Oyinkan Braithwaite: “Meine Schwester, die Serienmörderin”

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LiteraturRezension von Birgit Koß.

Urkomisch, rotzfrech und mit gesellschaftlichem Tiefgang kommt Oyinkan Braithwaite in ihrem Debüt daher. Die nigerianische Schriftstellerin ist in London aufgewachsen, hat in Kingston, Jamaica, Jura und kreatives Schreiben studiert und lebt seit 2012 wieder in Lagos. „Meine Schwester die Serienmörderin“ stand im letzten Jahr auf der Long List des Booker Preises. Die nigerianische Schriftstellerin erzählt darin die Geschichte der zwei ungleichen Schwestern Ayoola und Korede im heutigen Lagos.

Korede, die ältere, ist Krankenschwester. Sie ist überaus umsichtig, verantwortungsbewusst und korrekt bei der Arbeit. Dazu hat sie eine extreme Ordnungsliebe gepaart mit Putzsucht. Ihre jüngere Schwester, Ayoola, ist das reine Gegenteil – lebenslustig, oberflächlich, wenig emphatisch aber von umwerfender Schönheit. Sie zieht die Männer an wie Honig die Bienen und genau damit beginnt das Problem. Wenn Ayoola ihre Verehrer zu nahe kommen, weiß sich die zierliche Person erfolgreich zu wehren -mit einem Messer, geerbt von ihrem Vater.

Die Geschichte beginnt mit dem Mord an dem attraktiven Femi. Doch schnell erfahren wir, dass er bereits das dritte Opfer ist.  Nach den Taten, die Ayoola im Affekt begeht, ruft sie ihre Schwester zu Hilfe. Die praktische Korede putzt nicht nur den Tatort blütenrein, sondern entsorgt mit ihrem Auto auch Femis Leiche. Doch diesmal plagt Korede das schlechte Gewissen. Waren Ayoolas erste beiden Opfer ihr ausgesprochen unsympathisch, weiß sie nicht, was ihre Schwester an Femi auszusetzen hatte. Außerdem hat Korede gegoogelt. Nach dem dritten Mord spricht man von einer Serienmörderin. Es gibt niemand, bei dem sie Rat und Hilfe suchen kann. Lediglich dem im Koma liegenden Patienten Muchtar schüttet sie ihr Herz aus. Als dieser überraschend wieder aufwacht, muss sie sich fragen, ob sie nun einen Mitwisser hat. Völlig aus der Fassung gerät Korede als Ayoola sie in der Klinik besucht und dabei den attraktiven Arzt Tade trifft. Er ist überaus sympathisch, bei allen beliebt und arbeitet gern mit Korede zusammen, ohne zu bemerken, dass sie ihn heimlich liebt. Und natürlich ist auch Tade sofort von Ayoola entzückt, will sie sogar heiraten. Wie soll sich Korede nun verhalten? Die Ich-Erzählerin gerät in einen kaum lösbaren Gewissenskonflikt.

Cover: Blumenbar im Aufbau Verlag

In kurzen Kapiteln erzählt Oyinkan Braithwaite rasant ihre schwarzhumorige Geschichte. Die Ich-Erzählerin berichtet lakonisch distanziert über die einzelnen Morde in kurzen, schnörkellosen Sätzen und schafft damit eine große Fallhöhe zum absurden Inhalt. Dazwischen gibt sie der Leserschaft in direkter Ansprache launige Tipps zur Beseitigung von Blutflecken. In den ironischen Dialogen des Krankenhauspersonals zeigt die Autorin den allgegenwärtigen Schlendrian. Zudem gibt der Roman tiefe Einblicke in das Geschlechterverhältnis im heutigen Nigeria. Aus feministischer Perspektive schaut Oyinkan Braithwaite auf das Phänomen der weiblichen Schönheit in dem nach wie vor patriarchalen  Land. Gesellschaftskritisch beleuchtet sie die Rolle der korrupten und ineffektiven Polizei, was den beiden Schwestern natürlich zugutekommt.

In Rückblenden erschließt sich das ganze Drama der Familie – ein herrschsüchtiger, brutaler Vater, eine schwache Mutter, die sich in ihre Tagträume flüchtet und die beiden rivalisierenden Schwestern. Dazu kommt die tief in der Gesellschaft verwurzelte Norm, dass die Ältere immer auf die Jüngere aufzupassen hat –  für sie verantwortlich ist. Mit einem unheimlichen Sog entwickelt die Autorin ihre sowohl kurzweilige als auch hintergründige Geschichte, die weit über einen Krimi hinausgeht. So eignet sich dieser Roman vorzüglich dazu, ihn mehrmals mit großem Vergnügen zu lesen.

Oyinkan Braithwaite
Meine Schwester, die Serienmörderin
Aus dem Englischen von Yasmin Dinçer
Blumenbar im Aufbau Verlag, Berlin, 2020
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