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Die Bayrische Staatsoper zeigt Giuseppe Verdis Sizilianische Vesper in einer abstrahierten und ausdrucksstarken Inszenierung von Antú Romero Nunes. Das Staatsorchester begeistert unter der Leitung von Omer Meir Wellber. Von Stephan Reimertz

Les vêpres siciliennes von 1855 sind eine der interessantesten Opern von Giuseppe Verdi. Das Libretto stammt aus der Fabrik des französischen Theater- und Opernroutiniers Eugène Scribe, dem wir nicht nur den Komödienklassiker Das Glas Wasser verdanken, sondern auch Libretti zu einigen der bekanntesten Opern des 19. Jahrhundert, wie z. B. Die Stumme von Poritici und Fra Diavolo für Daniel-François-Esprit Auber oder Robert der Teufel und Die Hugenotten für Giacomo Meyerbeer. Für Giuseppe Verdi hat der Libretto-Profi zusammen mit Charles Duveyrier und anderen Helfern aus seiner Werkstatt ein Textbuch gezimmert, das unter dem Titel Les Vêpres siciliennes einen Konflikt von europäischem Ausmaß aus dem späten 13. Jahrhundert behandelt. Es geht um den Versuch der Sizilianer, sich mit spanischer Hilfe von der französischen Vorherrschaft zu befreien. Scribe und sein Team verbinden den authentischen historischen Hintergrund mit einem Vater-Sohn-Konflikt und einer Liebesgeschichte und zeigen sich mit dieser spannender Kolportage als würdige Zeitgenossen von Alexandre Dumas.

»Warum singt der Franzose anders, als er spricht?«

Dieses Meisterwerk der Operngeschichte ist Verdis einzige auf Französisch komponierte Oper, die glanzvolle Verbindung der Grand Opéra mit der italienischen Operntradition. Es klingt etwas ungewohnt und muss auch für den Komponisten eine Herausforderung gewesen sein. Schon Richard Strauss verzweifelte, als er die Salomé auf Französisch komponieren wollte, daran, dass, wie der Komponist Romain Rolland gegenüber klagte, der Franzose anders singt als er spricht. Vor allem betont der singende Franzose das End-E, das er beim Sprechen weglässt, während der Italiener es ausspricht und beim Singen darauf verzichtet. Die französische Sprachmelodie bringt also eine ganz andere Gesanglichkeit hervor als die italienische. Auch das ist ein großer Reiz der Vêpres siciliennes, abgesehen davon, dass Verdi hier eines seiner Meisterwerke gelang, was dramaturgische und musikalische Raffinesse betrifft, mit subtilen Duetten, starken Chören und eingängigen Soli. Die Abschattierungen seiner Instrumentierung sind z. T. so meisterhaft, dass man Les vêpres siciliennes als eines der Glanzstücke der Oper des 19. Jahrhunderts bezeichnen kann.

Les Vêpres siciliennes: Rachel Willis-Sørensen (Hélène), Erwein Schrott (Procida), Sol Dance Company / © Wilfried Hösl

Giuseppe Verdis Grand Opéra

In München besticht Rachel Willis-Sørensen als Hélène durch starke Bühnenpräsenz und eine enorm modulationsfähige Stimme. Erwin Schrott gibt einen strahlenden, auch durch sein schmuckes Kostüm wirkenden Befreiungsaktivisten Procida. Leondardo Caimi als Henri begeistert durch sein Engagement ebenso wie durch seine Wandlungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft, die er schon bei der Premiere bewies: Bryan Hymel, der für die Rolle vorgesehen war, erlitt im letzten Akt ein Stimmproblem und agierte dann nur noch, während Calmi für ihn sang. Galeano Salas als ambivalente Vaterfigur überzeugt durch starke Auftritte und ebensolche Stimmlichkeit. Als durchaus gelungen empfand das Publikum die Technoeinlagen beim Ballett am Anfang des vierten Aufzugs, die vor allem eines beweisen: Techno ist veraltet, Verdi nicht! Dustin Kleins Choreographie beweist sich als durchweg bereicherndes Element der Opernhandlung. Antú Romero Nunes überzeugt durch eine stets durchdachte und dramaturgisch notwendige Personenregie und wird darin von einem düsteren und konzisen Bühnenbild (Matthias Koch) und kontrastreichen Kostümen (Victoria Behr) unterstützt. Kein Zweifel, Les vêpres siciliennes sind ein Prunkstück der Operngeschichte, und dem Zusammenwirken internationaler Stars in München danken wir eine sehenswerte und interessante Inszenierung.

 

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