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Feuilletonscout-Rezension

den Roman von Durian Sukegawa„Die zierlichen Blumen am Wegrand wiegten sich in der Brise“. Es sind solche schlichten Sätze, die den Zauber von „Kirschblüten und rote Bohnen“ ausmachen. Ohne große Abschweifungen, ohne viele Worte machen zu müssen, erzählt uns Durian Sukegawa eine poetische Geschichte um Freundschaft, Trauer, Hoffnung und die Liebe zur Zubereitung von Süßspeisen.

 

Der Duft der Dorayaki
Dorayaki heißen die kleinen runden Teigaschen, gefüllt mit einer süßen Bohnenpaste. Sentaro bereitet sie jeden Tag in seinem mittelmäßig besuchten Imbiss in einer mittelmäßig frequentierten Tokioter Einkaufsstraße zu. Seinen Job liebt er nicht. Aber der verstorbene Imbissbesitzer fing ihn einst auf, als Sentaro nach einer Haftstrafe noch Schulden bei ihm abzahlen musste. Entsprechend gleichgültig klatscht er täglich den Teig auf die heiße Platte und erwärmt die angelieferte Bohnenpaste, denn die Witwe des Imbissbesitzers erwartet die nächste Geldrate.

Eines Tages steht eine alte Dame bei Sentaro vor der Tür. Tokue Yoshii möchte die ausgeschriebene Aushilfsstelle annehmen, doch Sentaro kann und will die alte Frau mit der Strickmütze und den verkrüppelten Händen nicht einstellen. Als sie ihm eines Tages ihre selbst gemachte rote Bohnenpaste da lässt, ändert er seine Meinung, denn diese Paste ist eine nie dagewesene Köstlichkeit. Obwohl es für Tokue ein beschwerliches Unterfangen ist, weiht sie Sentaro jeden Morgen ab sechs Uhr in der Früh in die Geheimnisse der richtigen Zubereitung von roter Bohnenpaste ein. Dies schildert Sukegawa mit einer sprachlichen Zärtlichkeit, die seinesgleichen sucht. Tokue steckt ihre Nase tief in den Kochtopf, lässt aufkochen, gießt ab, wäscht die Bohnen, lässt sie köcheln, rührt, schreckt ab und übergießt sie sanft mit Zuckersirup. Der Duft von Dorayaki entsteigt dem Buch und findet seinen Weg direkt in die Nase des Lesers. Schritt für Schritt lernt Sentaro von der alten Dame und genauso behutsam erfährt der Leser die Sinnlichkeit dieser schlichten Süßspeise.

Das neue Rezept kommt bei den Kunden an und schon bald drängeln sich nicht mehr nur die Schulmädchen vor dem Imbiss. Doch das Glück ist nicht von Dauer. Tokue hat ein Geheimnis und üble Nachrede lässt das Geschäft verblühen wie die Kirschbäume davor.

In der Traurigkeit ist Hoffnung und Liebe

Fast möchte man behaupten, dass die eigentliche Geschichte erst jetzt beginnt. In der Krise muss sich Freundschaft bewähren. Schließlich erweisen sich die fragilen Bande zwischen Tokue, Sentaro und dem Schulmädchen Wakana als stärker als der Dorayaki-Imbiss. Die Weisheit Tokues, ihre Sensibilität im Umgang mit den Bohnen und ihre Genügsamkeit rühren zutiefst nicht nur Sentaro und Wakana, sondern auch den Leser. Sie geben Hoffnung und Trost für unser menschliches Leben, das jeden durch Höhen und Tiefen, durch Einsamkeit und Liebe schickt.

Am Ende möchte man weinen. Nicht, wegen der Melancholie, die dem Buch entströmt, sondern weil es in seiner ganzen Schlichtheit über die Maßen poetisch ist.

Im Januar lief die Verfilmung des Romans in den deutschen Kinos. Ohne den Film gesehen zu haben, meine ich, ist es ein Glück, nur das Buch zu kennen. Es ist der großartigen Übersetzerin Ursula Gräfe, die schon Haruki Murakami meisterhaft ins Deutsche übertrug, zu verdanken, dass wir diese berührende Geschichte in großer Sprachschönheit, allein durch die Kraft der Worte, genießen können.

Feuilletonscout empfiehlt...Kirschblüten und rote Bohnen_Portrait_Dumont Verlag

© DuMont

Der Autor Durian Sukegawa, geboren 1962, studierte an der Waseda Universität in Tokio Philosophie. Er schreibt Romane und Gedichte, außerdem arbeitet er als Schauspieler, Punkmusiker und Fernseh- sowie Radiomoderator. ›Kirschblüten und rote Bohnen‹ ist sein erster ins Deutsche übersetzter Roman.

 

 

Durian Sukegawa:
Kirschblüten und rote Bohnen
DuMont Verlag, Köln 2016
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!Tipp: Durian Sukegawa „Kirschblüten und rote Bohnen“, 5.0 out of 5 based on 2 ratings