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Literatur: Leon de Winter „Geronimo“… oder wie die Suche nach Osama bin Laden ablief

Wenn man einen Roman von Leon de Winter aufschlägt, darf man sich freuen: Auf feine Beschreibungen der menschlichen Psyche wie in Leo Kaplan oder Hoffmanns Hunger, auf Absurdes, Skurriles und Humorvolles wie in Ein gutes Herz, Tragik wie in Malibu und  SuperTex oder Drama pur, fantastisch aufgefächert in Das Recht auf Rückkehr. Auf Bilder, die der niederländische Romancier in wenigen Worten zeichnet, sodass vor dem inneren Auge des Lesers sofort ein Film abzulaufen beginnt.

Heute erscheint das neueste Werk von Leon de Winter, Geronimo, und es geht um niemand geringerem als Osama bin Laden, Gründer von Al-Qaida und seit 1994 gejagt als staatenloser Terrorist. Die Sonderheit Seals Team 6 ist ihm auf der Spur und soll mit dem Codewort „Geronimo“ anzeigen, wenn sie ihn gefunden hat. Aber wie lief die Suche ab? Wirklich so, wie wir es zu lesen und zu hören bekommen?

In einem Gespräch mit seinem Verlag erzählt Leon de Winter von der Arbeit an dem Roman:

Leon de Winter, wie sind Sie zu diesem doch recht außergewöhnlichen Stoff für Geronimo gekommen?
Vor drei Jahren, während eines traumhaften Ferienaufenthaltes in Sorrent, der italienischen Version des Paradieses, „überkam“ mich die Geschichte: ein Roman über die „Operation Neptune Spear“, den überfallartigen Militäreinsatz, der zum Tod Osama bin Ladens führte. Die Geschichte kam mir in den Sinn, während ich in einem Restaurant zu Mittag aß. Vielleicht hatten mich meine Gastgeber in Sorrent auf die Idee gebracht, Amerikaner, von denen der eine früher einer Sondereinsatztruppe angehört hatte und der andere für den Geheimdienst arbeitete.

Und wie ging es weiter?
Ich erinnere mich genau: Bei einem Mozzarella-Salat und einem Glas Wein gelang es mir innerhalb einer halben Stunde, die dramatische Struktur komplett zu entwerfen. Ich machte mich an die Arbeit, und zwei Jahre später brachte De Bezige Bij, mein niederländischer Verlag, den Roman unter dem Titel Geronimo heraus.

Das Buch verrät eine sehr genaue Kenntnis der Details und Begebenheiten. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Nach meiner Rückkehr aus Sorrent machte ich mich über Bin Laden kundig und fand heraus, dass er sich meisterhaft darauf verstand, Tunnelsysteme zu konstruieren. In einem Artikel des Guardian von 1998 wird der ehemalige Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI mit den Worten zitiert, Bin Laden sei „weniger Soldat als Ingenieur gewesen und ein Experte des Tunnelbaus“. Eine solche Bemerkung ist natürlich in besonderer Weise dazu angetan, die Fantasie eines Schriftstellers zu beflügeln. Der Gebäudekomplex in Abbottabad, in dem Bin Laden seine letzten Jahre verbrachte, wurde eigens für ihn angelegt, und weil mir bekannt war, dass er ein Bauunternehmer war wie sein Vater, der in Saudi-Arabien in diesem Gewerbe ein Vermögen gemacht hatte, fragte ich mich, was Bin Laden zu dem Entwurf gesagt hätte, wenn er ihm vorgelegt worden wäre. Hätte er die entscheidende Frage gestellt: „Wo ist mein Fluchttunnel?“ Also richtete ich für ihn in seinem Anwesen in Abbottabad einen heimlichen Fluchtweg ein, einen Tunnel, durch den er unbemerkt nach draußen gelangen konnte, um auf seinem klapprigen Moped in der Stadt umherzufahren, Zigaretten zu kaufen und um frische Luft in der Bergwelt zu schöpfen.

Zugegeben, eine ungewohnte Perspektive auf den meistgesuchten Mann der Welt.
In meinem Roman wird Bin Laden zu einem freien Mann, der sich am Leben mit seinen Frauen und seinen nächtlichen Exkursionen erfreut und gleichzeitig davon träumt, den Westen mit verheerenden Anschlägen zu erschüttern. Er wird ein Monster mit menschlichem Gesicht, und ich dachte, genau das macht alles noch schlimmer: sich ihn als menschliches Wesen mit den Augen eines Romantikers und den Gedanken eines Massenmörders vorzustellen.

Leon de Winter

Leon de Winter / Foto: © Marco Okhuizen/laif

Kern Ihres Romans ist die Frage, was passiert wäre, wenn Osama bin Laden bei der „Operation Neptune Spear“ nicht getötet, sondern gefangen genommen worden wäre. Wie kamen Sie zu dieser Idee?
Nach meinem in Sorrent gefassten Plan hatten manche Mitglieder des SEAL Team Six ein Problem mit dem Befehl, Bin Laden „zu töten oder zu ergreifen“. Sie waren überzeugt davon, dass es richtiger wäre, ihn am Leben zu lassen, damit er verhört und die kranke Logik seiner Beweggründe nachvollzogen werden konnte. Schon während ihrer Vorbereitung auf die Operation äußern sich meine fiktionalen ST6-Männer ablehnend zu dem genannten Befehl. Sie sind bereit, Bin Laden unter höchster Gefahr für ihr eigenes Leben nach New York zu bringen, damit er am Ground Zero vor Gericht gestellt werden kann. Darum hecken sie den verrückten und verwegenen Plan aus, ihn gefangen zu nehmen und in ein sicheres Haus nach Afghanistan zu schaffen, gleichzeitig aber so zu tun, als würde er während ihres Zugriffs zu Tode kommen – sie wollen Bin Laden doubeln und seinem Sohn Khaled eine Blutprobe für den DNA-Test entnehmen.

Bitte verraten Sie uns nicht zu viel.
Nein, ich werde den Plot nicht verraten; dies ist nur der Beginn einer wilden Achterbahnfahrt unter dem Titel Geronimo. Die „offizielle“ Version der Operation bleibt zwar erhalten, doch füge ich ihr eine geheime Hintergrundgeschichte hinzu.

Sie wollten es anders machen? Anders auch als Seymour Hersh, dessen Bericht in The London Review of Books eine große Kontroverse in den amerikanischen und englischen Medien ausgelöst hat?
Die Amerikaner schicken SEAL Team Six auf die Reise, um Bin Laden in einer riskanten nächtlichen Aktion, bei der zwei Black Hawks und zwei Chinooks zum Einsatz kommen, auszuschalten. Klar, jedes einzelne der SEAL Team-Mitglieder hätte es geschafft, nach einem ordentlichen Mittagessen in einem Restaurant von Abbottabad ins Haus einzudringen und den Terroristen mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen zur Strecke zu bringen. Aber das wäre zu einfach gewesen, will uns Hersh glauben machen. Bin Laden stand schließlich unter dem Schutz des pakistanischen Geheimdienstes ISI; er bewachte ihn. Er war krank, unbewaffnet, von seinen Frauen und Kindern umgeben, und doch drangen die Amerikaner mit allem Tamtam einer solchen Sondereinsatztruppe ein, nur weil es ihnen Spaß machte, einen nicht mehr ganz jungen, wehrlosen, invaliden Mann umzubringen. Hersh hat die Dinge für seine Story komplett umgeschrieben. Er will, dass wir glauben, die offizielle Version sei ein Schwindel – nicht mehr als eine Story, sagt er. Offenbar bedenkt er nicht, dass sich die Leser seines Artikels alle dieselbe Frage stellen: „Warum?“
Nein, so lässt sich ein fiktionaler Bericht der „Operation Neptune Spear“ nicht aufziehen. Ich habe die offizielle Story als Hintergrund für meinen Roman übernommen. Ich hege keinen Zweifel an der Abfolge der Ereignisse. Allerdings habe ich einen versteckten Kontext hinzugefügt. Ich ergänze die Tatsachen um fiktionale Elemente.

Rückblickend, wie bewerten Sie die Arbeit an Geronimo?
Die Arbeit an Geronimo war eine erstaunliche Erfahrung. Ich hatte Gefallen daran, mir vorzustellen, wie Präsident Obama seine Bin-Laden-Rede niederschrieb, die er am 1. Mai 2011 im Ostflügel seines Amtssitzes so eindrücklich vortrug. Es war mir eine Freude, eine alternative, gleichwohl auf Fakten beruhende Ereignisfolge zu konstruieren. Nun ja, zugegeben, es ist mir immer noch ein Rätsel, warum die Helden von ST6 die Bestie töten mussten. Ich habe immer noch keine Antwort auf die Frage, warum sie ihn nicht in die USA ausgeflogen und auf dem heiligen Boden von Ground Zero in einen Käfig gesperrt haben. Dies war mein „Warum“ während der Arbeit an Geronimo.

Diogenes Verlag, 27.7.2016/© by Diogenes Verlag AG Zürich
Aus dem Englischen von Michael Windgassen

Leon de Winter
Geronimo
Diogenes Verlag, Zürich 2016
„Geronimo“ bei Amazon

 

 

 

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