser Außenstelle ist Jackson Lamb. Wir sind einem solchen Typen schon einmal bei Reginald Hill begegnet. Hier heißt er Andy Dalziel, ist dick und schwabbelig, ungehobelt, ohne Manieren, dabei erstaunlich behände und scharfsinnig. Sein Polizisten-Team fürchtet seine Unberechenbarkeit. Doch gegenüber Jackson Lamb ist Dalziel ein Waisenknabe und Musterschüler. Denn Jackson Lamb ist nicht nur wie Dalziel, sondern zusätzlich ein furchtbar unästhetischer und ungepflegter Zeitgenosse mit gelben Zähnen, der gerne auch in größeren Runden rülpst und furzt und als ehemaliger Agent im Außendienst mehr als gerissen ist. Von seinen Slow Horses hält er gar nichts. Alte Gäule, die auf ihre jungen, älteren oder alten Tage nur noch Datenbanken durchforsten, abgehörte Telefonate transkribieren oder Müllsäcke nach irgendwas durchforsten. Nach was, wissen sie oft selbst nicht so genau. Sie alle hassen ihren Job. So auch River Cartwright, ein junger, einst vielversprechender Agent mit einem Großvater, der eine MI5-Legende ist. Als eines Tages ein junger Pakistani entführt und öffentlich im Internet enthauptet werden soll, erwachen allerdings die Jagdinstinkte der ausrangierten Spione.

Und ab diesem Zeitpunkt entwickelt Mick Herron einen Agentenroman, der so gar nichts mit dem gemeinsam hat, was wir gern lesen würden, nämlich dass die Underdogs als eingeschworenes Team agieren, Jackson Lamb irgendwie doch ganz sympathisch ist, sie alle es den eingebildeten Dogs im Hauptquartier, in Regent’s Park, so richtig zeigen. Nein, sympathisch ist hier niemand. Jeder trägt sein Päckchen, hasst, was er tun muss und seine Kollegen in dem schmierigen, grauen Haus mit den trostlosen Büros hasst er noch mehr. Geredet wird nicht. Jeder beäugt den anderen misstrauisch. Jackson Lamb scheint sein eigenes Spiel zu spielen. Und was er kann, können die anderen auch. Vor allem „Lady Di“, Vizechefin des MI5. Hier werden Köder hingeworfen, manipuliert, intrigiert und gelogen, dass sich die Balken biegen. Bösartig und hinterhältig ist jeder nur darauf bedacht, sich selbst ins rechte Licht zu rücken und am Ende die Lorbeeren abzugreifen. Brillant funktionieren die Gehirne der Agenten, sie schenken sich nichts. Teamarbeit ist Zweckgemeinschaft, so lange sie nützlich ist.

Nein, „Slow Horses“ ist wahrlich kein eleganter Agentenroman mit smarten Helden. Und dennoch macht es einen Heidenspaß, diesen Figuren bei ihrem bösen Spiel zuzuschauen. Denn irgendwo schlummert ja doch das Gute in dem einen oder anderen. Und für dieses Gute ist jedes Mittel recht. Schwarz und Weiß gibt es hier nicht. Grau sind Häuser, Bäume, Straßen und Menschen. Ins Niemandsland der Legalität pflanzt Mick Herron seine Protagonisten, das wie hermetisch abgeriegelt wirkt. Kein Laut und kein Dreck dringen nach außen. Gekehrt wird unter die eigenen Teppiche. Dabei findet Herron einen direkten und unverblümten Ton. Und beim Leser macht sich erstaunlicherweise ein Gefühl breit, dass seine Schilderungen weit näher an einem echten Agentenleben dran sind als alles, was wir bis dato gehört und gelesen haben.

„Slow Horses“ ist der Auftakt einer Jackson Lamb Reihe, die in Großbritannien bereits ein großer Erfolg ist und vielfach ausgezeichnet wurde. Mit „Slow Horses“ gelingt ein fulminanter Aufschlag in Deutschland. Es bleibt spannend, wie es weitergeht.

Mick Herron
Slow Horses
Diogenes Verlag, Zürich 2018
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Coverabbildung © Diogenes Verlag

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