Menschen im Museum „Was uns fehlt“

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Menschen im Museum. Kolumne von Susanne Falk

Kolumne von Susanne Falk.

Oft ist es ein Zuviel an Dingen, das sich in meinem Kopf ansammelt. Ein munteres Durcheinander von Wortfetzen, Bildern und Eindrücken aller Art, die sich nachts als absurdes Sammelsurium realer Zutaten zu einem traumhaften Brei vermengen und dann heiratet man plötzlich Hansi Hinterseer oder verpasst den Zug nach Venedig. Wobei ich gestehen muss, dass das mit dem Zugverpassen im Traum viel stressiger war als meine imaginäre Ehe mit Hansi, in der ich offenbar recht glücklich war, drei blonde Kinder mein Eigen nennen durfte und mein Ehemann grundsätzlich alles „bärig“ fand. Die Erleichterung nach dem Aufwachen war dennoch in beiden Fällen groß.

Gegenwärtig leben wir allerdings eher in einem Zeitalter der Verknappung. Keine Ruhe, kein Rückzugsraum, keine Gewissheiten mehr. Das ist nicht immer leicht auszuhalten, bietet allerdings Chancen. Ist der Kopf erst einmal leer gefegt, kann sich quasi im freien Raum etwas Neues regen. Kreativität entsteht oft aus Mangel.

Was mir derzeit fehlt ist Kultur, in jeder Form. Ich trau mich ja kaum noch, ein Museum zu betreten oder gar ein Theater. Letzteres werde ich allerdings ganz bald wieder tun, weil nun ausnahmsweise einmal mein eigenes Stück Premiere feiert, ausgerechnet in Corona-Zeiten. Ob da wohl irgendjemand kommt?

Wirklich eigenartig wird es dann, wenn man anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, ob wir eigentlich der Kunst genauso fehlen wie sie uns. Sehnt sich Mona Lisa etwa nach den vielen Touristen, die sonst so vor ihr herumstehen, um einen Blick auf ihre schmalen Lippen zu erhaschen? Steigt Batman von der Leinwand ins echte Leben hinab, wenn keiner zusieht und isst dabei eine Packung Popcorn, während er es sich in einem leeren Kinosaal bequem macht? Ein Buch ist auch dann nur ein Buch, wenn es gelesen wird und jemand seine Charaktere im Kopf zum Leben erweckt. Andernfalls bleibt es nur seelenloses, bedrucktes Papier. Musik ist stumm, wenn sie niemand hört und Theater kein Theater ohne Publikum. In den leeren Raum hineinzuspielen ist sinnlos.

Der Wahnsinn der letzten Monate ist noch lange nicht vorbei. Manche sagen, er hat gerade erst angefangen. Dabei bemühen wir uns so sehr darum, so etwas wie Normalität herzustellen, spielen, singen, tanzen, zeichnen und schreiben gegen das Nichts an, als gäbe es kein Morgen. Weil wir wissen: Egal, wie lange es dauert, am Ende sind wir wieder vereint mit dem, was wir lieben. Weil sie immer noch da sein wird, die Kunst. Am Ende dieses bösen Traums wachen wir auf und sind erleichtert, dass wir noch ganz viel Zeit haben, den Zug zu erwischen und lächeln kurz darüber, welche fatalen Folgen die Liebe unserer Oma zu Schlagermusik für unsere Psyche hatte. Bis dahin füllen wir alle leeren Räume in uns auf.

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