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Rafael Kubelik: Sämtliche Aufnahmen

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Mustergültige Edition des akustischen Studio-Nachlasses eines der größten Künstler des 20. Jahrhunderts. Von Ingobert Waltenberger.

„Ein Vogel singt nicht im Käfig“

Alles atmet frei in Kubeliks Interpretationen, ist elastisch, auf inneren Ausgleich bedacht. Wie die ganz Großen seiner Zunft vermag Kubelik höchste Präzision mit eigenen sofort wieder erkennbaren Duftmarken, einer persönlich höchst unverwechselbaren Aura zu verbinden. Der Kunst eines Carlos Kleiber anverwandt, sind ein universelles Wissen, eine unglaubliche Geschmeidigkeit in Dynamik und Klang, ein aus Granit, Wald und Wasser destilliertes Idiom böhmischer Wurzeln, eine aristokratische Artikulation, eine Unbedingtheit im Anspruch und eine magische Begeisterungsfähigkeit Grundpfeiler seines Erfolgs. Er weiß, die Dinge sind zuerst im Inneren zu ordnen, Marketing allein bringt gar nichts.

Das Wunder Kubelik mit dem Vornamen eines Erzengels ergibt sich weder aus kaltem äußerem Glanz noch aus einem Hang zum Exzessiven. Er ist vielmehr ein Meister des organischen Miteinanders. Grandios, wie dieser Orchestererzieher die Podien untereinander abmischt, wie er die Streicher aufdröselt, den Bratschen wieder ihren Sound gibt, das „Holz“ pflegt. Bei der Aufführung lässt er die Zügel frei, und die Flügel der Musiker heben ab wie bei kaum einem anderen.

Kubelik vermag enorme Emotionen frei zu setzen,  die akustisch ganz speziell getönt sind. Da für ihn der Mensch und seine Bedingtheit im Mittelpunkt des Musizierens stehen, interessieren ihn neben den großen Linien, den strengen Formen, vor allem die Mikrozellen der Kompositionen, wo Unsagbares auf einmal einen speziellen Raum bekommt. Im Zwischenreich der Passionen und Stimmungen lässt Kubelik Sehnsüchte, Enttäuschung, Schmerz, Melancholie, Trost sowie spontane Lebensfreude einander umschmeicheln und umarmen. Wenn Sie Rafael Kubeliks legendäre Interpretationen der Musik von Dvořák, Mendelssohn, Mahler, Schumann, Smetana oder von Weber hören, überträgt sich diese Achtsamkeit auf die vielen Details in Tempo, Dynamik und Farben  sofort auf den Hörer. Bei aller romantischen Grundierung weiß Kubelik so stets mit der Freilegung des Erzes, der Urkraft der Partituren und einer fast quirligen Lebendigkeit der Musik zu begeistern.

Ein Kosmopolit tschechischer Herkunft, der das Dirigieren genauso unbefangen liebte wie das Komponieren, sich beim Schachspielen erholte, das Musikleben in Chicago, London, München und Luzern nachhaltig prägte.  Der 1914 geborene Rafael ist der Sohn des Geigers Jan Kubelik, in eine Zeit des größten Umbruchs geworfen. Der Vater brachte ihm bei, dass ein Fortschritt des inneren Wachstums nur durch Hingabe und Konzentration und durch eine philosophische Einstellung in einem humanistischen Geist möglich ist, wenn er überhaupt ein Mensch sein will, der einmal glücklich sein könnte.

Als die Tschechen sich 1948 für die Unfreiheit entscheiden, wandert er aus „Ich habe mein Vaterland verlassen, um nicht mein Volk verlassen zu müssen. Ich ging, um nicht mitwirken zu müssen am Abbau unserer Kultur und Humanität.“ 1968, nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag, organisiert Kubelik eine internationale Protestresolution. Nach dem Fall der Mauer kehrt Kubelik nach 42 Jahren nach Prag zurück und dirigiert „Ma Vlast“ von Smetana. Charakterstärke, Haltung und Einfühlsamkeit begleiten nicht nur sein gesamtes „politisches“ und soziales Leben, sondern sind auch Säulen seines Musikverständnisses. Am Vierwaldstättersee fand Rafael Kubelík eine zweite Heimat. 1967 nahm Kubelík die Schweizer Staatsbürgerschaft an, 1968 zog er von Luzern ins nahegelegene Kastanienbaum, in das direkt am See gelegene, dreihundert Jahre alte «Haus im Sand», wo er bis zu seinem Tod 1996 lebte.

       

Zu den Aufnahmen: Vor allem die Zusammenarbeit mit dem BR-Symphonieorchester von 1961 bis 1979 erwies sich als besonders schicksalshaft und brachte eine Fülle von bis heute zum Teil unübertroffenen Schallplattenaufnahmen. Zeitgenossen berichten von einem peniblen Proben-Fanatiker und großherzigen Orchester-Vater zugleich. Vollkommenes Glück können den mit einem offenen Ohr Begabten nicht nur die Ouvertüren oder Slawischen Tänze von Dvořák, sondern auch alle Janáček und Mahler-Aufnahmen sowie nicht zuletzt Raritäten wie Martinus 5. Klavierkonzert (mit Margrit Weber) oder das zweite Violinkonzert von Jean Martinon (Henryk Szeryng) bieten. Die Aufnahmen der schwierig zu realisierenden Opern von Pfitzner „Palestrina“ (Nicolai Gedda), Carl Orff „Oedipus der Tyrann“ (Stolze und Varnay), Wagner „Lohengrin“ (Janowitz, King) bzw. Weber „Oberon“ (Domingo, Nilsson) sind auch durch die atemberaubenden Orchesterleistungen für mich bis dato unüberbotene Referenzen

Das in der Box am zweithäufigsten repräsentierte Orchester sind die Berliner Philharmoniker. Kubelik gelingt es, dem von Karajan perfektionierten Klangkörper in der berühmten Aufnahme aller Symphonien Dvořáks die irrlichternde Atmosphäre von Böhmens Flur und Hain zu entlocken. Aber auch die Einspielungen der vier tief empfundenen Schumann Symphonien, der Karinettenkonzerte von Mozart und Weber (Solist Karl Leister) oder der Ouvertüren und Vorspiele von Richard Wagner stellen Meilensteine der Schallplattenhistorie dar.

Nicht ganz geglückt ist meinem Verständnis nach der Versuch, die Beethoven Symphonien mit verschiedenen Orchestern (London Symphony Orchestra, Berliner Philharmoniker, Royal Concertgebouw Orchestra, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Israel Philharmonic Orchestra, Boston Symphony Orchestra, Orchestre de Paris, The Cleveland Orchestra, Wiener Philharmoniker) aufzunehmen. Zu unterschiedlich sind die Charakteristika der Klangkörper, die Aufnahmebedingungen, um den Mehrwert eines Zyklus‘ begreifbar machen zu können.

Erwähnenswert sind noch hervorragende Aufnahmen im Randrepertoire von Kubelik: Die Symphonien Nr. 4 und 8 von Karl Amadeus Hartmann, die Paukenmesse von Haydn oder die Gurrelieder von Arnold Schoenberg (mit den Gesangsgiganten Inge Borkh und Herbert Schachtschneider). Auch dessen Violinkonzert (Zvi Zeitlin) und das Klavierkonzert (Alfred Brendel) haben Tonträgergeschichte geschrieben.

Die Box mit originalem Cover-Artwork wartet noch mit zwei DVDs auf. Kubelik ist hier bei Beethoven (Sinfonien Nr. 2 & 3 und Ouvertüre zu Leonore III mit den Berliner Philharmonikern), Mozart (Sinfonie Nr. 38) und Bruckner (Sinfonie Nr. 4 inkl. exklusiver Aufnahmen der Proben) zu sehen. Die letzte CD enthält aufschlussreiche Interviews (mit Ursula Klein und Karl Schumann) über Gustav Mahler, wo Wissenswertes über die Mahler-Interpretation als Generationsproblem, den Raumklang,  die Schallplatte als Förderung des Mahler-Verständnisses angesprochen wird. Begleitet wird die Edition von einem 120-seitigen Booklet, das neben detaillierten Informationen zu den Aufnahmen, einigen Fotos, den Aufsatz von Rob Cowen „Rafael Kubelik: Ein wahres Naturtalent“ enthält.

Eine unbedingte Empfehlung gerade in Zeiten wie diesen!

Rafael Kubelik:
Sämtliche Aufnahmen der Deutschen Grammophon,
64 CDs, 2 DVDs
Deutsche Grammophon (Universal Music), 2018
In die CD hineinhören

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