Monika Maron: Eine Stimme der Vernunft

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LiteraturDer Roman Artur Lanz und die Prosasammlung Krumme Gestalten, vom Wind gebissen erweisen aufs Neue die Lebendigkeit und Zeitlosigkeit der in Berlin geborenen Autorin Monika Maron. In seiner Rezension analysiert Stephan Reimertz die beiden neuen Bücher und kommentiert die gegen Maron und andere Autoren gerichteten politisch motivierten Säuberungen.

Eine subtile Antwort auf Hofmannsthals Chandosbrief eröffnet Monika Marons Prosaanthologie Krumme Gestalten, vom Wind gebissen mit Texten von 1989 bis 2019. Der Titel dieses Bandes würde zu einem Werk von Asger Jorn, Pol Bury oder Karel Appel passen, allein es handelt sich um Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge einer Autorin, die sich durch poetische Wortkraft, produktives Denken und einen freien Geist auszeichnet, was sie ja gerade ihren Verlag gekostet hat. Mit schlafwandlerischer Einfühlung, das zeigt sich auch in diesen unterschiedlichen Miniaturen, gelingt Monika Maron etwas überaus seltenes: zugleich ganz poetisch und ganz erzählerisch zu sein. Die meisten deutschen Autoren sind heute weder das eine noch das andere, benommen von politischen Paradigmen, die sie sich von außerhalb der Literatur aufoktroyieren lassen. 2010 bekennt Maron ihre »Lust am jeweils kleinsten und geringsten Wort, so dass der eine oder andere glauben mag, ich kennte die großen und reicheren Wörter gar nicht«, skizziert damit ihre beiläufige und präzise Poetik und erzählt dann in ihrem scheinbar naiven Charme von ihrem Hund Bruno. Ob wir in dem Tier noch etwas anderes sehen dürfen als einen Wauwau? Bruno jedenfalls verfügt über Nuancen des Zuhörens und des Ausdrucks. Er ist ein Hund mit Flügeln auf dem Rücken. Die Buschtrommel übrigens weiß zu berichten, Monika Marons nächstes Buch solle von Hunden handeln.

Cover: Edition BuchHaus Loschwitz

Eine Autorin der Offenen Gesellschaft

Schon die Titelgeschichte Krumme Gestalten, vom Wind gebissen, Anfang der Zweitausender veröffentlicht, ist eine meisterliche Handvoll Seiten traumsicherer Landschaftserkundung, wie man sie sonst allein aus der Feder von Marons Kollegen Fontane oder Koeppen kennt. Ein satirischer Dialog über Vor- und Nachteile Berlins in der Tradition von Tucholsky aus derselben Zeit zeigt, wie die Erzählerin zugleich über ein satirisches Händchen verfügt, das ihr 2020 helfen sollte, einen zugleich analytischen und satirischen Roman über die Geschlechterbeziehung zu schreiben, Artur Lanz. In der Zeit von 1988/89 erzählt Maron Das Märchen vom Deutschen Milchschaf, welches blutig endet. Ein paar Jahre später setzt sie sich in einem Vortrag in Turin mit der damals aus den USA auf Deutschland überschwappenden Genderideologie auseinander und durchkreuzt die Vorstellung eines weiblichen Schreibens: »Ob meine Kreativität weiblicher Natur ist, weiß ich nicht. Vielleicht entspringt sie ja meinem männlichen Anteil.« Maron schreibt gegen ein Milieu politischer Ideologen an, welches alles was deutsch oder männlich ist, per se inkriminiert und jeden, der den geringsten Zweifel an einer solchen Haltung äußert, sofort in die rechte Ecke stellt.

Gegen Gendrifizierung und Sprachvorschriften

In sympathischer und hinreißend eingängiger Prosa reflektiert Monika Maron über das Älterwerden, huldigt der polnisch-israelischen Autorin Ida Fink, spricht von der Freundschaft der beiden Norddeutschen Lessing und Mendelssohn, dem Goy und dem Juden, »ihrem freiheitlichen Geist und ihrer Unvoreingenommenheit«, und redet dabei natürlich auch über sich selbst. Sie bezieht dabei auch die religiösen und historischen Auseinandersetzungen der monotheistischen Religionen, ihre gegenseitige Anziehung und Abstoßung mit ein. Und schon im Jahre 2011 warnt sie: »Kritik am Islam gleich Islamophobie gleich Rassismus – das ist die Formel, mit der sie die lebensnotwendige Auseinandersetzung zu ersticken versuchen.« Kein Wunder, wenn eine Autorin, die zum Selbstdenken aufruft, in einem Moment Probleme bekommt, in dem Medienkonzerne versuchen, die Offene Gesellschaft endgültig abzuwürgen und Sprachregelungen einzuführen, gegen welche das Neusprech in George Orwells »1984« harmloses Baby-Talk darstellt.

Marons Kampf gegen den Extremismus

Schon kurz nach der Wende prallte Maron mit den Hamburger Grünen und Feministinnen zusammen und ahnte schon, wie dies »keine wunderbare Freundschaft werden könnte«. Das Milieu hat sich an ihr gerächt. Heute sind wir tatsächlich wieder in einer Art DDR gelandet, die Verhältnisse müssen der Ausgewanderten bekannt vorkommen. Wie damals unter Erich Honecker hat sie allen Grund, auf den allgegenwärtigen »Sprachfrevel« aufmerksam zu machen, wie etwa das »literaturuntaugliche Binnen-I«, das es damals in der Bundesrepublik schon gab, in der DDR nicht. Monika Maron erinnert daran, wie schon die DDR-Propaganda den Weihnachtsengel in »geflügelte Jahresendfigur« umgetauft hatte. 2013 konnten solche Gedanken noch im Spiegel erscheinen. Sieben Jahre später haben wir es mit einer weitgehend gleichgeschalteten Presse zu tun. Maron parodiert das verlogene Neusprech: »Die Sinti und Roma haben mir meine Handtasche geklaut.« Die Autorin, welche gerade aus dem S. Fischer Verlag hinausgeworfen wurde, ahnte ihr eigenes Schicksal voraus. Bereits im November 2019 schrieb sie in der NZZ: »…jenseits des Gesetzes gibt es eine Deutungsmacht, die blindlings mit Verdächtigungen und Diffamierungen um sich werfen darf, sobald das, was sie als Wahrheit ausgibt, in Frage gestellt wird.« Wie man eine Autorin, die Lessing, Mendelssohn, Wilhelm von Humboldt und Rahel Varnhagen empfiehlt, der Neuen Rechten zuordnen kann, bleibt allerdings das Geheimnis der Denunzianten. »Wir brauchen die Solidarität der Aufgeklärten«, schreibt Maron. Für die Autorin, die ihren ersten Roman, Flugasche, aufgrund der politischen Verhältnisse und der Zensur nicht in der DDR veröffentlichen konnte und deshalb in die Bundesrepublik übersiedelte, kann das Erlebnis mit dem S. Fischer Verlag nur ein schmerzhaftes Déjà-vu gewesen sein. In einer durchgegenderten und politisch synchronisierten Verlagswelt gilt für einen Autor inzwischen, wie schon in der DDR, die Weisheit von Buffalo Bill: »Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.«

Cover: S. Fischer Verlag

Aus dem Reich der Schlappschwänze

Eine Frau mit dem TV-Serien-Namen Charlotte Winter trifft einen Unbekannten. So beginnen manche Erzählungen und Romane, oft auch eine Rahmenhandlung. Bei Maron heißt das Buch nach dem Helden, wie früher nach den Heldinnen: Artur Lanz; wer dächte hier nicht an ritterliche Vorzeiten? Zunächst erscheint er als »verlorener Mann auf der Parkbank«, allein wir erfahren bald, wie in seiner »Männerseele [ein] Drama tobte« und denken dabei natürlich erst einmal an Heinz Rühmanns Regenwurm. Charlotte Winter, die Protagonistin in Monika Marons neuem Roman Artur Lanz, ist schlecht gelaunt, weil ihr die Männer nicht mehr gefallen. Man kann sie verstehen, zumal Frau Winter nicht in der Hauptstadt München, sondern irgendwo an der polnischen Grenze in einem Dorfkonglomerat namens Berlin wohnt. Das Wucherdorf ist substanzlos, keine richtige Stadt, immer noch stark von Nazi- und Achtundsechziger Zeiten geprägt, zwei Seiten derselben Medaille. Der »Schöneberger In-between-Mann« (so eine Berliner Zeitung) bestimmt die Szene, der Mann ist eine unentschiedene Heteroschwuchtel. Die deutsche Männe ist zum Kapaun geschrumpft, einem Typus, den der Apostel Paulus einen »Verschnittenen« genannt hätte. Satirisch kommentiert die Protagonistin die erotischen Defizite und vermutet »dass manche Männer nur schwul geworden seien, weil sie sich nur noch bei Männern wie Männer fühlen durften«. Charlotte ist auf der Suche nach dem idealen Mann. Der amorphe Typus des Mannes von heute freilich ist das Äquivalent des politisch gleichgeschalteten Zeitgenossen, der sich in Sprache und Habitus dem autoritativ vorgeschriebenen Klischee eines bestimmten Milieus anbequemt.

Warum trauen sich Männer nicht mehr, Männer zu sein?

Der Roman ist vorwiegend in hochdeutscher Sprache gehalten, preußische Manierismen wie »Brötchen« für Semmeln u. ä. stören nicht weiter, sondern tragen zum Lokalkolorit bei. Charlottes Grundgefühl ist mehr als Enttäuschung. Sie reibt sich die Augen und kann nicht glauben, was sie sieht.

Ehrgeizige junge Männer, die sich ihr Brusthaar in türkischen Bädern mit heißen Wachsstreifen ausreißen ließen und sich in Fitnessstudios Muskeln antrainierten, die sie nur zum vorzeigen brauchten, die gehorsam das generische Maskulinum vermieden und stattdessen Gendersternchen verteilten, denen man ihre Wildheit schon in der Kindheit mit Ritalin ausgetrieben oder in liebevollen Gesprächen verleidet hatte, die vielleicht selbst schon glaubten, für das Böse in der Welt seien nur die Männer verantwortlich gewesen, als hätten nicht auch die Frauen kreischend und glückstrunken Hitler zugejubelt; verunsicherte Männer eben…

Es ist eine Ironie der Literaturgeschichte, wenn die Auswirkungen des Achtundsechziger-Regimes uns von einer Autorin vor Augen geführt werden, die erst 1988 aus der DDR in die Bundesrepublik kam. Im Park beobachtet die Protagonistin: »…manche Männer hatten sich die Säuglinge vor die Brust geschnallt und sahen von weitem aus, als wären sie schwanger«. Don’t be a maybe! so könnte man die Einstellung von Charlotte Winter zusammenfassen. Die passionierte Existentialistin verlangt von jedem Menschen eine Entscheidung und verurteilt die verbreitete Wischi-Waschi-Haltung vor allem der Männer in unserer Zeit in der westlichen Welt. Ihre kritische Betrachtungsweise wendet Charlotte auch auf die Geschlechterbeziehung und ihre Veränderung im Alter an. »Ich fragte mich, ob in zwanzig oder vierzig Jahren, wenn viele Frauen auf ähnliche Karrieren zurückblicken könnten wie die Männer, sie für junge Männer ebenso verheißungsvolle Liebesobjekte sein würden wie reiche oder berühmte Männer für junge Frauen.« Das ist allerdings die Gretchenfrage!

Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg!

Charlotte ist eine Männerfreundin und ihre Überlegungen lesen sich bisweilen wie der Dressierte Mann von Esther Vilar, ein Bestseller, den in den siebziger Jahren gerade Frauen als Befreiungsschlag gegen den grassierenden Vulgärfeminismus empfanden und wie blöde kauften. In ganzen LKW wurde das Werk an die Buchhandlungen ausgeliefert. Wie Vilar empfindet Charlotte außer Liebe zu vor allem Mitleid mit den Männern in dem Maße, wie sie die eigenen Geschlechtsgenossinnen auf ihre bescheidene Größe zurechtstutzt.

Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, sagte ich, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber, die es wagen, die intelligentesten und klügsten Männer zu beschimpfen.

Die dümmsten, ungebildetsten und scheußlichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen.

Umso unverständlicher war es, dass ausgerechnet die Frauen, die den entschiedensten oft rachsüchtig anmutenden Kampf gegen die Männer führten, rigoros das Kopftuch der muslimischen Frauen und einige sogar die Polygamie verteidigten, als blickten sie schon demütig ihrer eigenen Zukunft ins Auge.

So sehr man Parallelen zwischen Charlottes Aussagen und Passagen in Monika Marons Essays aufzeigen könnte, so inkorrekt wäre es, die Autorin mit ihrer Protagonistin zu identifizieren. Diesen formalen Fehler machen oft Literaturkritiker. Und statt der Analyse eine literarischen Werkes kommt am Ende dann lediglich ein Ressentiment heraus, das in der Folge in den Medien immer stärker aufgeblasen wird und das literarische Werk überwuchert.

Monika Maron (2017) Foto: Jonas Maron.

Gesellschaftsroman mit satirischen Qualitäten

Maron besticht mit der Beschreibung glanzloser deutscher Abendgesellschaften, wie wir sie aus Romanen von Martin Mosebach kennen und wie sie jeder schon selbst erlebt hat. Dieses Deutschland hat wirklich keine Gesellschaft mehr, denkt man auch angesichts dieser Westberliner Kreise. Figuren mit Namen wie Penelope, Müller-Hermsdorf und Ulrike Zeisig könnten einem Sketch von Loriot entsprungen sein. Auch dieser kannte seine Pappenheimer genau. Es ist eine formale Eigenart des Buches, wie Themen hier nicht agogisch sondern diskursiv durchgeführt werden, man kennt es in der klassischen Moderne, etwa im Stechlin, im Zauberberg oder im Mann ohne Eigenschaften, wo seitenlang Themen wie ein Essay mit verteilten Rollen abgehandelt werden. Dies freilich ist ein legitimes Verfahren, ja geradezu ein Signum der modernen Literatur. Man wird in Marons Romanen einmal nachlauschen könne, über welche Themen und in welchem Tonfall Menschen in unserer Zeit sich unterhalten haben. Charlotte Winter bedauert, wie die Deutschen »aus Heldenverehrern zu Opferverehrern geworden« sind. Wie Marons Gesamtwerk durchzieht auch den Roman Artur Lanz eine sprachkritische Ebene; wenn etwa die Protagonistin im Radio eine Dichterin sprechen hört, »und diese Lyrikerin habe dann von den engagierten Verlegerinnen und Verlegern, Lektorinnen und Lektoren, Lyrikerinnen und Lyrikern gesprochen, und schien nicht das geringste Gefühl dafür zu haben, wie komisch das klang«. Monika Maron ist eine von den wenigen Autoren, die ein Ohr dafür haben, wie sich selbst Schriftsteller in unserer Zeit sprachlich gleichschalten.

Monika Maron
Artur Lanz
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2020
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