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Eine Rezension von Barbara Hoppe

Wer glaubt, Bücher, in denen Krankheiten die Hauptrolle spielen, seien auf Tränendrüsen drückende Melodramen, irrt. Er sollte Lea Streisand lesen. Mit einem Koffer voll Mütterchens Witz trotzt sie dem Albtraum.

Lea Streisand, geboren 1979 in Berlin, ist Poetry Slammerin, Schriftstellerin und mit einer eigenen Kolumne bei Radio Eins. Ihre Texte: witzig, bissig, ironisch. Ihr Zuhause sind die Berliner Lesebühnen. Und dann das: Mit gerade mal 30 Jahren erkrankt sie an Krebs. Es ist Morbus Hodgkin – „von allen Scheißkrankheiten die beste“ wie ihr der Arzt nach der Diagnose sagt. Was nun folgt, könnte ein Martyrium sein – für die Autorin ebenso wie für den Leser. Der Krankheit die Stirn zu bieten, war auch nicht schön: Die Chemotherapie mit allen ihren furchtbaren Nebenwirkungen, das Dasein reduziert auf einen kranken Körper, an dem ständig irgendwer herumhantiert, um zu diagnostizieren und zu therapieren ist kein Vergnügen. Lea Streisand kotzt und heult sich durch die Krankheit. Wie schafft sie es aber, dass man ihre persönliche Leidensgeschichte trotzdem so gern liest, schmunzelt, lacht und  begierig die Seiten umblättert?

Es ist die Leichtigkeit, trotz der Schwere, und es ist Mütterchen. Mütterchen, die Oma von Lea, die nach über 90 bewegten Jahren starb und einen Koffer prallgefüllt mit Leben hinterließ. 1912 geboren, Schauspielerin geworden, ihren Mann aus dem Arbeitslager mit einem Husarenstreich befreit, unkonventionell, insgesamt mit 25 Liebhabern.

Dieser Koffer liegt in Leas Zimmer zu Hause, wo sie sich während des Therapiejahrs verkriecht, wenn sie nicht gerade an irgendwelchen Schläuchen hängt oder durch gigantische Röhren geschoben wird. Schon mit 15 Jahren fragte sie der Großmutter Löcher in den Bauch, jetzt taucht sie ein in das bis dahin verschlossene Leben der geliebten Oma. Und entdeckt eine patente, mutige  Frau, die mit jeder Menge pragmatischem Witz ihr Leben meisterte, die Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die DDR und zum Schluss die Bundesrepublik über- und erlebte. Und man beginnt, diese alte Frau zu lieben, ebenso wie die Enkelin, die schonungslos lustig ihre eigene Leidensgeschichte schildert und immer wieder Trost, Halt und Ablenkung bei Mütterchen findet.

Wer Lea Streisand von den Lesebühnen her kennt, hört ihre Stimme in jedem Satz. Und lacht sich schlapp. Ist das wirklich Krebs? Oder nur eine erfundene Geschichte? Und doch weiß man  instinktiv: Auch wenn man selbst nie ernsthaft krank war – so ist es. So mies fühlt man sich, so fertig, unattraktiv, leer, depressiv, hoffnungslos, ausgeliefert, ängstlich und allein. Die Freunde machen Party und die Kranke fühlt sich alt und weise. Der Krebs ist ein Erfahrungsvorsprung, den keiner je einholen kann. Es bleiben Mama, Freund und Freundin und die Ärzte. Wie gut, dass schon der erste Satz lautet: „Vielleicht erzähle ich einfach davon, wie Mütterchens Geschichten mich bei Verstand hielten in dem Jahr, als ich dachte, ich müsse sterben.“ Lea Streisand hat offensichtlich überlebt. Und wie gut, dass es Mütterchen gibt. Ihr Leben und das der Enkelin, das Leben der Unverwüstlichen und das der Zerbrechlichen wachsen zusammen und werden größer, trotzen dem Unbill der Welt.

Wunderbar, was Lea Streisand uns hier vorlegt. Voll das Leben!

Lea Streisand
Im Sommer wieder Fahrrad
Ullstein Verlag, Berlin 2016
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Mit Mütterchens Witz voll ins Leben: Lea Streisand „Im Sommer wieder Fahrrad“, 5.0 out of 5 based on 3 ratings