Mozartwoche Salzburg 2019: Klavier mit Orchester sucht Sängerin

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Zwei Ausnahmemusiker, die unterschiedlicher nicht sein können, treffen aufeinander: Der intellektuelle Pianist Sir András Schiff und die charismatische Primadonna Cecilia Bartoli. Im Zentrum des ungewöhnlichen Konzerts steht ein Werk, das viel Staunen hervorruft. Am Geburtstag Mozarts gibt’s auch eine Überraschung für die Cappella Andrea Barca. Von Stephan Reimertz.

   

Mozarteumsmatinéen bei András Schiff sind stets eine Verbindung von Familientreffen und musikwissenschaftlichem Hauptseminar. Der gebürtige Budapester ist nicht zuletzt ein großer Lehrer. Im vergangenen Jahr deklinierte er die Tonart c-moll bei Bach und Mozart durch, um zu zeigen, wie die beiden Komponisten sich gegenseitig erhellen. Heuer hat der neue Mozartwochen-Intendant Rolando Villazón ein reines Mozartprogramm für alle Veranstaltungen verlangt. Sir András ruft uns zusammen, um seine Zuhörer über ein Werk nachdenken zu lassen, das man mit Goethe wohl inkommensurabel nennen darf. Im Dezember 1786 hat Mozart in Wien eine Arie für Sopran, Klavier und Orchester geschrieben: Ch’io mi scordi di te?

 

Mamma Roma

Tu sospiri? O duol funesto!
Pensa almen, che istante è questo!

Lassen Sie sich nicht von Ihrer Großmutter imponieren, die Maria Callas und Renata Tebaldi noch live erlebt hat. Wir leben im Zeitalter von Cecilia Bartoli, und wir werden es uns einmal sagen können. Die Sängerin trug Rezitativ und Rondo-Arie KV 505 in ihrer gewaltigen, auch an den Rändern exakten Stimme vor, dann fiel Sir András mit einem durchsichtig perlenden Klavierklang ein. Wie viele Pianisten spielt er den überbearbeiteten Flügel einer großen Marke, in seinem Falle einen Konzertflügel von Bösendorfer 280VC, der von den Schweizer Brüdern Bachmann nachbearbeitet wurde. Die übrigen vier Werke, alle aus den Jahren 1784-91, waren um die ungewöhnliche Klavier-Arie herumgruppiert; das musikalische Relief sollte herausgearbeitet werden.

   
Foto © Wolfgang Lienbacher
   

Nähe von Konzert- und Opernarien

Bartoli eröffnete das Konzert mit der Arie für Sopran und Orchester Chi sà, chi sà, qual sia (KV 582). Ihre Begeisterung sprang sofort auf die Besucher der Matinée am Geburtstag des Komponisten über. Solche Konzertarien entstanden meist in unmittelbarer musikalischer Nähe von Opern und dienten auch dazu, gegen Opernarien ausgetauscht zu werden, ja nach Können und Charakter des Sängers. Auf der Konzertbühne des mittelgroßen Saales des Mozarteums strahlte das Volkstümliche der unverwechselbaren Sängerin besonders aus. Bei all ihrer Eleganz und Bühnenpräsenz ist Cecilia Bartoli doch so etwas wie eine Mamma aus dem Trastevere. Ihre Authentizität und Wärme schlägt noch den letzten Zuhörer in Bann. Als Zugabe wählte sie die zweite Arie der Dorabella aus Così fan tutte und machte auch damit die Nähe der Konzertarien zu den großen Opern Mozarts deutlich.

 

Allzu praller Orchesterklang

Sir András flankierte Cecilia Bartolis Auftritte mit den Klavierkonzerten B-Dur (KV 450) und G-Dur (KV 453). Das Neckische, Überraschende und zugleich Symphonische sticht bei diesen Werken hervor. Letzteres freilich wird auch unterstrichen durch die sehr üppige Besetzung des Orchesters mit jeweils acht ersten und zweiten Violinen, sechs Bratschen, fünf Celli und zwei Bässen; fast zuviel für den filigranen Saal. Eine Halbierung der Streicher hätte uns einen sehnigeren, diesem Orte besser verträglichen Klang beschert. Nach dem Konzert überreichte der Intendant der Mozartwoche Rolando Villazón der Capella Andrea Barca die Goldene Mozart-Medaille der Stiftung Mozarteum. Mittlerweile war es im Saal so heiß und stickig wie auf dem Grünen Hügel im August. Die Klappsessel sind noch härter als in Bayreuth.

 

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