Menschen mit Musik: „In einer Sekunde“

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Menschen mit Musik

Kolumne von Susanne Falk.

Vor vielen Jahren gab es bei „Wetten, dass…?“ einen Menschen, der Popsongs innerhalb von zwei Sekunden benennen konnte. Ich erinnere mich, dass meine Mutter und ich vor dem Fernseher saßen und sie aus dem Staunen nicht mehr herauskam, nicht so sehr der Wette als vielmehr ihres Kindes wegen. Denn: Ich erriet jedes der Lieder innerhalb von nur einer Sekunde und das ohne jede Vorbereitung. Bis heute hab ich keine Ahnung, welche Art von Wahnsinn dafür bei mir verantwortlich ist.

Ich hab nicht viel Geniales an mir. Ich bin ausnehmend schlecht im Rechnen, ich kann leidlich gut Fremdsprachen, ich singe nett, aber für die große Opernkarriere hätte es wohl nicht gereicht und überhaupt fallen mir auf Anhieb eine Menge Dinge ein, in denen ich ziemlich schlecht bin und wiederum nur einige wenige, die ich ganz gut beherrsche. Aber wenn es darum geht, Songs zu erraten, bin ich die Queen of Pop.

Es hat ja angeblich jeder Mensch ein verborgenes Talent. In US-amerikanischen Talkshows und bei Graham Norton in der BBC müssen Prominente immer ein verborgenes Talent vorführen. Keira Knightley kann z.B. auf ihren Zähnen Musik machen, Tom Hiddleston macht gerne Schauspielkollegen nach (und gar nicht mal so schlecht) und wer gar nichts kann, der kann immer noch erzählen, dass er oder sie leider nichts kann und dann macht Graham Norton einen seinen sympathischen Scherze und alles ist in bester Ordnung. Kein Prominenter hat je gesagt: „Oh, I’m a total weirdo! I can name every song in just one second!“ Nun, ich bin so ein seltsamer Mensch und ich glaube, ich kann nichts dafür. Es war der Busfahrer.

Der Weg zur Schule war weit und müde stand ich von meinem 11. Lebensjahr an jeden Schultag um 6.40 Uhr an der Bushaltestelle und wartete, dass man mich aus meinem Dorf in einen Flensburger Vorort und zu meiner Schule karren würde. Im Bus lief immer, immer, immer Welle Nord. Meine Textsicherheit bei üblen Schlagern der 1970er, 1980er und 1990er ist erschütternd, ganz gleich ob deutsch oder englisch. Später dann erledigte ich grundsätzlich alle Hausaufgaben, Pro- und Seminararbeiten und schließlich Diplom- und Doktorarbeit in Begleitung von ABBA, Beethoven oder Italopop. Radio ist bei uns daheim King – und ich seine Angetraute. Mit Folgen.

Es gibt wenige Lieder, bei denen ich ins Straucheln gerate, vorwiegend Coverversionen. Aber es reicht der erste Takt des Schumann-Klavierkonzerts und ich weiß woran ich bin. Nur mit Reggae und Heavy Metall konnte ich mich nie ganz anfreunden. Und Country ist auch nicht so mein Ding. Hat halt jeder seine Vorlieben – und Talente. Es gibt hier nichts, was nicht geht. Auch das ABC zu rülpsen ist ein verborgenes Talent, das etwa meine Kinder durchaus zu würdigen wissen. Denn: Irgendetwas kann jede bzw. jeder. Darum mein Rat: Gehen Sie einmal tief in sich und fragen sich, welches wohl Ihr verborgenes Talent ist. Vielleicht bin ich ja nicht der einzige „weirdo“ da draußen…

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