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Schönheit weitergeben: Die Sängerin Siri Karoline Thornhill vertont Griegs Liederzyklen neuEdvard Grieg hat etwa 180 Lieder geschrieben, welche in seiner Musik und vor allem auch in den Texten von Arne Gaborg den Geist der Romantik mit einer intensiv spürbaren Atmosphäre von Norwegen vereinen. Aber zumindest Edvard Grieg sah sich nicht in erster Linie als norwegischer Nationalkünstler, sondern wirkte international. Dies teilt er mit der Sängerin Siri Karoline Thornhill: Aus Norwegen stammend, kam sie schließlich nach Freiburg, steht aber immer noch in engem Bezug zu ihrer Heimat. Zusammen mit der Pianistin Reinild Mees hat Siri Karoline Thornhill die Liederzyklen von Edvard Grieg auf einer neuen vielbeachteten CD reanimiert – auf Norwegisch wohlgemerkt, was der eindrücklichen Botschaft aber keinen Abbruch tut.
Stefan Pieper sprach mit der Sängerin.

Stefan Pieper: Vom ersten Ton an, ziehen diese Lieder in eine typisch nordische Stimmungswelt hinein. Ebenso kann die sprachliche Kraft der Texte die sprichwörtlichen Berge versetzen. Was ist Ihr persönlicher Bezug als Norwegerin zu diesem – in Mitteleuropa immer noch sehr unbekannten – Repertoire?
Siri Karoline Thornhill: Die Lieder von Edvard Grieg sind ein Teil von mir. Jede Sängerin, jeder Sänger kennt sie von klein auf. In Deutschland habe ich bislang recht wenig Grieg gesungen. Da ist immer das Problem mit der Übersetzung. Grieg selbst litt darunter, dass es kaum gute Übersetzer für die norwegischen Lieder gab. Aber für mich wäre es andererseits komisch, die norwegischen Lieder plötzlich auf Deutsch oder Englisch zu singen.

Stefan Pieper: Welche Botschaften in diesen Liedern bewegen Sie besonders?
Siri Karoline Thornhill: Da steckt so viel Ergreifendes drin – etwa kindliche Liebe. In opus 60 erleben wir einen Klagegesang über die Mutter, die ihr totes Kind beweint. Grieg vertont solch heftige Emotionen sehr schlicht und macht den Moment dadurch umso intensiver erfahrbar. Und dann sind da diese vielen Naturimpressionen, welche Griegs Musik auch sehr unmittelbar nachzeichnet. Das spricht mich sehr an, da ich auch so ein Naturmensch bin.
Auch berührt mich die geografische Nähe. Arne Garborg, der Autor vom „Haugtussa“-Zyklus, stammt aus meiner Gegend in der Nähe von Stavanger. Und Bergen, der Geburtsort von Edvard Grieg ist ja auch nicht sehr weit. Aber es liegen sehr viele Fjorde dazwischen.
Entsprechend ist in Griegs Vertonung auch diese Natur, ebenso viele folkloristische Aspekte präsent. Man hört die typischen Tänze der norwegischen Volksmusik, etwa den Zickeltanz. Und es widerspiegelt sich so viel Atmosphäre: Was ich bei Grieg heraushöre, ist das allgegenwärtige Wasser, die brausenden Stürme und rauschenden Bäche. Eines der Lieder beschreibt eine tragische Szene an einem Bergbach, wo sich eine junge Frau aus Liebeskummer töten möchte. Man ist richtig dabei. Grieg braucht dabei gar keine komplizierten kompositorischen Verfahren – er schrieb einfach sehr viele offene Akkorde, bei denen man den offenen Himmel spürt.

© ARS Produktion

Stefan Pieper: Was für eine Botschaft möchten Sie Ihrem Publikum vermitteln? Oder weiter gefasst: Was kann Lyrik aus der Romantik dem heutigen Menschen geben?
Siri Karoline Thornhill: Das ist eine interessante Frage. Ich denke, man kann hier sehr viel Schönheit weitergeben. Romantische Gedichte bzw. Lieder widerspiegeln oft Momentaufnahmen – und die können eine Anregung geben, sich mehr Zeit für Dinge zu nehmen. Heutzutage ist das Leben so hektisch und schnell. Man kann hier viel lernen aus der Zeit, in der Grieg seine Lieder vertont hat. Ich denke, die Menschen haben sich viel mehr zusammengesetzt. Die Musik, die Edvard Grieg um diese Texte herum komponiert hat, ist einfach schön – spätromantisch halt. Mir selbst drängt sich beim Erarbeiten und Singen die Frage auf: Wie waren die Leute damals? Wenn ich Grieg singe, ist es mir wichtig, dass ich mir Gedanken darüber mache. Ich will mich in diese Zeit vertiefen und das gerne nach außen vermitteln. Es geht nicht nur um das Singen allein. Ich möchte, dass man hört, was ich sage und mein Publikum in diese Welt mitnehmen.

Stefan Pieper: Was zeichnet Griegs Kompositionsstil in diesen Liedern aus?
Siri Karoline Thornhill: Grieg hat sehr präzise um den Text herum komponiert. Er formuliert nur wenige Melodien aus, komponiert stattdessen oft nur Klänge und Akkorde um den Text herum. Das ist sehr außergewöhnlich, wirkt manchmal auch folkloristisch, vermittelt aber auf jeden Fall ein sehr freies Gefühl. Die Sängerin hat hier vor allem die Aufgabe, die Texte zu interpretieren.

Stefan Pieper: Welche Variablen ergeben sich für Sie als Interpretin?
Siri Karoline Thornhill: Die Lieder sind ja meist Strophenlieder. Für mich ist wichtig, dass ich erstmal die Texte ohne Gesang laut lese und versuche, sie zu verstehen. Bei der musikalischen Ausgestaltung geht es immer darum, ein gesundes Maß beim Variieren zu finden. Eben so, dass es mal schneller und wieder langsamer, mal lauter und leiser oder schwärmerischer und dann wieder härter klingt. Vor allem ist mir wichtig, dass das Publikum etwas von dem versteht, was ich sagen bzw. singen will. Ich selbst will mich ja auch mit der Geschichte befassen, die hinter einem Lied steht.

Stefan Pieper: Was war Ihr Antrieb, Sängerin zu werden?
Siri Karoline Thornhill: Ich hatte eine fantastische Gesangslehrerin in Norwegen. Sie war Stimmbildnerin und Professorin an der Hochschule. Sie hat mich dazu gebracht, in Bildern zu denken. Und mich zu erforschen animiert, was ich mit meiner Stimme erreichen kann. Ich habe durch das Singen alle möglichen Sprachen gelernt. Das bestärkte den Wunsch, mal aus Norwegen raus zu gehen. Ich hatte auch mal gedacht, nach London zu gehen, mein Vater ist ja Engländer. Aber schließlich kam ich nach Holland – das ist ein fantastisches Land für mich. Da habe ich sehr gute Kontakte.

Stefan Pieper: Wie hat sich Ihr Weg zur Profikarriere entwickelt?
Siri Karoline Thornhill: In den Niederlanden habe ich während des Studiums gemerkt, meine Stimme entwickelt sich gut. Aber ich wollte gar nicht unbedingt sofort Solistin werden. Ich habe mir keinen Druck gemacht. Nach dem Studium bin ich nach Deutschland. Mein Mann ist ja auch Deutscher. Dann besuchte ich Kurse bei Anna Reynolds, sie war eine großartige Gesangslehrerin. Sie hatte eine fantastische Art, es war eine echte Entdeckung! Durch ihren Einfluss lernte ich, alles bewusst umzusetzen und entwickelte ein Bewusstsein, was ich technisch brauche. Ich habe eine große Vielseitigkeit entwickelt, vor allem das habe ich von ihr gelernt! Meine erste Lehrerin Marit Storækre und Anna Reynolds waren die wichtigsten Lehrmeisterinnen.

Stefan Pieper: Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Ihrer Pianistin Reinild Mees?
Siri Karoline Thornhill: Wenn wir zusammenarbeiten, fühlt sich das so an, als würden wir ein gemeinsames Bild malen. Bisher habe ich Griegs Lieder immer mit norwegischen Pianisten aufgeführt. Mit einer Niederländerin zusammen zu arbeiten, ist auf jeden Fall ein neuer Aspekt. Sie kannte vorher schon einige Lieder, aber der ganze Zyklus war komplett neu für sie. Wir haben uns gegenseitig bei dieser Arbeit sehr inspiriert. Sie ist eine fantastische Pianistin, die schon viel mit Gesang gemacht hat und Meisterkurse als Liedbegleiterin gibt. Sie hat Kontakt zu fantastischen Gesangslehrern, die sehr bekannt in Holland sind. Vor allem inspiriert mich ihr breiter Horizont. Sie denkt immer aus einem großen Gesamtüberblick hinaus: Mal stoppt sie mitten im Lied und sagt etwa, das klingt ja jetzt wie Puccini. Reinhild Mees hört hier mit ganz anderen, neuen Ohren.

Vielen Dank für das Gespräch, Siri Karoline Thornhill

Edvard Grieg: Songs
Siri Karoline Thornhill: Sopran
Reinild Mees: Piano
ARS Produktion 2017
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