Zum Inhalt springen

Meine Bücher! „Eine Welt aus Papier“

Rating: 5.00/5. From 3 votes.
Please wait...
frau mit büchern

Ein Zwischenruf von Susanne Falk.

Wo Mangel auf Energiekrise trifft, da entsteht Teuerung. Und die wird den Buchmarkt über kurz oder lang stark verändern, denn: Papier ist ab sofort Luxusware.

Das Problem ist vielschichtig und nicht ganz leicht zu erklären. Papier als Mangelware kommt uns heute immer noch seltsam vor, da wir von Papier ja überall umgeben sind und seit Jahren brav recyceln. Dennoch hat gerade die Pandemie zu einem großen Mangel an Altpapier beigetragen. Das hat u.a. damit zu tun, dass der Papierkreislauf eigentlich zwei Kreisläufe sind, nämlich einmal der tatsächliche Altpapierkreislauf, bei dem aus hellem Papier erneut Druckpapier gewonnen wird und andererseits der Kreislauf, bei dem Karton und Altpapier in neue Kartonage umgewandelt werden. Einmal zu braunem Karton (Verpackungsmaterial, Stichwort Amazonpakete) umgewandelt, kann das Papier nicht mehr in SD-Papier (Druckpapier) umgewandelt werden. Kurz gesagt: Je mehr in der Pandemie online bestellt wurde, umso stärker wuchs auch der Anteil an Verpackungskarton in der Papierproduktion –ein Vorgang, der nicht rückgängig gemacht werden kann.

Des Weiteren fielen durch den Mangel an Veranstaltungen in Pandemiezeiten viele Beilagen und Folder in der Produktion weg. Es wurde also auch allgemein weniger Altpapier produziert. Eine gängige Lösung wäre da etwa der Zukauf von Altpapier aus anderen Wirtschaftsregionen, etwa China. Nur halten die Chinesen ihre Altpapierbestände zurück, weil sie sie für den eigenen Bedarf brauchen. Ausfuhrbeschränkungen aus Russland aufgrund des Ukrainekrieges verschärfen das Problem zusätzlich. Und da auch Transportpreis stark gestiegen sind, lohnt es sich für Europäer kaum noch, in China selbst zu drucken.

Nun könnte der schlaue Mensch ja denken: Papier wird aus Holz gewonnen, warum also nicht den Holzanteil im Papier wieder erhöhen und so die Produktionsmenge steigern? Die einfache Antwort: Einmal auf 100 Prozent Recyclingpapier umgestellt, kann die Produktion nicht so ohne weiteres wieder auf Holz umstellen. Das geben weder die Maschinen her noch die ebenso angestiegenen Holzpreise.

Eine besondere Finesse ergibt sich noch in der Produktion von Papier mit besonders hohem Füllstoff- bzw. Zellstoffanteil, etwa für Bildbände und Kinderbücher: Auch Füllstoffe bzw. Zellstoffe sind derzeit Mangelware respektive ist deren Preis gleichfalls stark angestiegen. Das hat teils mit veränderten Marktbedingungen zu tun, aber auch mit Umweltbedingungen: 90 Prozent des weltweit erzeugten Zellstoffs wird gleichfalls aus Holz hergestellt. Besonders beliebt: schnell wachsender Eukalyptus. Dass Australien im vorletzten Jahr mit starken Waldbränden zu kämpfen hatte, hat sicher zur Verschärfung des Problems am Weltmarkt beigetragen.

Zu guter Letzt bewegen sich die Energiepreise aus bekannten Gründen in astronomischen Höhen. Die Papierindustrie zählt zu den Wirtschaftszweigen mit dem größten Energiebedarf. Was nicht jeder weiß: Auch Druckereien haben einen hohen Energiebedarf, weshalb über Jahre Kosten eingespart wurden, indem man die großen Druckmaschinen nicht mehr mit Strom, sondern mit Gas betrieb. Im Falle eines Gas-Outs stünde also nicht nur die Papierindustrie still, es könnte vielerorts überhaupt nicht mehr oder nur in geringen Mengen gedruckt werden (auf elektronisch betriebenen Maschinen), zu deutlich höheren Preisen.

„Bücher müssen teurer werden“, sagt denn auch Alexander Potyka, Vorsitzender des österreichischen Verlegerverbandes. Es bleibe den Verlagen schlicht und ergreifend nichts anderes übrig, als die Buchpreise zu erhöhen, um bei der rasanten Steigerung der Produktionskosten überlebensfähig zu bleiben. „Was jedoch niemand weiß: Wo liegt die Schmerzgrenze der Konsumenten? Da käme es auf eine Gegenprobe an.“

Die kennt wahrscheinlich nicht einmal der gut geschulte Buchhändler. Oliver Hartlieb, Mitinhaber von Hartliebs Bücher und Buchhändler in Wien, dazu: „Hier gibt es einen eklatanten Unterschied zwischen Österreich und Deutschland. Wobei Deutschland bedeutend preissensibler ist. Ich würde sagen, je nach Umfang und Genre, liegt die Schmerzgrenze beim Taschenbuch bei etwa 15 und beim Hardcover zwischen 25 und 30 Euro. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Der letzte Follett etwa kostete in Österreich 32,90 Euro, was für uns bislang kein Problem war.“ Wie sich die Situation weiterentwickelt, bleibt abzuwarten.

Vor allem eine vorausschauende Kalkulation ist bei den sich monatlich deutlich steigernden Papierpreisen so gut wie unmöglich – und schafft ungeahnte Konflikte mit der Buchpreisbindung. Was einerseits als Schutzmechanismus gegen Dumpingpreise gedacht war, verhindert andererseits die Preisanpassung des Endprodukts Buch bei steigenden Produktionskosten. Drucke ich ein Buch, das heute 22 Euro kostet, in einem Jahr nach, muss ich mit gänzlich anderen Papierpreisen kalkulieren und mein Gewinn schrumpft womöglich um ein Erkleckliches. Verlage geraten so immer weiter unter Druck. Die Buchpreisbindung aufzuheben ist allerdings auch keine Lösung.

Schauen wir einmal in die Zukunft und wagen wir eine Prognose: Während Konsumenten Preissteigerungen beim Taschenbuch nicht beliebig mittragen werden, kann man im Hardcoverbereich womöglich mit weniger, aber dafür besonders treuen Kunden weiter rechnen. Doch ein Weg ins digitale Buch scheint nahezu der einzig gangbare Weg, um Buchpreise zu halten und so den Literaturbetrieb aus der sich immer schneller drehenden Preisschraube zu befreien. Bislang hat sich das E-Book am deutschsprachigen Buchmarkt nicht wirklich durchgesetzt. Gut möglich, dass es das nun durch die Hintertür schafft. Dafür müssen allerdings die Endgeräte noch benutzerfreundlicher werden. Interessant ist aber, dass sich hier neue Untergenres plötzlich ungeahnter Beliebtheit erfreuen, etwa in der Fantasy-Literatur, wo jede Menge Kurzromane für 1 bis 2 Euro zum digitalen Download bereitstehen. Einen dicken Schmöker am E-Reader zu lesen, widerstrebt noch immer vielen Konsumentinnen und Konsumenten, einen Kurzroman bzw. eine längere Erzählung oder auch eine Novelle mit ca. 60-70 Seiten Länge dagegen bietet mitunter gute (digitale) Literatur zum kleinen Preis. Was heute also noch wie ein Nischenprodukt daherkommt, kann sich sehr bald zum Trend entwickeln. Die Frage ist nur, wann die großen deutschen Verlage auf den Zug aufspringen? Der Buchmarkt ist also in Bewegung – heute mehr als je zuvor.

Bei Verwendung des Textes bitte Quelle angeben bzw. verlinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert