Mutter Erde oder der Erde Mutter? Katie Hale „Mein Name ist Monster“

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LiteraturRezension von Barbara Hoppe.

Dieses Buch ist nichts für schwache Corona-Nerven. Ohne zu ahnen, was ein Jahr später auf die Menschheit zukommen sollte, veröffentlichte die junge, britische Lyrikerin Katie Hale 2019 ihren Debütroman „Mein Name ist Monster“, der nun im S. Fischer Verlag auf Deutsch erschienen ist. Und zwar just zu dem Zeitpunkt, als Covid-19 die halbe Weltkugel lahmlegt. Die Dystopie um Krieg, Krankheit und Tod weist streckenweise unheimliche Parallelen zur Corona-Pandemie auf. Zuerst ist da der Krieg, der „noch ganz weit weg“ ist. Bis die ersten Bomben auch auf die westliche Welt fallen. Dann sind diese Bomben nicht mehr nur mit Sprengstoff gefüllt, sondern mit tödlichen Krankheitserregern, die die Menschen zunächst in die Quarantäne treiben und schließlich in die eilends hochgezogenen Schutzzentren, die bald wegen Überfüllung ihre Pforten schließen. Wer es nicht dorthin geschafft hat, stirbt elendig. Alle anderen mangels Nahrung schließlich auch.

Nur Monster überlebt. Die junge Frau konnte sich an ihrem Arbeitsort auf Spitzbergen in einen Saatguttresor retten. Dort harrt sie aus, bis sie sich eines Tages herauswagt. Mit einem kleinen Boot schafft sie es bis an die schottische Küste und von dort in ihren Heimatort. Ein Zuhause, das keines mehr ist. Denn alle Menschen sind tot. Monster wandelt durch eine menschenleere Gegend. Hungrig und durstig, einsam, mit wunden Füßen und traumatisierter Seele.

Katie Hale findet eine intensive, kraftvolle Sprache für Monster. Die junge Frau beschloss als Jugendliche, stark zu werden und sich nichts sagen zu lassen. So kam sie zu dem Namen „Monster“, der ihr nun, im Kampf ums Überleben, zu Ehre gereicht. „Eines weiß ich“, schreibt sie in der Ich-Erzählung, „Beim Überleben geht es nicht darum, stärker als die anderen zu sein. Sondern darum, alle anderen komplett zu ignorieren.“ Nun ist Monster genau dort. Sie hat alle anderen überlebt. Doch wozu noch leben, wenn niemand mehr da ist? Sprache spielt keine Rolle mehr, die Uhrzeit auch nicht. Wichtig ist, etwas zu essen, Schutz zu finden, wilde Tiere abzuwehren und nicht an Verletzungen oder Krankheit zu sterben. Packend schildert Katie Hale den Überlebenskampf gegen Hunger, Durst und einen brutalen Hundebiss. Man liest nicht über Monster, man ist Monster. Hofft auf ein märchenhaftes Ende und einen Neuanfang für die Erde und dem einen Menschen auf ihr. Und Katie Hale gönnt ihren Lesern diese Ruhe. Irgendwo in der Nähe einer Stadt, richtet sich Monster auf einem ehemaligen Bauernhof ein. Findet zurück in ein einigermaßen normales Leben, wird sesshaft.

Katie Hale Mein Name ist Monster
Cover: S. Fischer Verlag

Doch eines Tages ist sie nicht mehr allein. Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, taucht auf. Sie kann nicht sprechen, wusste aber zu überleben. Monster stellt sich ihr als „Mutter“ vor und nennt das Kind nun ebenfalls Monster. Und beginnt, aus dem Geschöpf ein zivilisiertes Wesen zu machen. Doch auch Monster junior hat eine Vergangenheit, die tief in ihr schlummert. Geschickt beginnt Katie Hale den zweiten Teil des Buchs mit einem Perspektivwechsel. Nun spricht das Kind. Aus Monster senior wird aus dieser Sicht eine alte, abgehärmte Frau, die mental und physisch meilenwert von der jungen entfernt ist. Wer hat hier die Macht über wen? Denn mit dem Heranwachsen der Jüngeren verwächst sich auch zunehmend das Wort Mutter und mit ihm ihre Rolle. Symbolisiert die ältere noch die zerstörerische Menschheit der Vergangenheit, steht die junge, bald ausgereifte Frau, für Neuanfang und Aufbruch.

Leider beginnt an dieser Stelle auch die Schwäche des bis dahin so außergewöhnlichen Debütromans. Die Dynamik zwischen den beiden Frauen, ihre Gedanken und Gefühle bleiben isoliert. Logiklücken tun sich auf, die nicht in diesen sprachlich so starken und konsequenten Roman passen. Besticht der erste Teil noch durch packende Schilderungen im Kampf ums Überleben in rauer Landschaft und über die Katastrophe, die über die Welt kam, beschränkt sich Katie Hale im zweiten Teil ausschließlich auf die stumme Gedankenwelt von Monster junior. Durch das Schicksal und die grenzenlose Einsamkeit zwar miteinander verbunden, mangelt es beiden Frauen dennoch an Empathie und Zuneigung füreinander. Hier stehen zwei Kämpferinnen, die zusammen gut überleben, aber es allein auch schaffen würden, wäre da nicht die unstillbare Sehnsucht nach Gesellschaft. Die Vergangenheit des Kindes bleibt im Vagen, doch scheint sie stark genug, um in die Zukunft zu führen. Eine Zukunft, die sensible Leserseelen sicher aufatmen lässt. Alle anderen dürften sich an dem Brückenschlag vom Saatgutttresor zur Samenbank und der allzu rührseligen Vision, in der die Menschheit scheinbar der Weisheit letzter Schluss ist, ein wenig stören.

Katie Hale
Mein Name ist Monster
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020
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