Ritus und Raum: das interdisziplinäre Projekt „ARA“

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interview-feuilletonscoutAttila Csihar untersucht zwischen der Berliner Museumsinsel und Volksbühne das Zusammenspiel aus Architektur und Gesellschaftsentwürfen.

Ein Interview von Ronald Klein mit Christian Morin, dem Kurator des interdisziplinären Projekts, das am 21. Mai zur Uraufführung kommt.

„Wollen wir uns der Kunst, der Literatur annehmen, so müssen wir sie gegen den Strich behandeln, das heißt, wir müssen alle Vorrechte, die damit verbunden sind, ausschalten und unsre eignen Ansprüche in sie hineinlegen“, heißt es in Peter Weiss‘ Roman-Epos „Die Ästhetik des Widerstands“ (1981). Die Erzählinstanz montiert in der Handlung den Kampf gegen den Faschismus mit der Reflektion über die Kunst: „Um zu uns selbst zu kommen (…), haben wir uns nicht nur die Kultur, sondern auch die gesamte Forschung neu zu schaffen, indem wir sie in Beziehung zu dem stellen, was uns betrifft.“ Einen der zentralen Orte in Weiss‘ Roman stellt der im 2. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung geschaffene Pergamon-Altar dar, dessen Rekonstruktion sich auf der Berliner Museumsinsel befindet.

An diesem einer antiken Bühne ähnelnden Ort beginnt das interdisziplinäre Projekt „ARA“ (lat. Altar) der Kuratorin Elena Sinanina und des ungarischen Vokal-Künstlers Attila Csihar, bekannt als Frontmann der norwegischen Black-Metal-Institution Mayhem und der US-amerikanischen Experimental-Formation SunnO))). Als Solist trat Csihar in der Vergangenheit unter anderem beim Berliner CTM-Festival in Erscheinung. Ganz im Sinne Weiss‘ unternimmt er zu Beginn des 40-minütigen Films eine Untersuchung des ikonischen Ortes, der im Laufe der unterschiedlichen Jahrhunderte verschiedenen konnotiert wurde. „Nichts ist in der Forschung unumstritten bei diesem berühmtesten Hauptwerk der Kunst von Pergamon, weder der Bauherr, noch das Datum, noch der Anlass, noch der Zweck des Baus“, betonte der renommierte Archäologe Wolfgang Radt. Csihar analysiert das Ritual als gemeinschaftsstiftende Funktion. Was am Pergamonaltar beginnt, setzt sich schließlich im Saal der Volksbühne fort, was den Untertitel „Der Altar als Bühne, die Bühne als Altar“ erklärt.

Kuratiert wurde das Projekt von Christian Morin, der in mehr als zehn Jahren als Musik-Dramaturg der Volksbühne weit über 300 außergewöhnliche Abende konzipierte. Morin verlässt zum Spielzeitende das Berliner Theater. Die Zusammenarbeit mit Csihar schließt eine Klammer: Einer der ersten von Morin an der Volksbühne kuratierten Abende war das legendäre Konzert Mayhems am 17. Januar 2010.

Feuilletonscout: Was verbindet Dich mit Mayhem und insbesondere Attila Csihar?
Christian Morin: Ich kenne Attila schon sehr persönlich. Musikalisch ist mir in jedem Fall Sunn O))) viel näher als Mayhem. Dieses absolut radikale Konzept einer fast atonalen Frequenzmusik, die man vor allen Dingen eher mit dem Körper spüren muss, als sie mit den Ohren zu hören, hat mich absolut umgehauen. Ich bin kein klassischer Black-Metal-Fan, aber das performative Element einer solchen Show finde ich faszinierend. Das istim Grunde Musiktheater. Ich glaube auch, Attila ist in dieser Szene als ein Fremdkörper eingetaucht: Als Sänger der härtesten und düstersten Black-Metal-Bands, der aber beispielsweise im Häschen-Kostüm auf die Bühne kommt. Wo gibt es denn so etwas? Mehr kann man ein Klischee nicht sprengen. Ich kann mir die Verstörung des Publikums in diesem Augenblick wirklich bildlich vorstellen.

Feuilletonscout: Welche Idee verbirgt sich hinter ARA, das nach einem Zusammenspiel aus Prozession, Performance, Ritual und Visual Art klingt?
Christian Morin: Die Idee, dieses besondere Projekt im Rahmen der Musikbühne zu zeigen, wurde von der Kuratorin Elena Sinanina an mich herangetragen, die die Volksbühne gut kennt und sich in ihren Arbeiten schon länger mit dem Zusammenhang von Theater und Ritualität auseinandersetzt. Ihre Arbeit „ARA“ knüpft an diese Themen an und beschäftigt sich mit der rituellen Zusammenkunft als Basis jeglicher Theatralität, und letztendlich auch von Kultur. In visueller Abwesenheit umrundet Attila Cshihar in dem Kurzfilm den Pergamonaltar, als eine Art antiker Wurzel dieses Versammlungsgedankens. Die Umrundung selbst ist das Reenactment eines antiken Reinigungsrituals, der sogenannten „Lustratio“ in der das zu reinigende Objekt oder die Personengruppe in einer Prozession kreisförmig umwandert wird.

Feuilletonscout: Die Planung von ARA geht zurück ins Jahr 2019 – in die vor-pandemische Zeit. Was bedeutete Corona für das Projekt?
Christian Morin: Es musste einiges geändert werden, denn das Projekt besteht eigentlich aus dem Kurzfilm und einer Live-Performance. Am 21. Mai zeigen wir online nur den Film. Als wir im Januar anfingen zu drehen, war die Situation komplett absurd. Es war mitten im Lockdown. Schneeregen prägte das Bild und an unserem ersten Drehort, der Museumsinsel, war kein Mensch zu sehen. Dadurch hat das Projekt noch einmal eine ganz neue Bedeutungsebene bekommen. In den Bildern spiegelt sich die Leere der Pandemiezeit wider und die Abwesenheit jeglicher ritueller Versammlung, die – wie wir jetzt merken – unserem Leben erst einen Sinn verleiht. 

Feuilletonscout: Wird die Live-Performance noch nachgeholt?
Christian Morin: Es gibt den Plan, das gesamte Projekt Anfang Juni noch einmal komplett zeigen zu können, mit einem kleinen Publikum im Außenbereich der Volksbühne. Ich hoffe, das klappt noch, bevor die Spielzeit endet.

Feuilletonscout: Du verlässt mit dem Ende der Spielzeit das Haus. Was sind rückblickend deine persönlichen Höhepunkte der Volksbühnen-Zeit?
Christian Morin: Das ist eine sehr schwierige Frage. Da gibt es so viele tolle Erlebnisse. Der 80. Geburtstag von Yoko Ono war in jedem Fall ein unvergesslicher Abend, auch die Begegnung mit Charlotte Gainsbourg und sicher auch die Koproduktion des Peaches Musicals „Oops“. Also wenn ich jetzt anfange, dann kann ich gar nicht mehr aufhören

Feuilletonscout: Wirst Du Berlin als Kurator treu bleiben?
Christian Morin: Ich bin beim Pop-Kultur-Festival als Kurator und Festivaldramaturg tätig. Aber die Volkbühne werde ich schon sehr vermissen. Da steckt schon ein sehr großer Teil meines Herzens drin über eine sehr lange Zeit. So einen Ort gibt es einfach nur einmal.

Vielen Dank für das Gespräch, Christian Morin!

ARA- ein Projekt von Elena Sinanina und Attila Csihar
Uraufführung am 21.5.2021 um 19 Uhr
(verfügbar on-demand bis 31.05.2021)

Bitte hier klicken, um bei der Uraufführung dabei zu sein
bzw. um zum Video-on-demand zu gelangen

Besetzung
Im Film: Attila Csihar, Maria Buzhor; Arion Csihar, Julia Csihar; Stimme und Sounds: Attila Csihar; Konzept und Künstlerische Leitung: Elena Sinanina; Kuratorische Beratung: Christian Morin; Kamera und Schnitt: Kathrin Krottenthaler

Weitere Informationen auf der Website der Volksbühne.

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