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Mozartwoche Salzburg 2023: Das Symphonieorchester als stahlhartes Gehäuse

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Im Großen Festspielhaus sprangen Robin Ticciati und Igor Levit für die erkrankten Daniel Barenboim und Martha Argerich ein und zelebrierten mit den Wiener Philharmonikern das perfekte Mozart-Konzert. Doch von welcher symphonischen Auffassung gingen sie überhaupt aus? Von Stephan Reimertz.

Wer erinnert sich noch an jene Matinée bei den Sommerfestspielen 2010, als Ivor Bolton und das Mozarteumsorchester Zwischenaktmusiken und Schlussmusik zum Schauspiel Thamos König in Ägypten erklingen ließen? Das war gut ausgewählt und machte viele Zuhörer mit einem der versteckten Schlüsselwerke Mozarts bekannt. Die Schauspielmusik überraschte in ihrer Wirkungsbewusstheit, Prägnanz, Originalität, in seinen unvermuteten Wendungen. Umso erfreulicher, als der katalanische Regisseur und Medienkünstler Carlus Padrissa und seine Theatergruppe La Fura dels Baus die Schauspielmusik bei der Mozartwoche 2019 in der Felsenreitschule zur Grundlage einer Opernperformance eigenen Stils nahmen, die zum originellsten gehörte, was man je an Oper in Salzburg gesehen hat. Vergleichsweise konventionell wirkte es nun, als die Wiener Philharmoniker die Schauspielmusik unter der Leitung von Robin Ticciati bei der diesjährigen Mozartwoche beim abendlichen Symphoniekonzert im Großen Festspielhaus an den Anfang und zugleich in die symphonische Alltagsgewohnheit stellten.

Frischer, neuer Klang?

Keine Frage, das war ein technisch und musikalisch perfektes Konzert. Die vom Staat getragenen und ihrerseits staatstragenden Wiener Philharmoniker verkörperten vollkommen den Sound der 1980er Jahre, sowohl was die große Besetzung des Orchesters als auch was die Rückwirkung der technischen Medien auf das Spiel selbst angeht. Pianist Igor Levit fügte sich dem mit einem perlenden, tadellosen Pianoklang vollkommen ein. Die Vermutung, jüngere Musiker müssten stets auch mit einer neuen Klangauffassung aufwarten, wurde jedoch Lügen gestraft. Vielleicht ist Wien, was musikalische Aufführungspraxis angeht, doch nicht das Zentrum der Welt. Die Karawane ist seit Karajan jedenfalls weitergezogen. Nikolaus Harnoncourt, Sir Eliot Gardiner und St. Martin in the Fields, das Freiburger Barockorchester usw. haben uns einen neuen, frischen Mozartklang beschert. Der perfekte, aber technokratische Klang der Wiener wirkte in Salzburg ein wenig überholt.

Musik als Beruf

Während der Bereich der Opernregie durch das Eindringen des Kinderladen-Milieus immer schwächer und dilettantischer wird, zeigt sich die musikalische Praxis besonders in den letzten zehn Jahren als stetig professioneller. Sie zerfällt freilich in jene Fraktion, die nach dem Vorbild von Markevich oder Harnoncourt angelegentliche Quellenkritik und das Studium historischer Aufführungspraxis an den Anfang setzen und auf der anderen Seite das Milieu musikalischer Technokraten. Natürlich lieferte Igor Levit das Klavierkonzert in A-Dur KV 414 perlend und technisch perfekt ebenso wie musikalisch ausgereift ab. Als Solozugabe vor der Pause gönnte er uns das Adagio von Mozarts zweitletzten Klaviersonate No. 17, KV 570. Die Sonate gilt als vergleichsweise einfach zu spielen und war eingebunden in die kluge Auswahl der Stücke dieses Abends, welche insgeheim durch die Entfaltung des Neckischen, des unvergleichlichen Humors des Komponisten, ausgehend von besonders einfachem Themenmaterial miteinander verbunden waren. Ebenso wie in den Kadenzen des Konzerts konnte Levit hier seine Befähigung zu einem nachgerade meditativen Spiel unter Beweis stellen, welches den ganzen Abend den wirkungsvollen Gegensatz zur hochlebendigen orchestralen Überwölbung stand. Die Linzer Symphonie bildete den krönenden Abschluss dieses Konzerts in der Tradition konservativ-technokratischer Aufführungspraxis: Nicht Aloisia, nicht Constanze Weber, sondern Max Weber: Musik als Beruf, das Symphonieorchester als stahlhartes Gehäuse.

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