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„Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art“ im MMK2, Frankfurt am MainEin Ausstellungsbesuch von Kirsten Kohlhaw

Noch bis zum 13. August 2017 ist im MMK 2, der neuen Dependance des MMK Museum für Moderne Kunst im Taunus Tower, die Ausstellung „Primary Structures“ zu sehen. Wem der Titel bekannt vorkommt: Mit ihm zitiert und würdigt das MMK die erste Ausstellung der Minimal Art überhaupt, die 1966 im Jewish Museum in New York stattfand. Und präsentiert aus seiner umfangreichen Sammlung heraus einen Kosmos aus Grundformen und Grundfarben, der auch heute noch aus seiner vermeintlichen Reduktion heraus einen wahren Erlebnisrausch zu entfalten vermag.

1. MATERIE | ORT | ZEIT
In diesem Dreiklang schwingt das Regelwerk berühmter Minimal Art Vertreter, allen voran Carl Andre und Donald Judd. Während ersterer das verwendete Material am liebsten roh, in seiner unmittelbaren physischen Wirkung, erfahrbar werden lässt, macht Judd sich die Mechanismen industrieller Fertigung und Formgebung auch durch den Einsatz farbige Elemente zunutze.
Ähnlich radikal, verspielt und widersprüchlich gehen auch die anderen Hauptvertreter dieser Kunstrichtung vor, die in den 1960er von der Ostküste der USA aus durchstartet, in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt erreicht und sich bis in die heutige Zeit hinein transformiert hat. Wie zum Beispiel Richard Serra, der seine monumentalen Stahlskulpturen in atemberaubender Leichtigkeit in die Welt setzt, Robert Ryman, der in seinen Werken den Facettenreichtum der Farbe Weiß auslotet oder Walter de Maria, der Edelstahl mit seriellen Formelementen und geometrischen Ordnungssystemen spielen lässt.
Beeindruckend auch die Werke postminimalistischer Künstler wie der jungen dänischen Städelabsolventin Benedikte Bjerre, deren 38 Meter lange Plastik aus dünnen Metallstangen den Namen „Romancing Thin Air“ (2015) trägt, und sich ohne externe Befestigung durch den Ausstellungsraum mäandert. Immer wieder werden wir, die „Betrachter“, in der Interaktion zum denkenden, fühlenden Teil des Kunstwerkes selbst, das den Raum strukturiert und uns – wie in einer Momentaufnahme – im Raum und in der Zeit verortet.

Vordergrund: Carl Andre: 35 Timber Line, 1968 MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Vordergrund: Carl Andre: 35 Timber Line, 1968
MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

2. STAHL | HOLZ | LICHT
Besonders spürbar wird dieses Phänomen ebenfalls bei „35 Timber Line“ (1968) einer Arbeit, die aus 35 Holzscheiten à 1 Meter Länge besteht und aufgrund ihrer Länge hier, in den Räumen des MMK 2, erstmals gezeigt werden kann. „Anstatt das Material zu schneiden, benutze ich es als Schnitt im Raum.“, so Andre. Wie wir uns dem Kunstwerk nähern, bleibt unserer subjektiven Wahrnehmung und Interaktionsfreude überlassen.
Auch Licht, Buchstaben und Töne präsentieren sich in der Minimal Art als monumentaler Werkstoff. Über eine starke Sogwirkung verfügen die geometrisch arrangierten Lichtinstallationen von Dan Flavin, eindringlich wispern die Ton-Montagen von Peter Roehr Textfragmente in Wiederholungsschleifen. Lawrence Weiners vermeintlich simple, zweisprachig Sätze stoßen einen vor den Kopf, bis sie in ihn eindringen und dort in ihrer Rätselhaftigkeit etwas anstoßen. Ob wir sie betrachten oder lesen ist dem Künstler einerlei, in seiner Welt sind es Skulpturen.

3. QUADRAT | RECHTECK | KREIS
Der stampfende Takt moderner Maschinen gibt den eingesetzten Rohstoffen ihre Ausgangsform. Vielleicht ist das eine der größten Leistungen der Minimal Artists, industriell ernüchtertes Material wieder zu beseelen. Und zwar ganz ohne Glitzer, Chi-Chi oder artifizielle Überhöhung. Nur durch eine unerbittliche, faszinierende Logik, die ihre Poesie aus der zeitlosen Kraft der Natur zieht. Wenn industrielle Serialität und Modularität in Gruppen angeordnet oder in Primzahlen und Fibonnacci übersetzt werden, beginnen geschnittene, gestanzte, geschweißte, gegossene, gerollte, gestapelte Elemente in neuer Energie zu schwingen.

Vordergrund Santiago Sierra: 20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground, 1992 MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Vordergrund Santiago Sierra: 20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground, 1992
MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Foto: Axel Schneider

Die Geschichte geht weiter – Post-Minimalismus aus der Sammlung Rolf Ricke
Aus dieser Energie erwächst auch ein Humor, der die Gesetze des Kunstmarktes ebenso auf die Schippe nimmt wie die eigene Vergänglichkeit. „Sold“ (1996) von Ceal Floyer ist ein solches Beispiel, oder „Banco“ (2004) von Teresa Margolles. Jegliche lehrerhaften Erklärversuche ad absurdum führt On Kawara in „Pure Consciousness“ (1998-2003), wenn er sieben seiner Datumsbilder durch Kinder im Vorschulalter erklären lässt, die sie ganz (un)bewusst wahrnehmen.
Verortung, Interaktion und Empfindung, darauf läuft es bei „Primary Structures“ immer wieder hinaus. Dass wir hier in Frankfurt / Main sind, vergegenwärtigt uns die jüngste Neuerwerbung der Sammlung, „20 Pieces of Road Measuring 100 x 100 cm Pulled up from the Ground“ (1992) des mexikanischen Künstlers Santiago Serra. Der Werktitel deutet es an, hier wurden 20 jeweils ein Quadratmeter große Asphaltstücke aus einer Frankfurter Straße geschnitten und im Ausstellungsraum in Gitterstruktur abgelegt. Mensch und Körper als Arbeiter und Arbeitskraft. Ein Schlüsselwerk Serras, eine Hommage an die Minimal Art und sicher auch an Carl Andre.

Für alle, die körperlich erleben wollen, wie aus roher Materie poetisches Erleben wird, heißt es diesen Frühsommer: Auf nach Frankfurt!

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung:
Carl Andre, Richard Artschwager, Jo Baer, Bernd und Hilla Becher, Michael Beutler, Benedikte Bjerre, Alighiero Boetti, Bill Bollinger, George Brecht, Marcel Broodthaers, Walter De Maria, Dan Flavin, Ceal Floyer, William Forsythe, Günther Förg, Isa Genzken, Hermann Goepfert, Bethan Huws, Donald Judd, On Kawara, Ellsworth Kelly, Joseph Kosuth, Gary Kuehn, Barry La Va, Robert Mangold, Teresa Margolles, Sarah Morris, Bruce Nauman, Kenneth C. Noland, Blinky Palermo, Steven Parrino, Angelika Platen, Charlotte Posenenske, Timm Rautert, Peter Roehr, Reiner Ruthenbeck, Ulrich Rückriem, Robert Ryman, Fred Sandback, Richard Serra, Paul Sharits, Santiago Sierra, Andreas Slominski, Lewis Stein, Heide Stolz, Franz Erhard Walther, Jonas Weichsel und Lawrence Weiner

Beim Eingangswerk zur Ausstellung geben sich die beiden Großen noch einmal die Klinke in die Hand: In der ersten Hälfte der Ausstellungslaufzeit (22.2. – 14.5.2017) war Carl Andres Bodenskulptur „22 Steel Row“ (1968) in der Rekonstruktion ausgestellt, in der zweiten Hälfte (ab dem 16.5.2017) ist an seiner Stelle das Werk „Two primary structures and one secondary“ (1968) von Dan Flavin zu sehen.

Rahmenprogramm:
Informationen über Führungen, Workshops und andere ausstellungsbegleitende Veranstaltungen finden Sie auf der Seite des MMK Kalenders.

Primary Structures. Meisterwerke der Minimal Art
Ausstellung bis zum 13. August 2017

MMK 2
TaunusTurm
Taunustor 1
60310 Frankfurt am Main

Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag: 11–18 Uhr
Mittwoch: 11–20 Uhr
Montag: geschlossen

8 Euro / ermäßigt 4 Euro
Kombiticket* MMK 1|2|3
16 Euro / ermäßigt 8 Euro

Für Kinder unter 6 Jahren ist der Eintritt frei.
Jeden letzten Samstag im Monat freier Eintritt.

 

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"Primary Structures" im MMK 2, Frankfurt am Main, 5.0 out of 5 based on 2 ratings