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Münchner Opernfestspiele 2022 – Die Teufel des Totalitarismus

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Von Stephan Reimertz.

Mit Leidenschaft setzen Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester eine typische Sechzigerjahre-Partitur in Klänge um. Simon Stone bietet eine disziplinierte Regie und Bob Cousins ein ikonisches Bühnenbild in der Oper „Die Teufel von Loudun“ von Krzysztof Penderecki. Interessanter Auftakt der diesjährigen Münchner Opernfestspiele.

Ein graues stilisiertes Haus, das mit der Drehbühne immer wieder neue Seiten zeigt. Einfache stilisierte Kostüme. Reduktion auf das Wesentliche. Mehr braucht es nicht für eine gute Inszenierung. Oper ist »das Leichte, das schwer zu machen ist«. Regisseur Simon Stone, Bühnenbildner Bob Cousins und Kostümbildnerin Mel Page finden eine konzise, universalverständliche Sprache für die Neuinszenierung der Teufel von Loudun von Krzysztof Penderecki, mit der die diesjährigen Münchner Opernfestspiele eröffnet wurden. Vladimir Jurowski, das Bayerische Staatsorchester, Staatsopernchor und Extrachor, sie alle werfen sich mit Begeisterung in ein Werk, das vor allem vollendeter Ausdruck der Sechzigerjahre zu sein schien, und bei dem mancher daran zweifeln mochte, ob eine Wiederbelebung in unserer Zeit möglich sei. Allein auch die Thematik von Inquisition, Gesinnungsschnüffelei, Gehirnwäsche, Denunziation, Ausgrenzung und Vernichtung der Persönlichkeit stimmt perfekt in unsere Tage.

Die Teufel von Loudun 2022 / C.Rieger, W.Koch, J.Kupfer / Copyright: W.Hoesl

Ein konzises Bühnenbild

Graues Haus ist nicht gleich graues Haus. Man vergleiche die unfreiwillige Allusion der Siebzigerjahre in der Wiener Macbeth-Produktion von Barrie Kosky mit dem Bühnenbild von Klaus Grünberg (2015), die stundenlang vor sich hin trocknet und auch in der Musik keine emphatische Erfahrung bietet, mit der nachgerade dämonischen Kraft der neuen Münchner Teufel und stelle wiederum fest, wie Esprit und Lebendigkeit einer künstlerischen Produktion über das Gelingen entscheiden. Wie man Verdis Macbeth dermaßen lehrhaft-langweilig umsetzen kann ist ebenso ein Mysterium wie die feurige Wiederauferstehung von Pendereckis Inquisitionsoper. De te fabula narratur! denkt der Zuschauer hier, wenn Wolfgang Koch als Denunzierter, Gefolterter, Verbannter und Verbrannter alle Leiden des Individuums durchmacht, die Regie an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt und bisweilen an den Realismus erinnert, der sich in diesen Tagen in Oberammergau abspielt. Koch begeistert wiederum als perfekter Sänger-Darsteller in dieser schwierigen Partie, deren Notation sich, wie die der anderen Sänger, von der klassischen Musik weit entfernt und ein Höchstmaß von sprechgesanglicher Einfühlung erfordert.

Eine Oper für unsere Zeit?

Das ist der Sound der Sechzigerjahre: Erinnern Sie sich noch an die elektronisch verstärkten Klangflächen, anekdotisch eingeflochtenen Bläserfiguren, den nagelnden Sprechgesang und die riesigen Partituren, die man sich auch als graphische Kunst hätte ins Zimmer stellen können? Wird die Inszenierung von Krzysztof Pendereckis Teufeln von Loudun von 1969 eine Nostalgie-Veranstaltung; etwa so, als würde man sich alte Folgen von Raumschiff Orion anschauen? Nicht in der Bayerischen Staatsoper! Hier hatten es die jubelnden Zuschauer mit einem Glücksfall von intellektuell auf der Höhe des Komponisten agierenden musikalisch-szenischen Produktion zu tun und mit Sänger-Darstellern, die alles geben, um unsere Ohren, unseren Geist und unsere Nerven die aufwühlende Story und ihre Hintergründe fühlen zu machen: Ursulinerinnen projizieren ihr unterdrücktes Begehren auf einen Priester, Liebe wird zu Hass, der Unschuldige landet auf dem Scheiterhaufen. Eine wahre Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert, die heute ihre Entsprechung in der Ausspähung und Gesinnungsschnüffelei der universalen elektronischen Überwachung des Individuums ebenso findet wie in der Gehirnwäsche durch Industriepropaganda und »Politische Korrektheit« und der Ausgrenzung von Unliebsamen in der Cancel Culture. Somit steht die Opernproduktion in ironischem Gegensatz zu der Regenbogenflagge, die auf dem Opernhaus weht; deren Verteidiger mögen anführen, sie stünde für Toleranz. Zahllose abgesagte Vorträge wie zuletzt von der Biologin Marie-Luise Vollbrecht, unzählige zerstörte Karrieren, zerstörte Leben in unserer Zeit sprechen eine andere Sprache. Die theologische Dogmatik des siebzehnten Jahrhunderts, in dem die Oper spielt, nimmt sich ebenso milde aus wie die kommunistische Propaganda im Polen des Krzysztof Penderecki, in dem die Oper entstand, wenn man sie mit den heutigen Sprachregelungen und Pseudoanthropologie vergleicht, wenn man bedenkt, was in unserer Zeit demjenigen blüht, der der Vernunft nicht Adieu sagen mag. die Teufel von Loudun von 1969 – das ist eine aktuelle Oper.

Die Teufel von Loudun 2022 / U.Ress, M.Winkler, A.Stundyte / Copyright: W.Hoesl

Literarische Metamorphosen

Die vollkommen andere Notation verlangt äußerste Disziplin aller Mitwirkenden, und Kapellmeister Vladimir Jurowski tut einiges, um Orchester, Chor und Solisten in jedem Moment wissen zu lassen, wo in der Partitur sie sich gerade befinden; das ist höchst anschaulich und lehrreich auch für den Zuhörer, der hier zu einem Zuschauer der Musik wird. Allein das Wunder von Loudun besteht darin, wie diese Partitur kein Staubkörnchen angesetzt hat seit ihrer Uraufführung an der Hamburgischen Staatsoper im Jahre 1969; die Münchner Erstaufführung erfolgte übrigens acht Monate später im Rahmen einer »Modernen Woche« am Nationaltheater als Gastspiel der Württembergischen Staatsoper Stuttgart in einer Inszenierung von Günther Rennert. Bemerkenswert sind schon die zugrundeliegenden Ereignisse und ihre literarischen Metamorphosen: Der Priester Urbain Grandier war 1634 in dem französischen Dorf Loudun verbrannt worden, nachdem ein Konvent von Ursulinerinnen ihn der Hexerei bezichtigt hatte. 1952 schrieb Aldous Huxley einen Roman, in dem er diesem Fall, der bereits das Interesse von Alexandre Dumas d. Ä. erregt hatte, eine neue Wendung gab. Er stellte das Thema der Gesinnungsschnüffelei und der Inquisition in den Mittelpunkt und übersetzte es damit in seine Kritik der Moderne und des Totalitarismus, wie er sie schon 1931 in seinem Roman „Brave New World“ formuliert hatte. Neun Jahre später beauftragte Peter Hall den Schriftsteller John Whiting mit einer Dramatisierung des Romans für die Royal Shakespeare Company, und die Hamburgische Staatsoper wiederum gab bei Krzysztof Pendericki eine Oper nach diesem Theaterstück in Auftrag.

Kritik am Totalitarismus

Obgleich Inquisition, Folter und Verbrennung in schonungsloser Deutlichkeit auf der Bühne gezeigt werden, hat die Oper, wie schon Huxleys Roman, mit der Kirche nichts zu tun. Bei dem selbstverfassten Libretto konnte der Komponist auch auf die Bekanntheit des Films „Der Teufel und die Nonne“ vertrauen, der in Polen diesen Fall ein paar Jahre zuvor bekannt gemacht hatte. Für das kommunistische Polen und überhaupt den Ostblock sah die Oper auf den ersten Blick so aus, als handele es sich um Kirchenkritik. Genauere Betrachter in Ost und West freilich erkannten gleich, wie hier die totalitären Sprachregelungen und Denkverbote der Sechzigerjahre, ob aus kommunistischem oder antikommunistischem Totalitarismus, gemeint waren. Problemlos kann man das Werk auf den Totalitarismus unserer Tage beziehen.

Erfrischende Klänge

Penderecki ist kein Komponist, sondern ein Klangteppichhändler. Man geht weich auf seinen Clustern. Das Komfortable seiner Klänge macht den polnischen Musiker beim Film so beliebt und bei allem, was sich damals moderner Musiker nannte, so unbeliebt. Denn wer als Komponist auf sich hielt, war in jenen Tagen ein schlechterer Mathematiker. Die Hyperseriellen in der Nachfolge von Webern hatten sich immer noch nicht ausgezwölftönt. Als ich noch in den Siebzigerjahren als kleiner Schüler nach Darmstadt zu den Tagen für Neue Musik fuhr, wurde mir dort erklärt, man könne keine Oper mehr schreiben, man könne keine Symphonie mehr schreiben, man könne keinen Ton mehr schreiben. Ach übrigens; nur, damit ich nicht auf dumme Gedanken käme: man könne auch keinen Roman mehr schreiben, eine Biographie schon gar nicht. Und bitte vor allem nicht malen und zeichnen! Aber was hörte man in Theater und Konzertsälen? Opern und Symphonien, jedenfalls Töne. Was türmte sich in Buchhandlungen? Romane und Biographien. Pendereckis Klänge wirkten erfrischend in einer Zeit, da musikalische Dogmatiker noch die Szene beherrschten. Ebensowenig wie Hans Werner Henze scherte sich der polnische Komponist um kompositorische Schulmeinungen. In München ist jetzt eine aufregende Produktion zu bestaunen, die nachdenklich macht und die im Widerspruch zu der von der Opernleitung vertretenen woken Gehirnwäsche und ihrer opportunistischen Beflaggung steht.

Weitere Aufführungen hier

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Bayerische Staatsoper
Max-Joseph-Platz 2
80539 München

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