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Operette "Candide" im Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Romina Boscolo, Gloria Rehm, William Saetre, Aaron Cawley, Wolfgang Vater
Foto: Paul Leclaire

Er wird von kriegerischen Soldaten gefangen genommen, gerät in das große Erdbeben von Lissabon, wird von der Inquisition verfolgt, mit dem Tod bedroht, begegnet Laster und Verfall, Habgier und Verrat, Vergewaltigung und Folter, verlässt das Paradies „El Dorado“ und sieht seine große Liebe Cunégonde dahinwelken: Candide.

Der Held in Voltaires Satire ist der illegitime, etwas einfach gestrickte Neffe des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh. Nachdem man ihn mit der wunderschönen Cunégonde in flagranti ertappt hat, wird er vom Schloss gejagt. Im Gepäck die wohlmeinende Erziehung seines Lehrers Pangloss, der in allem und jedem immer nur das Gute und die beste aller Welten sehen will. Und so erträgt Candide das ihm widerfahrende Ungemach stoisch mit dem unverrückten Blick des Optimisten, nie seine geliebte Cunégonde aus den Augen verlierend, die er als das wahre Glück betrachtet, die jedoch im Laufe des Geschehens ebenfalls von Schicksalsschlägen heimgesucht wird.

Vereint sind sie alle am Ende: Candide und sein treuer Begleiter Paquette, Pangloss sowie Cunégonde. Gemeinsam lassen sie sich auf dem Land nieder. Sollen andere vom Paradies träumen, sie bestellen erst einmal den Garten.

In der Musicalbearbeitung von Leonard Bernstein ist „Candide“ derzeit im Hessischen Staatstheater Wiesbaden zu sehen. Das Stück in seiner Urfassung von 1956 floppte zunächst und wurde erst nach einer Neubearbeitung des Librettos 1974 erfolgreicher, wenn auch nicht oft gespielt.

Die Frankfurter Rundschau hält fest: „Es ist also in jedem Fall ein Vergnügen, es am Staatstheater Wiesbaden einmal vorgeführt zu bekommen, es sozusagen ausprobieren zu können. Dies in einer nicht nur bonbonbunten und tüchtig durchgeknallten, sondern auch so aufwendigen Inszenierung, dass man sich an süße, lange vergangene Tage erinnert fühlt, als Bühnenbilder noch im Zehn-Minuten-Takt wechselten, wenn die Regie es wünschte. […] Denn Bernsteins hinreißende und in Wiesbaden auch ziemlich hinreißend dargebotene Musik erzählt […] eine quietschfidele Mär mit noch dazu in der Übersetzung fröhlich vor sich hinknittelnden Liedtexten.“

Die Rhein-Zeitung meint: „So viel Unterhaltung war lange nicht in Wiesbaden – ein Spektakel mit einigem Tiefgang, das man nicht verpassen sollte.“

Der Opernfreund resümiert: „Das Publikum quittierte die Leistung der Künstler an diesem unterhaltsamen Abend mit großer Zustimmung; für das Regieteam gab es allerdings auch deutlich hörbare Ablehnung, was überhaupt nicht nachvollziehbar ist; die Buhs können sich nur gegen das Stück gerichtet haben.“

Der Wiesbadener Kurier konstatiert: „Der große Menschenfreund Leonard Bernstein hat unter dem Eindruck der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära in den USA ein schwarzhumoriges Musiktheater nach Voltaire komponiert, das tief in den Fundus von Oper und Operette greift, mit Musical unzureichend beschrieben ist und von den Stimmen viel verlangt. Die Wiesbadener Besetzung wird diesem Anspruch gerecht und betreibt (in deutscher Übersetzung) Ohrwurm-Pflege auf hohem Niveau.“