Menschen im Museum: “Junge Römer”

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Menschen im Museum. Kolumne von Susanne Falk

Kolumne von Susanne Falk.

Falco hat es natürlich gewusst: Sie tanzen anders als die anderen. Und sie spielen jedes Spiel. So sind sie eben, die jungen Römer. Und meine Kinder gehören jetzt dazu.

Ob Österreichs Nationalheiliger Falco je in Carnuntum war? Unwahrscheinlich ist es nicht, denn so gut wie jedes Wiener Kind wurde einmal in Richtung Carnuntum-Petronell aus der Stadt herausgekarrt und musste über die Ruinen der alten Römersiedlung, etwa eine Dreiviertelstunde von Wien entfernt, laufen. Das dürfte vor Jahrzehnten ziemlich langweilig gewesen sein, wie sich da Steinrest an Steinrest reihte und alte Geschichtslehrer etwas über die Größe des römischen Reichs erzählten, dass sich bis ins kleine Österreich ausdehnte. Ich stelle mir vor, dass den Kindern auf gut Wienerisch „mordsfad“ war. Doch diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei, denn das Freilichtmuseum Carnuntum ist heute, und hier zitiere ich meine eigene Nachkommenschaft, „urcool“.

Durch den Nachbau römischer Wohnhäuser, die vollständig begehbar sind, wird Geschichte plötzlich mit allen Sinnen erfahrbar und lebendig, denn die Gestalter des Museums haben mit viel Liebe zum Detail den Alltag römischer Beamter und Kaufleute zum Leben erweckt. Da liegen die Kleider auf den Betten herum, plätschert das Wasser im Badebecken und stehen Obstschalen auf jedem Tisch, die mit tatsächlich Essbarem gefüllt sind. Es wirkt alles genau so, als ob die Römer nur einmal kurz den Raum verlassen hätten und jederzeit wiederkommen könnten, ganz so, als bewege man sich in einer überaus überzeugend wirkenden Filmkulisse. Tatsächlich aber wurde die im Jahre 6 n. Chr gegründete und zeitweilig bis zu 50.000 Menschen beherbergende Siedlung im Zuge der beginnenden Völkerwanderung und des Zusammenbruchs des römischen Reiches schon im 5. Jahrhundert n. Chr. aufgegeben.

Wenn man so durch die rekonstruierten Häuser schreitet, ergibt sich aber ein gänzlich anderes Bild. Da will sich die gestresste Mutter nur allzu gerne auf eine der Liegen im Badehaus hinfläzen oder sich gestärkt mit allerlei Obst und Gemüse an den Tisch des Schreibers setzen und etwas zu Papier bringen. Die Kinder haben allerdings andere Pläne. Sie haben es auf die Gladiatoren abgesehen und so erwerben wir bereits beim Eintritt ins Museum im Shop ein paar Holzschwerter, mit denen dann eifrig vor authentischer Kulisse gekämpft wird. In kürzester Zeit kennen sie alle Namen der verschiedenen Gladiatorentypen auswendig und ich lerne, dass diese sich nicht nur auf grausame Art und Weise zu Tode bekämpft haben, sondern dass Carnuntum auch eine eigene Gladiatorenschule besessen hat – einmalig außerhalb Roms!

Wir stromern so zwischen Ruinen und neu errichteten Häusern hin und her und verlieren uns im römischen Alltagsleben, bis es uns endlich auf den Spielplatz zieht, der, wie man in Wien sagt, alle Stückerln spielt. Das berühmte Heidentor schenken wir uns (das sind dann doch zu viele kaputte alte Steine an einem Tag für Mutter und Kinder), und weil die Sonne gar so sehr vom Himmel brennt, brauchen die zwei Gladiatoren und ich ganz dringend ein Eis im Schatten. Das ist zwar nicht original römisch aber dafür enorm kalt und tut allen gut.

Wenn Sie also einmal von der Walzerseligkeit und dem Habsburgerkitsch Wiens genug haben, dann nehmen Sie die S-Bahn in Richtung Wolfsthal und steigen Sie in Carnuntum aus. Denn schon Falco fragte sich zu Recht: „Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down, Du kennst mich. Nur Wien, nur Wien, du nur allein. Wohin sind deine Frauen?“ Na ja, die sind natürlich in Carnuntum. Wo denn auch sonst? So junge Römer müssen ja schließlich einmal vor die Tür.

Website Carnuntum

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