Mozartwoche Salzburg 2018: Mordanschlag auf Mozart

GD Star Rating
loading...

 

Mozartwoche Salzburg 2018: Mordanschlag auf MozartJoseph II. sah Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail als den Beginn einer deutschen Nationaloper vor. In der Salzburger Mozartwoche präsentiert René Jacobs das Werk in revolutionärer Klanggestalt. Doch die Inszenierung gerät zum Abgesang auf das Regietheater und reißt die ganze Produktion in den Abgrund. Von Stephan Reimertz

Ouvertüren und Vorspiele sind dazu da, dass das Publikum sich sammelt und in das musikalische Themenmaterial der bevorstehenden Oper eingestimmt wird. Der Vorhang bleibt geschlossen. Theatralische Aktionen sind zu diesem Zeitpunkt kontraproduktiv, gehören jedoch zu den verbreiteten Regiefehlern unserer Zeit, sind Ausdruck ihrer Gier und Hysterie, der allgemeinen Unfähigkeit, einmal die Füße still zu halten. So ahnt man schlimmes, wenn während der Ouvertüre zu dem Singspiel Die Entführung aus dem Serail, soeben bei den Salzburger Mozartwochen herausgekommen, ein Filmregisseur (gemimt von dem Schauspieler Peter Lohmeyer) die Szene betritt und ein kurzer Stummfilm über die Bühne flimmert. Der Streifen zeigt uns Ausschnitte aus deutschen und französischen Spielfilmen der siebziger Jahre sowie selbstproduzierte Szenen. Man begreift, dass hier eine alternative Version der bekannten Vorgeschichte des Singspiels angeboten wird. Der Bassa Selim, im Original ein Spanier, der sein Land verlassen musste, ist hier ein Filmregisseur, den die Intrige eines Konkurrenten in die Türkei getrieben hat und der dort zum erfolgreichen Produzenten von Werbefilmen wurde. Was soll das?

Zu viele Noten!

Die musikalische Interpretation könnte diesmal eine spannende sein. Kapellmeister René Jacobs denkt in seinem Dirigat das ganze achtzehnten Jahrhundert zusammen und lässt Mozart als Teil der europäischen Barockkultur hören. Der Komponist wird zum Neffen Bachs und vor allem Händels. Nicht nur höfische Festmusik klingt durch, sondern vor allem auch jene stark rhythmisierten Huldigungen an den jahrzehntelangen osmanischen Kriegsgegner, der in der europäischen Kultur tiefe Spuren hinterlassen hat. Jacobs’ revolutionärer Mozart-Klang ruft uns in Erinnerung, wie stark die Türkenkriege bis heute auf unser kollektives Unbewusstes wirken. Allein eine Liste sämtlicher so genannter Türkenopern des achtzehnten Jahrhunderts wäre Dutzende von Seiten lang; Die Entführung und Zaide von Mozart sowie Das Serail von Joseph Friebert sind nur die bekanntesten. In der Architektur provozierte das osmanische Gegenbild überhaupt erst einen deutschen Reichsstil. Und wenn Kaiser Joseph II gerade Die Entführung aus dem Serail als neue deutsche Nationaloper ins Auge fasst, erhebt er damit dieses Singspiel zur klingenden Karlskirche.

Doch leider gerät der interessante Ansatz von René Jacobs und der frisch und lebendig spielenden Akademie für Alte Musik Berlin sofort aus den Fugen. Die musikalische Dramaturgie schießt weit über das Ziel hinaus und endet in einer Bruchlandung. Zunächst befremdet das im Original nicht vorhandene Hammerklavier, das in der Regel zur Begleitung von Rezitativen eingesetzt wird. Diese gibt es jedoch in der Entführung nicht, da es sich um ein Singspiel handelt, welches also über gesprochene Dialoge verfügt. Aber es kommt noch schlimmer. Barocke Verzierungen werden im Gesang angebracht, die dem deutschen Singspiel völlig fremd sind und hier aufgesetzt und lachhaft wirken. Und zunehmend ungehemmter werden musikalische Zitate von Mozart und anderen Komponisten eingestreut, teilweise nur angespielt, wobei man auch vor Kronjuwelen wie dem Rondo alla turca aus der A-Dur-Sonate und der Maurerischen Trauermusik nicht Halt macht. Wir sind im Reich der Rapper, Zapper und Zappelphilippe der modernen Medienüberflutung angekommen. Nichts bedeutet mehr irgendetwas, und alles bedeutet nichts mehr. Dramatischer und musikalischer Totalschaden!

Wie eine Operninszenierung sich selbst auffrisst

Zu den dramaturgischen Problemen treten akustische. Das »Haus für Mozart«, in dem die Aufführung stattfindet, ist nicht nur architektonisch unschön, vertrackt ist auch seine Akustik. Gut hört man im Grunde nur ganz vorn im Parkett und in der Mitte des ersten Ranges. So verfügt Julian Prégardien als Pedrillo durchaus über eine strahlende Stimme. In diesem Hause kommt dieselbe aber vor allem dann zur Geltung, wenn man direkt vor dem Sänger steht. Aber nicht alle Besucher haben die Chuzpe des Rezensenten und laufen während der Premiere im Saal herum. In einem musikfremden Gebäude wie dem »Haus für Mozart« ist eine Beurteilung der sängerischen Leistungen also nur bedingt möglich. Beschränken wir uns also darauf zu bemerken, dass die beiden Hauptdarstellerinnen, Robin Johannsen als Konstanze und Nikola Hillebrand als Blonde, ungewöhnliche und attraktive Erscheinungen sind, und dass neben Julian Prégardien auch David Steffens als Osmin und Sebastian Kolhepp als Belmonte mit vollem Einsatz agieren. Ihre dramatischen Bemühungen würden mit anschaulichen Kostümen erheblich unterstützt, doch die Ausstattung von Svenja Sassen erinnert an Kleidungsstücke, wie man sie bei jüngeren Mitbürgern sieht, denen man in modernen Großstädten in der U-Bahn begegnet. Jan Pappelbaum beschert uns eine Bühne als ein Filmset. Wie originell! Wie die Musik so wurde auch der Text »verbessert«. Dabei schreckte man auch vor Fäkalsprache nicht zurück, die sich bei genauerer Betrachtung allerdings als ein Jugendjargon erweist, wie ihn sich Erwachsene der fünfziger Jahre vorgestellt haben.

By Jiuguang Wang (Own work)

Saturiertes Milieu ärgert die Eltern

Salzburg hat nicht viel Glück mit der Entführung aus dem Serail. Bereits die Sommerfestspiele 2003 eröffnete eine Regiearbeit von Stefan Herheim, in der die Rolle des Bassa Selim weitgehend gestrichen war, dafür der Sprechtext um viel Gequassel erweitert. Da halfen auch Ivor Bolton als Kapellmeister und Jonas Kaufmann als Belmonte nicht mehr viel. Das Publikum protestierte bei offener Szene. Den Regieterroristen schadet es nichts. Sie dürfen ihr unehrliches Handwerk weiter treiben.

Die Regisseurin der Neuproduktion, Andrea Moses, ist in Dresden geboren, und dies ließe im Grunde hoffen. Opernregisseure waren der erfolgreichste Exportartikel der DDR. Die großen wie Walter Felsenstein und Joachim Hertz lieh man dem Westen nur aus, andere wie Harry Kupfer, bot man ihm an, und wieder andere wie Götz Friedrich, überließ man ihm gern. Doch Andrea Moses ist Jahrgang 1972 und offenbar zu jung, als dass sie von der intelligenten historisch-dialektischen Opernregietradition à la DDR noch hätte profitieren können.

Am liebsten nur noch konzertant

Wer von bildungsfernen Schichten spricht, stellt sich meist Jugendliche in Jogginghosen in den Ghettos der Großstädte vor. Schlimmer jedoch sind die Ghettos, in denen die Kulturindustrie ihre illegitimen Kinder peppelt, jenen narzisstischen Wurmfortsatz des individualisierten Milieus, der in bildungs-, geist- und kunstfremden Vetternwirtschaft den Kulturbetrieb besetzt hält wie einst die RAF-Terroristen die deutsche Botschaft in Stockholm: Leute außer Rand und Band, die glauben sich alles erlauben zu können.

Eine Produktion wie die neue Entführung aus dem Serail in Salzburg ist daher auch weit mehr als eine Opernpanne, sie ist vielmehr eine gesellschaftliche Fehlleistung. Hier wird ein ödipaler Konflikt, der auf die Couch des Psychoanalytikers gehört und nicht die Opernbühne, öffentlich ausgetragen. Ein extrem weltfremdes Milieu verliert im Laufe der Produktion immer mehr den Respekt vor dem Werk und dem prospektiven Publikum. Es fragt sich, wie lange die Situation der Oper es noch erlaubt, mit dem Masochismus des Publikums als einer festen Größe zu rechnen. »Wenn’s nach mir geht, braucht es nur noch konzertante Aufführungen!« »Lassen wir uns halt sekkieren!« Das sind die Stimmen, die man in der Pause hört. So geht es nicht weiter.

Schluss mit dem Regietheater!

Jugend, Frische, Begeisterung, Verliebtheit – das sind die Momente, die man mit Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail verbindet. Die deutsche Nationaloper preist Völkerverständigung, Toleranz und Vergebung, sie huldigt Schönheit, Treue und Liebe. Diese emanzipatorischen und für die moderne Gesellschaft grundlegenden Momente werden hier jedoch in einem gegenaufklärerischen, düsteren Spektakel zurückgenommen. Es ist ein Mordanschlag auf Mozart und die europäische Aufklärung aus dem Ungeist ungebildeter, saturierter Schickimicki-Kreise des Medien- und Theatermilieus. So verschwindet die Entführung in Salzburg in einem Strudel, gleich dem Abfluss in der Duschszene in Hitchcocks Psycho, wenn das letzte Blut verrinnt.

Steht der Rücktritt von Intendantin Maren Hofmeister in Zusammenhang mit diesem Entführungs-Flop, nicht einmal eine Woche nach der misslungenen Premiere von Le nozze di Figaro am Salzburger Landestheater? Jedenfalls muss ein Regisseur, der eine Oper inszenieren will, sein Konzept doch dem Intendanten vorstellen, und dieser muss es genehmigen oder ablehnen. Ebensowenig wie der Regiedilettant Jacopo Spirei in Le nozze di Figaro am Salzburger Landestheater kann Andrea Moses in der Mozartwoche der Versuchung widerstehen, in ihrer Inszenierung auf aktuelle Themen aus den Medien, besonders der Boulevardpresse, anzuspielen. Bei Spirei war das schon sehr aufdringlich, aber auch hier setzt Moses noch eins drauf. Die Szenen zwischen Bassa Selim und Konstanze sollen auf die Atmosphäre der Nötigung und latenten Bedrohung anspielen, denen junge Schauspielerinnen von Filmregisseuren, auch in Deutschland, ausgesetzt wurden. Es ist vollkommen richtig, all dies zu untersuchen und als Licht zu bringen. Es fragt sich nur, ob eine Operninszenierung der richtige Ort dafür ist. Als der Filmregisseur in Andrea Moses’ Inszenierung in der Schlussszene auch noch eine Herzattacke erleidet, ist die rote Linie, auch in juristischer Hinsicht, endgültig überschritten. Denn hier wird auf ein noch offenes Verfahren angespielt, der betroffene deutsche Filmregisseur vorverurteilt. Der Grundsatz Im Zweifel für den Angeklagten und die Unschuldsvermutung gelten nichts mehr. Wir sind im Reich öffentlicher Anprangerung angekommen. Wut und Betroffenheit der Zuschauer in Salzburg waren groß. Kaum einer konnte es fassen, wie ausgerechnet bei einem hochkarätigen internationalen Musikfestival in Salzburg jedes Niveau unterboten wurde.

 

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.