Statt Kino: Francesco Cavalli „Ercole Amante“

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Francesco Cavallis „Ercole Amante“ – gefilmt am 6. und 8. November 2019 in der Opéra Comique Paris – ist kurzweiliges, ästhetisch auf das Jetzt stilisiertes Barockspektakel in einer erstklassigen musikalischen Vorstellung. Rezension von Ingobert Waltenberger.

Wer eignete sich besser als Zugpferd für effektvolles und affektgeladenes barock-aufgeplustertes Theater und taugte gleichzeitig als passende Huldigungsprojektion für einen nach Weltmacht strebenden Herrscher? Natürlich Herkules mit all seinen sagenumrankten und überlebensgroßen Heldentaten. Auch seine weniger vorbildlichen privaten Unternehmungen fanden Eingang in die Kunst.

Musikalische Schmeichelei

Der Machokrieger diente als Vorlage für Bildhauer, Maler, aber auch als reißerische Erzählvorlage für so manchen Opernstoff. Francesco Cavalli erhielt den Auftrag für ein den verliebten Herkules ins Zentrum stellendes Musiktheater. Es sollte eine koloraturtriefende musikalische Schmeichelei für den jungen Ludwig XIV. daraus werden. Die Verstrickungen von Titelfigur mit göttlicher als auch profanerer Entourage beinhalten alle Ingredienzien eines die gesamte barocke Bühnenmaschinerie reichlich nutzenden Triebwerks.

Eigentlich sollte die Oper ein Hochzeitsgeschenk von Kardinal Mazarin für seinen König sein. Natürlich hatte der Diplomat Mazarin diese politische Vernunftehe selber gestiftet. Der 21-jährige Ludwig vergnügte sich noch mit einer der Nichten des Polito-Klerikers, während er zur Befriedung nach 25 Jahren Krieg zwischen den Bourbonen und den Habsburgern am 9. Juni 1660 schließlich in die Eheschließung mit der spanischen Infantin Maria Teresa willigte.

Wer solche „Opfer“ bringt, sollte zumindest mit einem unterhaltsamen Spektakel belohnt werden, dachte Mazarin. Da die Oper in Frankreich damals fest in italienischer Hand war und Ludwigs Vater Ludwig XIII. als auch sein Großvater Heinrich IV. die Vergleiche mit dem muskelbepackten Haudrauf Herkules als schmeichelhaft empfanden, lag nichts näher, als den berühmtesten italienischen Komponisten, den Venezianer Cavalli mit der Komposition einer solchen repräsentativen Herkules-Oper zu beauftragen.

Natürlich sollte die Oper alle Künste aufs Schönste und Teuerste vereinen, war die Aufführung doch für den von Louis Le Vau prunkvoll restaurierten Tuilerien-Palast vorgesehen. Doch es kam anders. Der Theater Architekt Gaspare Vigarani kam mit seinen Arbeiten in Verzug, Mazarin starb und die Ehe mit Maria Teresa erwies sich nach der Geburt des Dauphin Louis als alles andere denn idyllisch. Künstlerisch übernahm Lully die Zügel, konnte er doch die Tanzleidenschaft des Regenten mit opulenten höfischen Balletten besser befrieden.

300 Jahre Funkstille

Kurz und gut: Die Uraufführung fand 1662 mit zweijähriger Verspätung statt. Aber nicht als Oper alleine. Der netto dreistündige „Ercole Amante“ ward von zwei gigantischen Ballettblocks (Musik Lully) gerahmt, in denen Ludwig XIV. u.a. als Pluto, Mars und Sonne auftrat. Aufgrund der für die 16 Sänger desaströsen Akustik fiel die Oper mehr oder weniger durch. Nach weiteren 16 Aufführungen, in denen von den insgesamt sechs Stunden 60 Minuten aus der Oper gestrichen wurde, war über 300 Jahre lang Schluss. Erst 1981 wurde die Oper erstmals im 20. Jahrhundert im Pariser Châtelet wiederaufgeführt.

Die vorliegende Verfilmung stützt sich auf eine bunt-fantasievolle, moderne und dennoch raffiniert werkgerechte Inszenierung von Valérie Lesort und Christian Hecq. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsproduktion der Opéra Comique Paris, der Opéra National de Bordeaux und dem Château de Versailles Spectacles. Die wahren Stars sind neben den durchwegs fabelhaften Sängern und dem stilistisch unüberbietbaren Chor und Orchester des Ensembles „Pygmalion“ unter der musikalischen Leitung des Heißbluts  Raphaël Pichon allerdings der Bühnenbildner Laurent Peduzzi und die Kostümbildnerin Vanessa Sannino.

Die beiden sorgen für ein opulent optisches Theatererlebnis, indem sie für Prolog und die fünf Akte die Bühnenmaschinerie nach barockem Vorbild mit technisch einfachen, aber erstaunlich effektvollen Mitteln in Gang setzen, und auch den Chor für reizvolle visuelle Tableaus einsetzen. Da öffnen sich weißbehandschuhte Hände zu blühenden roten Blumen, fliegen putzige rosa huhnrunde Luftfahrtschiffe am Himmel, taucht Neptun mit grün wallenden Haaren aus einem alten U-Boot auf und steigt Eurytus vermodert aus einem Grab ganz nach schönster Hollywood Gruselmanier. Wunderbar!

Herkules: larmoyant und brutal

Die Inszenierung und die Kostüme zeigen uns einen fesch männlichen, aber charakterlich ziemlich erbärmlichen, in Liebesdingen larmoyanten bis brutalen Herkules. Mit Deianira verheiratet, will der alle Monster besiegende, offensichtlich vor Testosteron überschäumende Kerl unbedingt bei Iole, der Verlobten seines Sohnes Hyllo, landen. Außerdem hat Herkules zum Überdruss Ioles Vater Eurytus getötet, weil er seine schöne Tochter zuerst Herkules versprochen, dann aber diese Zusage zugunsten von Hyllo zurückgezogen hat. Wie immer in solchen Konstellationen, versucht die Kupplerin Venus auch hier Herkules bei der Eroberung beizustehen, während Venus‘ Erzfeindin Juno das allerhöchste Gspusi zu verhindern sucht. Sie will Iole im sicheren Ehehafen mit Hyllo sehen. Nun schmieden alle ihre Bündnisse, um an ihr Ziel zu gelangen. Deianira erbittet die Hilfe ihres pfiffigen Dieners Lichas, Juno zieht den mächtigen Somnus auf ihre Seite.

Ab jetzt geht es rund in der Oper, die nach dem Beispiel von Shakespeares „Hamlet“ oder Monteverdis „Poppea“ Elemente der Tragödie mit flauschig komödiantischem Unterton auflädt. So erscheint unser Herkules als ziemlich lächerliche und hilflos eifersüchtige Figur. Das Gefühl der Liebe kann keiner erzwingen, da mag er drohen oder berserkern, was er will. Im großartigen dritten (=Garten-) Akt steht ein gräserner Thron in der Mitte, der auf Iole zauberisch wirken soll. Hände ranken sich um ihren Körper, Herkules Hände verirren sich unterm Rock der Angebeteten. Nützt alles nichts, sie will ihren Hyllo.

Diesen ungebetenen Rivalen, also seinen eigenen Sohn Hyllo, vertreibt Herkules. Als Juno Herkules in tiefen Schlaf versetzt, gibt sie Iole ein Schwert, um den ungeliebten Mann und Vatermörder zu töten. Hyllo geht dazwischen und entwaffnet sie. Der wieder erwachte Vater glaubt jetzt im Sohn seinen potentiellen Mörder zu sehen und wirft ihn ins Gefängnis: Die Mutter und Ehefrau Deianira muss sicherheitshalber ins Exil.

Der vierte Akt schließlich macht sich die Wellen und die Urgewalt des Meeres zur spielerischen allegorischen Übung. Um ihren Verlobten aus dem Gefängnisturm zu holen, gibt Iole den Widerstand gegen Herkules auf. Hyllo will sich daher in den Fluten ertränken, wird aber von Neptun gerettet und von Juno getröstet. Die Lösung findet schließlich Lichas. Deianira soll Herkules die mit dem Blut des Kentauren Nessus getränkte Tunika schenken. Der Held verbrennt nach Berührung mit dem verpesteten Stoff und der Schlussapotheose mit der Unsterblichkeit des Herkules und seiner Ehe mit Belezza steht nichts mehr im Weg.

Die gesamte Oper bei YouTube:

Musik wie Champagner

Cavalli hat zu diesem typisch barock ausufernden Plot mit 24 Figuren drei Stunden einer champagnergleich perlenden, unterhaltsamen Musik erfunden. Wie bei Monteverdi gehen Rezitative und Arioses bruchlos ineinander über, die von Pichon selbst eingerichtete exotisch farbenfrohe Instrumentierung sorgt für eine magische Atmosphäre.

Die homogene und starke Besetzung weist 17 Sängerinnen und Sänger aus, die ihr Geschäft verstehen und von denen einzelne teils mehrere Rollen übernehmen. Neben dem hemdsärmelig, köstlich sich selbst persiflierenden basstimm-mächtigen Nahuel di Pierro sind vor allem die Alte Musik-Diva Anna Bonitatibus als strenge und böse intrigierende Ehehüterin Juno, die Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli als wunderschöne und ebenso singende Deianira, die frische und koloratursichere Francesca Aspromonte als Iole, und vor allem der flexible und leuchtende Tenor des Krystian Adam als Hyllo vor den Vorhang zu bitten. Ein Gustostück liefert die Countertenor-Legende Dominque Visse in der Rolle des Lichas. Wie Loge im Rheingold ist er letztlich der Strippenzieher, der das Finale der Geschichte einläutet. Aber auch die Soprane Eugénie Lefebvre (Pasithea, Clerica, dritte Grazie) und Giulia Semenzato (Venus, Belezza, Cinzia) erfreuen mit passgenau abgesteckten Charakterporträts, schön timbrierten und ausdrucksstarken Stimmen. Luca Tittoto leiht seinen rabenschwarzen Bass augenrollend dem Neptun und Ioles Vater-Gespenst Eurytus.

Ein großer Opernabend

Chor und Orchester „Pygmalion“ samt ihrem künstlerischen Leiter Raphaël Pichon sind nicht nur akademisch versierte und kulinarisch verfeinerte Spezialisten für klingenden französischen/italienischen Hochbarock, sondern auch Meister in der fantasievollen Modellierung der komplexen rhythmischen und dynamischen Vielfalt sowie im Einsatz knuspriger lautmalerischer Effekte. Das Regieteam kann durchaus neben der starken Optik bestehen, die Personenregie kümmert sich bis ins kleinste Detail um die jeweilige seelische Verfassung der Proponenten als auch um die emotionale Beziehung der Figuren untereinander.

Ein großer Opernabend, von der Aufnahmequalität und der Bildtechnik her herausragend für die Ewigkeit festgehalten. Die neue Produktion ist der aus dem Jahr 2009 stammenden, auf DVD und Blu-ray erhältlichen Aufführung der Nederlandse Opera (Regie: David Alden) mit Anna Bonitatibus, Luca Pisaroni, Veronica Cangemi, dem Netherlands Opera Chorus und dem Concerto Köln unter Ivor Bolton eindeutig überlegen.

Uneingeschränkte Empfehlung!

Ercole AmanteBlu-ray Francesco Cavalli „Ercole Amante“
gefilmt am 6. und 8. November 2019 in der Opéra Comique Paris
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