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Statt Kino: “Tatort: Finsternis”

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Von Stephan Reimertz.

Die hochbegabte junge Regisseurin Petra Lüschow schrieb ihr eigenes Drehbuch rund um eine Handvoll erstklassiger Darsteller. Im Zentrum steht Uwe Preuss als zurückgesetzter, beleidigter und, wie sich zeigen wird, nicht immer ganz gesetzestreuer Familienvater, Vertreter der Gesellschaft des Zorns im wörtlichsten Sinne. Lüschow und ihr hochmotiviertes Team loten die Abgründe der Alltäglichkeit mit großer Souveränität und ausgewogenem Gefühl für agogische Details aus.

Besonders bemerkenswert ist dabei Julia Riedler als Tochter Judith; die Figur der jungen Theaterregisseurin ist zwar etwas eindimensional angelegt, allein die konzentrierte, auf den Punkt spielende Darstellung, die Riedler der zunächst ahnungslosen, dann immer erschreckteren und ahnungsvolleren, Tochter verleiht, bilden ein Ruhe- und Handlungszentrum des Films. Frappant und von nachgerade literarischer Brillanz ist die Art und Weise, in der die charismatische Victoria Trauttmansdorff als verschwundene Mutter Maria immer wieder in den Film eintritt. Ob sie noch lebt, während ihre Tochter die Videoaufnahmen von ihr zeigt, oder ob es sich um eine Stimme aus dem Jenseits handelt, soll hier nicht verraten werden. Die bis in die kleinste Nebenrolle vorzüglich besetzte Tatort-Folge besticht trotz einer am Ende etwas forcierten und an den Haaren herbeigezogenen Story mit eindrucksvoller Disziplin aller Beteiligten. Aber das beste, was man über den Film sagen kann, ist: Er dringt über die an sich schon souverän gelungene Milieustudie einer verletzten Mittelschicht bis an allgemein menschliche Seinsfragen vor.

Theatralisch und an das absurde Theater erinnernd erscheint die Lumpengewandung der beiden ermittelnden Kriminalisten mitten in der reichen Stadt Frankfurt a. M. Wolfgang Koch gibt den ostentativ gutaussehenden, dabei lässigen Kommissar Paul Brix. Vollkommen rätselhaft bleibt indes, was Produktionsteam, Regie und Schauspielerin sich bei der Figur der Kommissarin Anna Janneke gedacht haben: Als Toddlerin exerziert Margarita Broich das Minenspiel von Stan Laurel und den Gang von Charly Chaplin. Im Babytalk verhört sie Verdächtige. Soll hier gezeigt werden, wie auch eine »bekloppte« Beamtin zielführende Polizeiarbeit leisten kann? Die aus Tatschelwang und Watschelgang bestehende Figur fällt aus diesem Tatort heraus, konnte nicht sinnvoll in die Dramaturgie eingegliedert werden und wirkt, als sei sie einer Clownerie von Samuel Beckett entlaufen.

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