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Museum Barberini, Rückansicht, Photo: Helge Mundt, © Museum Barberini

Mit Impressionisten aus Privatsammlungen und einem gezielten Überblick über moderne Kunst gibt das neue Museum in Potsdam seinen glanzvollen Einstand Von Stephan Reimertz

Namen für Museen, so scheint es, sind ebenso schwer zu finden wie für Schiffe oder Rennpferde. Die deutsche Grammatik sieht eine Gattungsbezeichnung innerhalb eines Wortes oder Begriffspaares an zweiter Stelle vor, also z. B.: Prinzregentenbad, und nicht: Bad Prinzregent. Das scheint heutzutage allerdings kaum noch zu jemanden zu kümmern, kommt es doch immer häufiger zu Benamsungen wie z.B.  Museum Ludwig, statt: Ludwig-Museum, eine Entlehnung aus der asiatischen Grammatik, wo am Anfang immer die Gattungsbezeichnung steht. So heißt auch das neue Museum in Potsdam, stark chinoisoid: Museum Barberini, statt: Barberini-Museum. Die Innenräume verleugnen die Vergangenheit als preußisches Verwaltungsgebäude nicht. Auch haben sich bei der Rekonstruktion Züge von Bauhaus und Postmoderne eingeschlichen. Die barock-klassizistische Fassade aus der Goethe-Zeit wurde nur halbherzig rekonstruiert. Die Sammlungen und Ausstellungen, mit denen das Ende Januar eröffnete Privatmuseum sich der Öffentlichkeit vorstellt, können sich allerdings sehen lassen.

Impressionistische Landschaften aus Privatsammlungen

Claude Monet: Seerosen, 1914–1917, Privatsammlung, Scan: RECOM ART

Wenn man die emotionale Belastung bedenkt, die es für einen Sammler bedeutet, sich für Wochen oder Monate von einem Werk zu trennen, müssen wir den Veranstaltern dankbar sein, dass es ihnen gelang, Sammlern soviel erstrangige Werke für die neue Ausstellung Impressionismus. Die Kunst der Landschaft abgerungen zu haben. Der Erfolg bei Publikum und Kennern hat verschiedene Gründe. An erster Stelle steht die herausragende Qualität der versammelten Werke von Claude Monet, seinem Vorbild Jean Boudin, Edouard Manet, Auguste Renoir, Camille Pissarro, Gustave Caillebotte und vielen. Dabei ist die Stringenz und Disziplin der Auswahl zu bewundern.

Thematisch werden, See-, Fluss- und Gartenlandschaften zu jeder Jahreszeit in den Mittelpunkt gestellt. Natürlich findet auch eine Version von Monets Seerosen hier ihren Platz. Aber es gibt viel Überraschendes und Ungeahntes zu entdecken. Dass die Bilder im Barberini-Museum so gut aussehen, verdanken sie der geschickten Beleuchtung und dem meist in dunklem Taubenblau gehaltenen Wandhintergrund. Die Zeit der weißen Wände ist zum Glück vorbei. Im Übrigen erfreuen die Arbeiten mit einer Frische und Lebendigkeit wie am ersten Tag, nicht zuletzt, weil sie nicht oder kaum gefirnisst sind.

Hauptwege und Nebenwege moderner Kunst

Direkt darauf bezogen ist die Ausstellung Klassiker der Moderne. Liebermann, Munch, Nolde, Kandinsky. Max Liebermann, der schlagfertige Jude und Großbürger aus Berlin, genießt in Potsdam eine Liebe beim Publikum, die sich nicht zuletzt aus lokalpatriotischen Quellen speist. Sein nicht weit vom Museum entfernter Garten am Wannsee ist ebenso zu sehen, wie die Gemälde, die er auf einem Besuch in den Niederlanden schuf, dem Mekka aller Maler. Liebermann nahm einen Widerschein der holländischen Klassiker ebenso auf wie die holländische Malerei des späten neunzehnten Jahrhunderts, um das zu schaffen, was seine deutschen Landsleute so sehr ersehnten: einen eigenen, von den Franzosen möglichst unabhängigen Impressionismus. Freilich sind die Werke Liebermanns ohne Manet und Monet ebensowenig vorstellbar wie Fontanes Romane ohne ihre französischen Vorbilder.

Gustave Caillebotte: Die Brücke von Argenteuil und die Seine, um 1883, Privatsammlung

Wer nach den Emil-Nolde-Lobpreisungen von Siegfried Lenz und Helmut Schmidt zu einem Verächter des norddeutschen NSDAP-Mitglieds geworden ist, dem kann in dieser Ausstellung geholfen werden. So farbenfroh und frisch hat man den holsteinischen Nachfolger der französischen Fauves selten gesehen. Auch hier erweist sich die Konzentration auf ein Thema als fruchtbar. Emil Noldes Garten- und Blumenbilder präsentieren sich in hervorragendem Zustand  und vermitteln jene Frische, die diese Werke des Malers einst auf seine Zeitgenossen ausgeübt haben. Jede kunsthistorische Kombination bringt neue Aspekte hervor; so beleuchtet das Kraftfeld Liebermann – Munch – Nolde einen spezifisch nordeuropäischen Übergang vom Impressionismus in die Moderne. Edvard Munch ist im Barberini-Museum auch mit Bildern von seinem Aufenthalt in Frankreich präsent. Seine Ansicht der Promenade des Anglais in Nizza strahlt in leuchtender Unschuld und stimmt den Betrachter nach dem Anschlag vom Juli 2016 geradezu melancholisch.

Die Alten Meister aus der DDR

Im Gegensatz zu den Sonderausstellungen der impressionistischen Landschaften und der Klassiker der Moderne entstammt die Auswahl von Kunst nach 1945 eigenen Beständen des Museums. Eine Reihe interessanter Arbeiten aus den USA und ihres westdeutschen Ablegers ist ebenso zu sehen wie – in räumlichem Abstand –klassische Meisterwerke einiger Künstler der DDR. Erst jetzt, eine Generation nach Ende der DDR, wird die kunsthistorische Bedeutung der Werke von Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Bernhard Heisig vollends deutlich. Von höchstem technischen und künstlerischen Rang, setzen sie sich mit der kunsthistorischen Tradition ebenso auseinander wie mit der Gesellschaft ihrer Zeit und den Dogmen der damaligen Regierung.

Ein Inbild dieser Vieldeutigkeit ist Willi Sittes Selbstporträt mit Bauarbeiterhelm und nackten Oberkörper, in dem er den Typus des von der Regierung geforderten »positiven Arbeiterhelden« ebenso umsetzt wie ironisiert. Das Selbstporträt ist jedoch vor allem außerhalb seines politischen Zusammenhanges von Bedeutung. Es greift Selbstdarstellungen seit Dürer ebenso auf wie impressionistische Brillanz. Befreit von ihrem Staat, tritt die Malerei der DDR heute in ihrem vollen Glanz auf die Bühne der Kunstgeschichte. Erst jetzt kann sie recht gesehen werden. »Drum sag ich Euch: / ehrt Eure deutschen Meister! / Dann bannt Ihr gute Geister / und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst, / zerging in Dunst / das heil’ge röm’sche Reich, / uns bliebe gleich / die heil ‚ge deutsche Kunst!«

Möchten Sie einen Rundgang durch das Museum machen?
Dann folgen Sie dem Künstler MASCH von Kunstleben Berlin hier.

Landschaften des Impressionismus
Ausstellung bis zum 28. Mai 2017

Museum Barberini
Humboldtstraße 5-6
14467 Potsdam

Öffnungszeiten:
Mittwoch und Freitag bis Montag: 10 bis 19 Uhr
Donnerstag: 11 bis 21 Uhr
Dienstag: geschlossen

14 Euro/10 Euro

 

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