Zum Inhalt springen

Statt Kino: Beklemmendes Welttheater, gewaltige Schicksalsbilder

Rating: 5.00/5. From 6 votes.
Please wait...

statt-kinoGiuseppe Verdis Neuinszenierung des Politthrillers „Simon Boccanegra“ markiert den letzten Kulturhöhepunkt an der international renommierten Opéra Royal de Wallonie-Liège in dieser Saison. Von Barbara Röder.

 

Atmen und Sein, Licht und Dunkel

Das Meer. Das ruhige Säuseln der Wellen schwappt im Pianissimo aus dem Graben. Umhüllt die Szene. Reißt uns mitten hinein in den schwarzfarbig klingenden Prolog von Verdis „Simon Boccanegra“. Maestra Speranza Scappucci nimmt sich viel Zeit. Es ist, als beschwöre die Dirigentin die flirrende Meeresbrise aus dem Orchester, sich nicht zu sehr zum musikalischen Orkan aufzubäumen. Noch nicht wohlgemerkt! Dann tönt es eindringlich schmutzig, gefährlich, tief. Dunkelheit herrscht in den Zeiten von Verrat und Verschwörung. Eine düstere, klangreiche Welt der Intrige in der „hinter jeder Mauer ein Spion“ lauert, wartet auf uns. Verdis mystische „tinta musicale“ beschwört die Farbe schwarz. Die Bassklarinette kündet das unheilvolle Schicksal „Simon Boccanegras“ an. Rache, Neid, Ausgrenzung, da er ein Korsar ist, der sich Ansehen und Respekt wünscht, begleiten den zukünftigen Dogen von Genua. Scappucci bietet uns alles in diesem gespenstisch, schönen Prolog. Leicht ist der hörende Zuschauer an die Sturmszene im „Rigoletto“ erinnert, meint sogar, der klirrende Orkan des „Otello“ nähert sich mit leisen Gesten.

opera royal de wallonie liege eingang
Foto: Barbara Röder

Das Orchester Opéra Royal de Wallonie-Liège ist Wachs in den Händen von dieser famosen Verdi-Kennerin Scappucci. Es spielt mit konzentrierter Intensität und triumphiert am Ende dieses mustergültigen Spektakels mit verhallender Stille. Dann ist Simon nach 25 Jahren durch sein persönliches Leidenstal geschritten, trotz all seiner politischen Erfolge. Naturgewalten herrschen vor. Innen wie außen! Scappucci, die mit diesem Dirigat ihren Abschied als musikalische Chefin von der Opéra Royal de Wallonie-Liège nimmt, präsentiert sie uns schonungslos, voller Empathie und Zärtlichkeit für Verdis grandiose „Landschaftsmalerei der Seele“ (Arnold Schönberg).

Verdi hatte es schwer mit seinem ersten „Boccanegra“, zu dem Francesco Maria Piave das Libretto schrieb. Erfolglos uraufgeführt in Venedig am Teatro La Fenice 1857, war es ein Werk, das „nicht sofort zündet“. Dann wendete sich das Blatt. Verdi arbeitete sein Opus „Boccanegra“, das „düster, weil es düster sein muss, aber es ist fesselnd“, mit dem Librettisten Arrigo Boito um. Wieder geboren und an der Mailänder Scala 1881 in Szene gesetzt ist „Simon Boccanegra“ immer noch „stark, fest, finster wie ein Stück Basalt“ (Boito) und bis heute ein Œuvre für Verdi- Connaisseurs.

Verheißungsvolles Hoffen, mörderische Gegenwart

Das Meer. Die blutroten Säulen des Palastes in Genua begegnen uns beim Betreten der Oper. Die wilde, düstere Seelenlandschaft Boccanegras umhüllt, umschließt uns. Das wolkenverhangene Meer ist auf den geschlossenen Vorhang der Bühne gemalt. Das Entrée der Oper leuchtet blutrot. Schon hier beginnt die Zeit- und Seelenreise des zum Dogen gewählten Korsaren Simon Boccanegra.(John Bishop, Lichtdesign)

opera royale de wallonie liege bühne
Foto: Barbara Röder

Dicke Tatzen großer Löwen liegen auf den goldenen Kugeln vor dem Palasteingang des reichen Fiesco. Hier regiert die Macht, ist sie zuhause. Im Hintergrund: das Meer. Gary McCann bietet einen architektonischen Stilmix auf. Gigantische Mittelalterfassaden bis hin zum kühlen Art Déco Relief und Fackel tragende stählerne nackte Krieger, die an Betonsäulen ihre Arme emporrecken, deuten in ihrer Bestimmtheit die faschistische Mussolini-Epoche an. Es ist ein bestechend opulentes Ambiente, das überzeugt. Spürbar hat Kostümspezialist Fernand Ruiz diesen Stilmix für seine Gewänder aufgegriffen. Plüschige, samtige Puffärmel und Umhänge erinnern an Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. Die Blaumänner mit Mistgabeln zeigen das aufgebrachte Volk, das im „Risorgimento“ zur Verdizeit für die Freiheit und nationale Unabhängigkeit Italiens kämpfte. In Verdis „Boccanegra“ sind es die Plebejer, die Simon zum Dogen wählen. Regisseur Laurence Dale erzählt klar und ohne Umschweife die komplexe, dennoch eindringliche Story um verheißungsvolles Hoffen, bitteres Dasein und wiedergefundenes Glück im Tod.

Liebe, Frieden, Glück

Simon Boccanegra möchte es finden, das Glück und in Frieden leben. Der geächtete Korsar liebt Maria, die Tochter des Adligen Fiesco. Beide haben eine uneheliche Tochter zusammen, die Boccanegra in die Obhut einer Amme gegeben hat. Boccanegra stimmt zu, sich zum Dogen wählen zu lassen, um Maria standesgemäß zu ehelichen. Sie stirbt und Fiesco verflucht aus Schmerz und erbitterter Feindschaft Boccanegra. Standesdünkel, Gewalt und Verfluchung herrschen vor in dieser rauen, machtdominierten Welt. 25 Jahre später ist Boccanegra immer noch ein erfolgreicher aber einsamer Doge. Seine Tochter, jetzt beim Todfeind Fiesco als Findelkind mit dem Namen Amelia lebend, da als Waise aufgefunden, ahnt nichts von den verwirrenden Verstrickungen ihrer Herkunft. Durch Zufälle erfährt Amelia von Boccanegra wer sie ist. Die Eifersucht ihres adligen Verlobten Gabriele und aufkeimende Begehrlichkeiten, blinder Hass und die Gier nach Macht treiben Boccanegras Widersacher Paolo dazu, ihn zu vergiften. Boccanegra stirbt mit dem Aufruf zur Liebe und zum Frieden. Großartig ist die Idee, ihn mit seiner Liebe, der verstorbenen Maria, von der Bühne des Lebens hinein in die Wogen des Meeres abtreten zu lassen. Ein starkes Schlussbild, dass szenisch die Worte Desdemonas „Unsere Liebe bleibe unberührt vom Lauf der Zeiten!“ in Verdis „Otello“ vorwegnimmt. Bravo!

Herausragende Sängerdarsteller begeistern in diesem musikalisch fulminanten „Simon Boccanegra“. Allem voran der rumänische Bariton George Petean, der weltweit neben Željko Lučić und Christian Gerhaher einer der führenden Verdiinterpreten darstellt. Sein Simon Boccanegra strahlt verinnerlichte Noblesse aus. Lyrische Geschmeidigkeit und funkelnde Emotionalität zeigen ein beeindruckendes Rollenporträt. Sein stählerner, kraftvoller Bariton zeichnet sich zudem durch schimmernde Brillanz im hohen Register aus. Besonders in den Duetten, die Verdi seinen Protagonisten in die Kehle schrieb, verschmilzt Peteans Stimme mit dem Klang aus dem Graben oder den jeweiligen Sängerpartnern. Riccardo Zanellato gibt den Vater Jacopo Fiesco mit Grandezza. Er hat einen sehr dunklen, würdevollen, kraftvollen Bass, der im Prolog in seiner leidensvollen Arie “Il lacerato spirito” begeisterten Beifall erhielt. Federica Lombardi, die als Amelia Boccanegra ihr Rollendebüt an der Opéra Royal de Wallonie-Liège gibt, hat eine große Zukunft vor sich. Sie zeigt Amelia als reife, selbstbestimmte Frau, die keinen Hehl aus ihrem Willen und ihrem Verlangen macht. Ihr Dunkel gefärbter, erdiger Sopran ist gut geführt, fügt sich aber nicht immer in die Klangfarbe des Orchesters ein. Als eindringlich hinterhältigen Intriganten präsentiert der Belgier Lionel Lhote, die Figur des Paolo Albiani. Er entlockt diabolisch schwarze, an „Jago“ erinnernde Charakterzüge aus diesem fantastischen Widersacher Boccanegras. Der Tenor Marc Laho singt mit leidenschaftlicher Akkuranz den Gabriele Adorno, den heißblütigen Geliebten Amelias. Bestechend gut besetzt sind die wichtigen Nebenfiguren des Politdramas: Roger Joakim (Pietro) singt mit dunkel sonorer Stimme. Zwei Solisten aus dem Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège ergänzen klangschön die Szenerie: Xavier Petithan (Hauptmann) und Anne-Françoise Lecoq, als Amelias Kammerfrau. Verdi verleiht dem Chor seiner Volksdramen, Polit-Thriller oder Familien-Unheiltragödien immer eine werkprägende Funktion. In diesem Boccanegra treffen wir auf einen klangintensiven, hellwachen Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège unter der Leitung von Denis Segond.

Fazit: Die Opéra Royal de Wallonie-Liège bietet mit diesem „Simon Boccanegra“ (erste Fassung von 1857) ein beklemmendes Welttheater, das seinesgleichen in Europa sucht. Eine glanzvolle Premiere, die mit begeistertem Applaus und zustimmenden Zwischenapplausen die erfolgreiche Saison 2021/2022 abschließt.

Nachzuerleben und abrufbar ist das beeindruckende Seelendrama von Giuseppe Verdi auf France.tv (Culturebox) bis Juni 2023 hier.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.