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Requiem für Cornelius GurlittStephan Reimertz, selbst Kunsthistoriker und Biograph von Max Beckmann, besuchte die Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen in der Bundeskunsthalle in Bonn. Nach seiner Meinung ist sie vor allem eine fatale Selbstdarstellung des Staatsministeriums für Kultur und steht in zweifelhafter Tradition.

Die bayrischen Landesbehörden und die Journaille fielen im Jahre 2012 über den alten Cornelius Gurlitt her. Die Behörden drangen mit Gewalt in seine Wohnung ein, erschraken den zurückgezogen lebenden und depressiven alten Mann zu Tode und trieben ihn damit letztendlich in den Tod. Man fühlte sich an Heinrich Bölls Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum erinnert oder an das brutale Ende der Fürstin von Wales auf der Flucht vor Paparazzi auf Motorrädern in Paris.

Und jetzt fragen sich die Medien allen Ernstes, warum der gerupfte Cornelius Gurlitt seine Kunstsammlung dem Museum in Bern vermacht hat und nicht etwa der Münchner Pinakothek oder der Hamburger Kunsthalle. Eine Folge des sogenannten Schwabinger Kunstfundes war zudem, dass nun jahrelang Journalisten noch mehr über Kunst schrieben als sonst. Wenn Journalisten ihre Schreibe über die Kunst ergießen, erleidet ein Künstler, ein Kunstkenner körperliche Schmerzen.

Ein Raubkunstfund? Wohl kaum

Allerdings gibt es in den Medien, vor allem in den öffentlich-rechtlichen, eine Reihe von Menschen, die den Blick auf die Wirklichkeit, und damit auf die Kunst, noch nicht verloren haben.  »Der angebliche Raubkunstfund war am Ende keiner«, fasste Christine Habermalz im Deutschlandradio den Fall zusammen. »Bis heute sind lediglich sechs Bilder eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert worden.« Das ist weniger als ein Prozent der ganzen Sammlung; weit weniger als in deutschen Museen an nicht aufgearbeiteter Raubkunst an den Wänden hängen; ganz zu schweigen von ungezählten Privatsammlungen. Auch die mit 1,7 Mio ausgestattete Einsatztruppe der Kulturstaatministerin Monika Grütters brachte am Ende nur eine Liste von Verdachtsfällen zustande. Über Jahre hat das Staatministerium Aktionismus vorgeführt und dabei die Wahrheit verschleiert. Auch Journalisten und Kunsthistoriker wollten von dem Politskandal profitieren und nutzten die Stunde, um sich auf Kosten von Cornelius Gurlitt und seines Vaters Hildebrand zu profilieren. Wieder einmal triumphierte das in Medien und Politik der Bundesrepublik altbekannte Prinzip, mit dem Finger auf vermeintliche Nazi-Kollaborateure zu zeigen und zugleich zu beweisen, wenn man selbst der größte Profiteur und Aasgeier ist.

Bestandsaufnahme Gurlitt

Coverabbildung © Hirmer Verlag

Eine Ausstellung aus Zugzwang

Hildebrand Gurlitt war ein leidenschaftlicher Verfechter der modernen Kunst und insbesondere des Expressionismus. Im Kaiserreich als Museumsdirektor entlassen, weil er aus Sicht des Establishments zu modern eingestellt war, avancierte er in den Zwanziger Jahren zu einem der führenden Museumsleuten und Weggefährten moderner Künstler, für die er auch im »Dritten Reich« bis zuletzt kämpfte. Die kleine private Retrospektive mit Gemälden und Aquarellen von Beckmann im Hamburger Kunstkabinett Hildebrand Gurlitt im Jahre 1936 blieb in Deutschland die letzte Max-Beckmann-Ausstellung bis 1946. Die Nazis bedienten sich Gurlitts als eines der Kunsthändler, die in ihrem Auftrag »Entartete Kunst« gegen Devisen ins Ausland verkauften. Diese Bilder rettete Gurlitt damit vor der Zerstörung. Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs kaufte er im besetzten Ausland Bilder für das geplante Führermuseum in Linz auf. Eine Weigerung hätte seine Versetzung an die Ostfront bedeutet. Nach dem Krieg genoss er wiederum das Vertrauen vieler Künstler.

Der Bestand an Bildern, den Hildebrand Gurlitt seinem Sohn Cornelius bei seinem Tod im Jahre 1956 vererbte, ist keine Kunstsammlung, sondern der Bestand eines Kunsthändlers. Neben Werken von Marc, Chagall, Klee, Kokoschka, Matisse, Beckmann und Nolde kann man in Bonn nun auch Arbeiten des späten neunzehnten Jahrhunderts sehen, etwa von Claude Monet, vereinzelte Klassiker und eine Handvoll Fälschungen. Einen roten Faden gibt es nicht, sieht man von dem herausragenden Qualitätsgefühl dieses Kunsthändlers ab. Der am meisten geeignete Erbe eines solchen Bestandes wäre diejenige Sammlung, die sich als maximal anschlussfähig für diese Ergänzung zeigte.

Eine Ausstellung in fataler Tradition

Die Bezeichnung »Kunstfund«, mit der die Ausstellung offiziös tituliert wird, als handle es sich um einen Schatz, den man in einer Höhle gefunden hat, dient ebenso der Verschleierung wie das Etikett »NS-Kunstraub«. Kann man hier noch von wissenschaftlicher oder historischer Seriosität der kunsthistorischen Dokumentation sprechen? Maurice Philip Remy, der eine sechshundert Seiten starke Studie zu dem Fall veröffentlichte, nennt die Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle daher eine Irreführung der Öffentlichkeit. Tatsächlich erweist sich der Titel der Schau: Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen als Etikettenschwindel, da von den gezeigten 250 Werken nur ein einziges Raubkunstwerk und ein Zweifelsfall zu sehen sind: die Menzel-Zeichnung Gotisches Kircheninnere und das Porträt einer sitzenden jungen Frau des französischen Malers Thomas Couture. Doch das Staatsministerium hat desungeachtet die Chuzpe, sich als Aufklärer im Sinne der Holocaustopfer zu gerieren. Die Bonner Ausstellung, die bei jedem Bild die Provenienz auf einem Schild neben dem Werk aufschlüsselt, steht selbst in einer fatalen Tradition.

Bestandsaufnahme Gurlitt
Der NS-Kunstraub und die Folgen
Ausstellung bis zum 11. März 2018
Katalog zur Ausstellung

Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch: 10 bis 21 Uhr
Donnerstag bis Sonntag: 10 bis 19 Uhr
Montag: geschlossen

6 Euro/3,90 Euro

 

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